Schubert-Bartók-Dialoge in der Tonhalle Zürich

Pablo Heras-Casado @ Fernando Sancho

Pablo Heras-Casado @ Fernando Sancho

Der Unbestechliche titelt das Magazin des Tonhalle-Orchesters Zürich in seiner Ausgabe Dez 2016 – Jan 2017 in einem Vorbericht auf das Januarkonzert mit Christoph von Dohnányi. 40 Jahre nachdem der 1929 geborene Grand Seigneur unter den Dirigenten seiner Zeit das erste Mal am Pult des Tonhalle-Orchesters stehen sollte, machte ihm kurzfristig eine Erkrankung einen Strich durch die Rechnung.

Mit der 8. Sinfonie von Franz Schubert und Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeugt und Celesta von Béla Bartók wollte von Dohnányi für dieses besondere Jubiläum seine Idee von Musik zeigen. In der Musik interessiert mich das Neue in der alten Musik – und Neue Musik. Das Große ist jedoch nie alt oder neu, sondern immer Gegenwart, wird er im genannten Magazin zitiert.

Mit Pablo Heras-Casado übernimmt ein Dirigent der jüngeren Generation die Leitung. Er debütierte 2009 in der Tonhalle  und dirigierte in der Saison 2010/11 mit großem Erfolg das Eröffnungskonzert des Tonhalle-Orchesters Zürich; seit 2012/13 ist er Chefdirigent des Orchestra of St. Luke’s in New York.

Heras-Casado ist dem Zürcher Konzertpublikum sympathisch vertraut, wie er nach Abschluss des Konzerts am Signiertisch von der Reinheit und der Signifikanz des Tonhalle-Orchester-Klangs schwärmt. Der Wechsel am Pult ist mit einer sinnfälligen Programmänderung verbunden. Für von Dohnányis viel gerühmte reflektierte Präzision seines Musizierens findet Heras-Casado eine konzise Schubert-Bartók-Programmformel.

Anstelle der achten großen C-Dur-Sinfonie, mit der Schubert das Tor des 19. Jahrhunderts der Romantik weit aufstößt, demonstriert Heras-Casado mit der 3. Sinfonie D-Dur D 200, mit welcher souveränen Sicherheit der 18jährige Schubert sein sinfonisches Handwerk beherrscht. Die Schubert-Programm-Rochade vom gereiften Spätwerk zurück zu den Anfängen kann man somit auch als Heras-Casados Respekt und Verbeugung vor dem Maestro Christoph von Dohnányi verstehen.

Statt Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta, uraufgeführt 1937 in Basel, das Konzert für Orchester, uraufgeführt 1944 in Boston, zu ersetzen, zu spielen, setzt Pablo Heras-Casado da fort, wo Christoph von Dohnányis Konzert enden sollte. Es ist, wenn man dem folgt, eine weitere Facette von Respekt gegenüber Christoph von Dohnányi. Heras-Casado übernimmt und reflektiert von Dohnányis Intention Denkt mit!, die jener aus Robert Musils literarischem Werk entlehnt hat,  mit seinem neu konzipierten Konzertprogramm.

Dass Schuberts 3. Sinfonie, 1815 komponiert, erst 1881 öffentlich uraufgeführt wurde, das Jahr, in dem Bartók geboren wurde, ist über die musikgeschichtliche Klammer hinaus, hoch interessant und gibt dem eher ungewöhnlichen Schubert-Bartók-Konzertprogramm in der Tonhalle einen besonderen Reiz.

Heras-Casado setzt gleich zu Beginn der 3. Sinfonie auf die stupende Virtuosität des Tonhalle-Orchesters. Exakt übersetzte Punktierungen, verbunden mit einem weichen Bläsertimbre, beschwört das Hauptthema mit einigen überraschenden  Moll-Takten eine eigene Schubert-Atmosphäre. Liedhafte Klangfarben, wenn beispielsweise die Solo-Klarinette im Allegretto serenadenhaft aufleuchtet, wie auch das zarte Ländler-Trio, Minuetto: Vivace antizipieren in motivischer und rhythmischer Hinsicht den späteren Schubert.

Im abschließenden Presto vivace lässt Heras-Casado das Tonhalle-Orchester Tarantella tanzen. Seine jugendlich dirigentische Energie durchpulst das altehrwürdige Orchester in der noch ehrwürdigeren Tonhalle.

Den radikale Stimmungswechsel nach der Pause mit Konzert für Orchester übersetzen Heras-Casado und das Tonhalle-Orchester in eine harmonikal differenziert Hommage an Bartók. Keine empathische Beschwörung von Bartóks Verbitterung über den sich verschlechternden Gesundheitszustand und seine geringe Beachtung im amerikanischen Musikleben zwei Jahre vor seinem Tod, sondern eine Interpretation, von der Bartók meint, es sei ein sinfonie-ähnliches Orchesterwerk. Dass er das vor allem im Blick auf die Holzbläser so formuliert, kommt der Klangkultur des Tonhalle-Orchester sehr entgegen. Tänzerische Bläser-Einwürfe von Fagott, Oboe, Klarinette, Flöte und Trompete ziselieren choralartige Zwischenstücke.

Schwergewichtig, wildauffahrend Pesante, gehetzt ungestüm Presto, setzt Heras-Casado  einen umjubelten, finalen Punkt.

15.01.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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