Messa da Requiem – große Musik, große Stille

Ballett Zürich - Messa da Requiem - 2016/17 © Gregory Batardon

Ballett Zürich – Messa da Requiem – 2016/17
© Gregory Batardon

Die Vorstellung am Sonntagnachmittag im Opernhaus Zürich beginnt mit Stille. Wo in zeitgenössischen Operninszenierungen kaum noch auf die Bebilderung von Ouvertüren verzichtet wird, zieht in Zürich die Eingangsszene ganz ohne Musik zunächst die Menschen in ihren Bann. Die Tänzer der Ballettcompagnie des Opernhauses beschreiten sehr behutsam den Weg in die Tiefen von Guiseppe Verdis Missa da Requiem. Ehe noch die Musik einsetzt, ist das Publikum eingestimmt auf Zartheit und Wucht dieses Werkes.

Diese Stille ist umso eindrucksvoller, da vor Beginn die übliche schwierige Situation des Auftritts eines Dramaturgen vor den Vorhang steht: Zwei Solisten sind erkrankt, leider. Michael Küster, gemeinsam mit Claus Spahn verantwortlich für die Dramaturgie der Inszenierung, wirbt für die kurzfristig für die erkrankte Krassimira Stoyanova eingesprungene Serena Farnocchia in der Sopranpartie und für Otar Jorjikia, der für den ebenfalls erkrankten Francesco Meli die Tenorpartie übernehmen wird. Die augenblicklich eintretende Irritation des Publikums wird sich während der Aufführung sehr schnell auflösen. Karina Cannelakis steht zum dritten und letzten Male am Pult der Philharmonia Zürich in dieser spartenübergreifenden Inszenierung.

Über Guiseppe Verdis Requiem ist sehr viel und auch widerstreitend gesprochen, geschrieben, debattiert worden. Verdi gilt manchem als Agnostiker, der fern des im Italien des 18. Jahrhunderts zwingenden katholischen Ritus seiner Auseinandersetzung mit dem Tod und den großen Fragen des menschlichen Daseins in seinem Requiem Ausdruck zu geben versucht. Die Geschichte der Entstehung dieses Werkes ist sehr speziell. Geplant war zunächst eine Missa per Rossini – ein Gemeinschaftswerk verschiedener Komponisten anlässlich des Todes von Gioachino Rossini, der 1868 in Paris verstorben war. Zur Vollendung dieses Werkes kam es nicht, wobei Verdi seinen Beitrag mit einem Libera me bereits geliefert hatte.

Der Tod des von Verdi hochverehrten Dichters Alessandro Manzoni 1873 in Mailand wurde schließlich zum Auslöser der Komposition des Requiems. Am ersten Jahrestag des Todes Manzonis kam es zur Uraufführung, nachdem Verdi dem Bürgermeister von Mailand geschrieben hatte: Es war einfach ein Impuls, besser gesagt, ein Herzensbedürfnis, was mich trieb, nach besten Kräften diesem Großen Ehre zu erweisen, einem Mann, den ich als Schriftsteller so sehr geschätzt, als Menschen verehrt habe, dem Musterbild patriotischer Tugend.

Nachdem der Dirigent Hans von Bülow im Zusammenhang mit dieser Aufführung Verdi als Verderber des künstlerischen Geschmacks denunziert hatte, beschrieb Brahms seine Begeisterung mit den Worten: So etwas kann nur ein Genie schreiben.

Im Opernhaus Zürich wird der Größe dieses Werkes in einer fulminanten Inszenierung Ausdruck gegeben. Wenn je – gerade auch im Zusammenhang mit dem Werke Richard Wagners, des großen Widersachers Verdis – vom Gesamtkunstwerk die Rede ist, so ergibt hier ganz selbstverständlich dieser Begriff die Klammer zwischen den Kunstformen, die in beeindruckender Weise jene Fragen auf die Bühne bringen, die sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens zwingend zu stellen hat: Fragen nach Leben und Existenz, nach Tod und Endlichkeit und nach all den Dingen, die so unfassbar mit all dem verbunden sind.

Diese Fragen werden in 16 Tableaus auf die Bühne gebracht, ohne dass der vorgegebene, religiöse Text damit bebildert würde. Es ist vielmehr die Einsamkeit des Sterbenden, die Sehnsucht nach Erlösung und es sind vor allem die Inseln des Trostes, wie in der Einführung beschrieben, die uns von den Tänzern hier gezeigt werden. Sie bewegen sich in der Bühne von Christian Schmidt, einem großen, leeren Raum, der – nur selten und spärlich möbliert – Platz lässt für die verschiedenen Menschengruppen, die Tänzer, den Chor, die Gesangssolisten.

