Jazz mit Matisse in Münster

Henri Matisse, Jazz, Tafel XVII: Die Lagune, Malerbuch, Tériade Editeur, 1947, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Henri Matisse, Jazz, Tafel XVII: Die Lagune, Malerbuch, Tériade Editeur, 1947, Sammlung Classen im
Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Die Stadt Münster macht zu Beginn des Jahres 2017 eine Vorgabe in Sachen Kunst, die schwer zu toppen ist. Wer am ersten Wochenende nach Neujahr die Ausstellung Matisse – Die Hand zum Singen bringen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster (noch bis 12. Februar 2017) besucht hat, konnte anschließend beim diesjährigen 26. Internationalen Jazzfestival Münster Matisses singende Hand mit dem vielfach gerühmten sogenannten singenden Bass von Renaud Garcia-Fons

Renaud Garcia-Fons @ Peter E. Rytz 2017

Renaud Garcia-Fons @ Peter E. Rytz 2017

Shaney Forbes @ Peter E. Rytz 2017

Shaney Forbes @ Peter E. Rytz 2017

 

und dem vitalen Schlagzeug von Shaney Forbes sowie von Christian Marien oder zirkular geblasenen Trompetentönen von Nikolaus Neuser nachlauschen.

Christian Marien @ Peter E. Rytz 2017

Christian Marien @ Peter E. Rytz 2017

Nikolaus Neuser @ Peter E. Rytz 2017

Nikolaus Neuser @ Peter E. Rytz 2017

 

Kunstmuseum Pablo Picasso und Theater Münster, für drei Tage seit fast 20 Jahren Spielort des Jazzfestivals, zwei Orte in Münster wenige Gehminuten voneinander entfernt, die als sich kongenial ergänzende Orte der Kunst ein wunderbare Brücke bilden. Dass in der Ausstellung das Künstlerbuch Jazz neben Poésies zu Gedichten von Stéphane Mallarmé einen kuratorischen Schwerpunkt bildet, macht diese unmittelbare Verbindung von bildender Kunst und Jazz, respektive von Musik überhaupt zum Besuch eines Gesamtkunstwerkes, in der Matisse-Ausstellung noch ergänzt durch Radierungen, Lithografien und Linolschnitte von Pablo Picasso aus dem Eigenbestand: Klingende Bilder – Picasso und die Musik.

Solche Ergänzungen zu den jeweiligen Ausstellungen sind Teil der konzeptionell programmatischen Ausrichtung des Museums (Alberto Giacometti zwischen Sisyphos und Hippolyte vom14.01.2016; Le Corbusier, der unbekannte Zeichner neben dem bekannten Architekten vom 19.02.2016, hier veröffentlicht). Mit jeder Ausstellung wird eindrucksvoll der konstruktive Dialog zwischen Picasso und den jeweils ausgestellten Künstlern deutlich gemacht.

Auch wenn Henri Matisse als passionierter Geigenspieler Picasso, der von sich behauptete Ich verstehe nichts von Musik musikpraktisch überlegen war, widerspricht Picassos einzigartige malerische Auseinandersetzung mit der Musik seinem eigenen Verdikt. Allein Matisse ist überzeugt, dass die glücklich sind, die aus vollem Herze singen, wie er auf einer Ausstellungswand zitiert wird, und lässt seine Hand vom Rhythmus der Farben leiten. Der Scherenschnitt, den er krankheitsbedingt nach 1945 in einem Sessel liegend zu einer fabulierenden, lebendigen Farbenvielfalt entwickelt, zeigt in den Tafeln des Malerbuches Jazz, wie seine Hand sie trotz der körperlichen Einschränkungen zum Singen bringt. Flächen und Linien kreuzen sich, arrondieren Strukturen, die das improvisierende Moment des Jazz evozieren. Keine linear reduzierte Nachahmung, sondern Musik durch farbliche Kontrastierungen assoziiert, das vor den Bildern nicht Hörbare durch Farbstimmungen im Ohr des Betrachters hörbar machen.

In Matisses Lithografien, Holzschnitten und Radierungen wirkt die Linie wie eine lebensspendende Ader. Portrait-Studien, wie Junge Frau aus Martinique (1946) oder Studie für die Jungfrau (1950/51) lassen wie auch in den Blättern zu Les Fleurs du Mal (1947) zu Gedichten von Charles Baudelaire oder in den Poésies (1932) mit wenigen Strichen den Charakter der Figur aufscheinen. Zeichnen ist der genaue Ausdruck des Gedankens. Durch die Zeichnung gehen Seele und Gefühl des Malers mühelos in den Geist des Betrachters über, wird Matisse im Katalog zitiert, der mit vorzüglichem Layout und farbecht gedruckt, mit Texten überzeugt, die auf umfänglichen, gleichwohl leserfreundlichen Recherchen basieren.

Henri Matisse, Polynesien, Der Himmel, 1946, Wandteppich, Musée d'Art moderne de Troyes

Henri Matisse, Polynesien, Der Himmel, 1946, Wandteppich, Musée d’Art moderne de Troyes

Schon seine frühen Holzschnitte von 1906, Der große Holzschnitt oder Kleiner heller sowie Kleiner schwarzer Holzschnitt zeugen von seinem Anspruch, durch Einfachheit zu überzeugen. Auch wenn Matisse manchem als der Fauvissimo, der Prinz der Fauves gilt, ist das Wilde bei ihm letztlich eingemeindet in eine Reduktion der Schönheit, die durch ihre Einfachheit überzeugt.

Die Figur des stürzenden Ikarus, die in der französischen Literatur seit Baudelaire eine mythische Figur ist, durchzieht Matisses Werk wie eine Folie. Sie ist bestimmt sowohl von saturierter Farbigkeit wie von pastellhafter Farbreduktion als auch von schlichter Farbigkeit, wie sie sich in den Kostümen zu Igor Strawinskys Ballett Le Chant du Rossignol in der Choreografie von Georg Balanchine zeigt.

Ausstellungsraum mit den Kostümen von Henri Matisse für das Ballett „Le Chant du Rossignol“ (1920)

Ausstellungsraum mit den Kostümen von Henri Matisse für das Ballett „Le Chant du Rossignol“ (1920)

Seine Reduzierung des Ausdrucks auf das Wesentliche zieht sich bis in die Ausgestaltung der Rosenkranzkapelle in Vence 1951fort. Vielleicht ist das Besondere dieser Ausstellung – neben dem temporär begrenzten münsterschen Jazzfestival-Bezug -, dass vor dem Modell für die Kapelle in Vence und mit den Fotografien der Matisse-Fenster von Andres Serrano (2015) Erinnerungen an Besuche in Vence geweckt werden, die für Urlaubsplanungen 2017 anregen, Matisse vor Ort zu begegnen.

07.01.2017

photo streaming Jazzfestival Münster 2017

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Über Peter E. Rytz Review

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