Rock und Pop im Pott – Humus Ruhrgebiet

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Langsam wird es Zeit, sie anzuhalten, bevor sich kaum noch jemand erinnern kann. The time goes by fastly. Nur noch the best ager sind Ohr- und Augenzeugen. 1956 in Dortmund: Der Rock n‚ Roll  hat Deutschland erreicht und rollt die Jugendkultur vom Ruhrgebiet her auf. Der Kinobesuch von Rock around the clock  mit Bill Haley wird zum Auslöser von Jugendkrawallen. Mit den sogenannten Halbstarken begehrt die Jugend das erste Mal gegen die sich nach Ende des 2. Weltkriegs allzu schnell etablierte bürgerliche Gemütlichkeit auf.

Die Idee, mit einer Ausstellung daran zu erinnern, hat zehn Jahre bis zu ihrer realisierung gedauert. Seit Mai 2016 lockt die Ausstellung Rock und Pop im Pott viele Menschen, Generationen durchmischt, ins Ruhr Museum, Zeche Zollverein Essen. Wer sich bisher von der Überzeugung der Ausstellungsmacher – It’s only Rock n‚ Roll. I like it. – noch nicht zu einem Ausstellungsbesuch inspirieren ließ, hat nur noch bis zum 28. Februar 2017 Zeit dafür.

Rock und Pop im Pott beweist zum wiederholten Mal für alle diejenigen, die das Ruhrgebiet immer noch mit Kohlenmaloche und Tristesse verbinden, dass selbst die Pop-Kultur hier ihre Wurzeln hat. Vielen mag das Ruhrgebiet trotz Weltkulturerbe Zeche Zollverein, trotz Ruhrtriennale, trotz Ruhrfestspiele, trotz Klavier-Festival Ruhr nach wie vor nicht als Kulturregion erscheinen. Wer die Ausstellung besucht, wird mit Sicherheit mit einer anderen Wahrnehmung, einem anderen Blick auf das Ruhrgebiet herauskommen.

Aber auch nicht jedem Ruhrgebietler wird 60 Jahre Rock-Pop-Ruhr-Geschichte vertraut sein. Die Ausstellung ist ein ästhetisches Wagnis, für manche vielleicht sogar eine Zumutung. Konzeptionell muss sie das performative Moment der Musik mit der klassischen, statischen Ausstellungsarchitektur in Balance bringen. Das gelingt ihr nachhaltig höhrens- und sehenswert, weil das Musikhören an den einzelnen Stationen zu einem wesentlichen emotionalen Ankerpunkt wird.

Über einen farbig gestalteten Fußboden, der in seiner ikonografischen Bildsprache den Pop der bildenden Kunst á la Andy Warhol oder Roy Lichtenstein assoziiert, betritt man verschiedene sound floors der Rock-Pop-Ruhr-Geschichte – und wird für Momente in die jeweiligen Zeit des Pops gezoomt. Es ist mehr als nur ein ungenauer, subjektiv aufgeladener Eindruck, dass fast jeder berühmte Pop-Musiker im Ruhrgebiet aufgetreten ist. 17 Rockpalast-Nächte, mehrere Auftritte der Rolling Stones, immer präsent regionale Größen wie Franz K. oder Bröselmaschine beweisen: Rock und Pop im Pott ist keine regional begrenzte Schau, sondern in ihr spiegelt sich ein weltumspannender Pop-Virus wieder.

In acht thematischen Leitobjekten von der Kinokasse über die Kirmesrampe bis zu den Jahrgängen der Zeitschrift Bravo sowie zu Techno und Hip-Hop mit Gastarbeiter-Folklore entfaltet die Ausstellung eine dichte, authentische Atmosphäre, wie Pop-Musik  seit 60 Jahren das Leben beeinflusst und bereichert hat.

Wer von den Zeitzeugen, die inzwischen in die Jahre gekommen sind, immer noch Rock-Fan ist, hat den Mantel der Geschichte für sich offenbar an der richtigen Stelle gegriffen. Er ist, mit und von ihm behütet, durch alle Höhen und Tiefen, dass das Leben für jeden bereit hält, mehr oder weniger selbstbestimmt und zufrieden gegangen.

Heinrich Theodor Grütter, dem maßgeblichen Initiator  der Ausstellung und dem Herausgeber des Katalogbuchs, das die Ausstellung als Geschichtenerzählung wunderbar ergänzt, erinnert sich noch sehr genau an seine Rock-Initiation, als Frank Zappa bei einem Konzert anfangs der 1970ger Jahre aus einem Sarg steigend ausrief: How do you feel?

Der damals bereitete Humus Ruhrgebiet trägt inzwischen reiche Früchte. Die Ausstellung ist eine Anleitung, sie aufzusammeln.

18.01.2017

photo streaming Rock & Pop Ruhr

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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