Phasen starker Bewegungen wechseln mit Augenblicken, in denen die Szene zum tableau vivant wird: Szenen verschiedener Spielarten menschlicher Existenz. Was sie nicht zeigt, das sind der Himmel, die Hölle. Der Mensch ist auf sich selbst geworfen, die Menschen müssen sich gegenseitig Trost spenden, kein höheres Wesen, nirgends.

Das Ballett-Ensemble bezaubert durch wunderbare, einfühlsame Art der gegenseitigen Bezugnahme. Da sind die Tanzsolisten, ihre Liste ist lang, ihre Leistung ist eindrucksvoll. Yen Han, Filipe Portugal, Giulia Tonelli oder William Moore glänzen neben der Primaballerina Katja Wünsche. Das Ballett der Oper Zürich ist weltweit begehrt und zeigt seine exklusive Qualität auch an diesem Tag.

Die Gesangssolisten werden besonders aufmerksam und empathisch begleitet, da Sopran und Tenor kurzfristig in die Aufführung integriert werden mussten. Serena Farnocchia, wie angekündigt mit Noten auf der Bühne, singt ihre Partie nach kurzem, etwas verhaltenem Anlauf ganz wunderbar. Sie beeindruckt mit ihrer starken lyrischen Stimme. Ihr gehört im Libera me schließlich das letzte Wort des Requiems, ein wundervoller Ausklang des Werkes.

Die andere Frauenstimme ist die der ausdrucksstarken Mezzosopranistin Veronica Simeoni. Sie wirkt vielleicht besonders als integraler Teil des Gesamtensembles, zusammen mit dem Tanzensemble, aber auch mit den Sängern bleiben Bilder im Kopf wie aus einem Guss.

Der Tenor Otar Jorjikia singt seine Rolle sicher und klangvoll; sie ist offensichtlich Teil seines Repertoires. Jorjikias Stimme erinnert vielleicht am ehesten an den Opernkomponisten Guiseppe Verdi. Der Schmelz dieses Tenors, seine Weichheit zeigt das in durchaus angenehmer Weise.

Der Bassist Georg Zeppenfeld, mittlerweile auf vielen Opernbühnen der Welt gefeiert, singt schlank und makellos. Eindrucksvoll auch in seiner Körperlichkeit, die Würde und Beständigkeit, hier auch das Prinzip Hoffnung ausstrahlt.

Besonders faszinierend wirkt der Chor des Opernhauses zusammen mit dem Zusatzchor und Chorzuzügern, der von Marcovalerio Marletta vorzüglich eingestimmt ist. Sowohl stimmlich als auch besonders gestisch agierend ist seine Rolle in der Inszenierung von großem Gewicht. Es ist so, als würde die ganze Menschheit auf der Bühne stehen. Die Vielfalt menschlicher Existenz zeigt sich gerade im Wesen des Chores, der zusammen mit den Tänzern und den Gesangssolisten die Ruhe sowie die Wucht des Werkes sehr überzeugend zum Ausdruck bringt. Selbst in den schwierigsten Phasen des Chorgesanges – manchmal scheinen die Stimmen der in verschiedene Richtungen orientierten Sängerinnen und Sänger auseinander zu driften – finden sie mühelos und schlüssig wieder zusammen zum großen gemeinsamen Klang.

Der Choreograph Christian Spuck hat in seiner bewunderungswürdigen Inszenierung von Guiseppe Verdis Requiem in der Gemeinschaftsproduktion von Oper und Ballett Zürich die Reihe seiner erfolgreichen Arbeiten fortgesetzt. Spuck hat den Tänzern grossen individuellen Spielraum eingeräumt. Das Thema der menschlichen Existenz, der großen Fragen hat er dem Ensemble des Balletts Zürich als Aufgabe gestellt, die jedes Ensemblemitglied ganz individuell zu beantworten aufgerufen ist. Vollzählig stehen die Züricher Tänzer auf der Bühne des Opernhauses. Gemeinsam mit den Sängern, dem Chor und der Dirigentin Karina Canellakis, die das Orchester sicher und glanzvoll durch die Aufführung leitet, gelingt ihnen gemeinsam der Moment, den sich wohl so mancher Opernbesucher erhofft – die große Stille nach dem letzten Ton. Hier in Zürich hält sie wunderbar an. Großer, dankbarer Applaus!

10.01.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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