Der Geist Alberto Giacomettis im Kunsthaus Zürich

Werke 1914–1965 Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner, © Succession Alberto Giacometti / 2016 ProLitteris, Zürich

Werke 1914–1965
Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner, © Succession Alberto Giacometti / 2016 ProLitteris, Zürich

Nur selten hat man die Gelegenheit, Alberto Giacometti und seinem Werk so nahe zu kommen, wie in der Ausstellung Material und Vision im Kunsthaus Zürich. Den 75 ausgestellten Gipsen aus dem Nachlass des Künstlers, die in mehrjähriger aufwendiger Arbeit am Kunsthaus restauriert worden sind, haftet der Handabdruck Giacomettis so unmittelbar und authentisch an, dass man meinen könnte, er selbst käme im nächsten Moment um die Ecke, würde sich an den Modelliertisch setzen und immer wieder neu ansetzen, um die ihm vorschwebende figurative Form des Menschen zu schaffen.

Wer diesem Fluidum, dieser Inspiration, die von den Gipsen ausgeht, nachspüren möchte, hat nur noch wenige Tage Zeit dafür. Am 15. Januar 2017 endet diese aussergewöhnliche Ausstellung, und es ist kaum zu erwarten, dass sie in naher Zukunft noch einmal zu sehen sein wird. Die Fragilität des Materials lässt es kaum zu, dass diese einmaligen Exponate jemals eines globalen Ausstellungsprojekts sein könnten. Ausserdem sind die Leihgaben aus der nicht öffentlichen Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris zusammen mit der weltweit grössten Sammlung seiner Werke, der Alberto Giacometti-Stiftung im Kunsthaus Zürich, nur mit einer logistisch aufwendigen sowie mit hoher finanzieller Anstrengung wieder zusammen zu bringen.

Dass sich inzwischen herumgesprochen hat, dass sich auch in Zeiten eines scheinbar grenzenlosen Kunstbetriebs mit Material und Vision eine einmalige Chance bietet, den Weg von Giacomettis künstlerischen Ideen über seine plastische Formgebung bis zum Bronzeguss in ihrer mühevollen, von unendlichen Zweifeln besetzten Kleinarbeit nachzuverfolgen, zeigte sich am letzten Sonntag durch lange Warteschlangen vor der Kasse des Kunsthauses.

Die kompakte Präsentation der einzelnen Schaffensphasen entlang von Stellwänden wird unterbrochen von kleinen Kabinetten. Sie assoziieren in ihrer strukturellen, räumlichen Enge Giacomettis Pariser Atelier. Es scheint, als schwebe auf intime Weise sein Geist in den Räumen. In einem ist Giacomettis originaler Arbeitstisch aus Stampa mit Blumen und Gipsen ausgestellt, wie er mit ihm in einer Fotografie von Ernst Scheidegger zu sehen ist. Eines von vielen imaginären Momenten dieser Ausstellung.

Eingangs mit Peter Lindberghs Fotografien ausgewählter Bronzen Der weisse Giacometti von 2016 eingestimmt, wird damit auf geheimnisvolle Weise eine visuelle Brücke zu dem in denletzten Tagen gefallenen Schnee in Zürich geschlagen. Sie gibt – sicher ungewollt, aber vielleicht gerade deshalb eindrucksvoll – eine zentrale kommunikative Perspektive der Ausstellung vor. Die Gipse sind einerseits im Dialog mit malerischen Arbeiten von Giovanni Giacometti und frühen eigenen Arbeiten wie Selbstbildnis von 1921 angeordnet. Andererseits eröffnet die Materialität in der Reihung von Gips, Ton, Bronze und Marmor von Tête du père respektive Tête d’homme (êtude), 1927 oder mit Tête qui regarde (1929)dem Besucher inspirierende Perspektiven für das Verständnis von Giacomettis Arbeitsweise.

Dabei stehen bekannte, in Referenzausstellungen gern gezeigte Werke wie Femme cuillère (1927) neben selten zu sehenden Werken wie das Gipsrelief eines fliegenden Albatros (1937) im Kontrast zu Liegende Frau (1929) in Gips und Bronze. Von Giacomettis immer währenden Versuchen, der menschlichen Figur habhaft zu werden, zeugen kleinteilige Gipsfragmente wie Gips auf bemaltem Sockel von 1956, von denen Teile der Figur, sie gleichsam nackt zu entblössen, abgefallen sind. Oder die Gipse Schreitender Mann (1960), die mit Isolier- und Trennmittelschichten überzogen sind. Die teilweise zerbrochenen Gipse Le chien (1951) muten an, als hätte Giacometti den Hund gerade seziert, um sie wieder neu zusammenzusetzen. Überall in der Ausstellung scheint unter seinen Händen, die Arbeit zeitlos fortzugehen.

Wer sich bisher gefragt hat, worin der Unterschied zwischen einer Skulptur und einer Plastik besteht, demjenigen gibt der Katalog eine einfache, gleichwohl Giacomettis Arbeit als Bildhauer charakterisierende Antwort. Während der Bildhauer, wie es der Name schon beschreibt, aus einem Stein, Marmor oder Holz Stück für Stück Material abschlägt und so Form entsteht, fügt der Plastiker Material im Wechsel mit Materialentfernung in einem sich dynamisierenden Arbeitsprozess hinzu. Giacometti ist Bildhauer und Plastiker zugleich. Seine Marmorarbeiten beispielsweise ordnen sich in der Ausstellung gegenüber den Gipsen im Kontext von Material und Vision kuratorisch insoweit unter, dass sie letztlich als skulptural gefasstes Material Giacomettis Vision prozessual als vorläufigen Endpunkt zeigen.

Der Katalog ist in diesem Sinne vor allem ein wissenschaftlich dokumentarisches Handbuch, das allerdings den dialogischen Charakter der Ausstellung nur teilweise wiedergibt. Der Katalog allein reicht bei weitem nicht aus, Giacometti wirklich nahe zu kommen. Ein Ausstellungsbesuch ist deshalb ein unbedingtes Muss. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die bei Material und Vision aber eine besondere Unbedingtheit hat.

10.01.2017

photo streaming Giacometti. Material und Vision

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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