Galliano – Fresu – Lundgren: Traumverlorene Verwegenheit

Richard Galliano @ Peter E. Rytz

Richard Galliano @ Peter E. Rytz

Richard Galliano, Paolo Fresu und Jan Lundgren spielen in der Philharmonie Essen Jazz. So lautet jedenfalls die Programmankündigung. Wer allerdings Jazz generell in die Schublade laut, schrill und enervierend, Musik, die mitunter mit einem dezidierten Improvisationsanspruch daher kommt, die den Kopf überbeansprucht und manchmal vergisst, die Seele des Zuhörers zu streicheln, einordnet, erlebt an diesem Abend ganz anderes.

Das Publikum in der gut besetzten Philharmonie weiß offenbar sehr genau, was es erwartet, wenn der sardische Trompeter Paolo Fresu, der französische Akkordeonist Richard Galliano und der schwedische Pianist Jan Lundgren als Trio angekündigt sind. Zu hören ist eine songhafte Kammermusik mit jazzigen Improvisationen, die eine melodische Grundierung haben. Dies ist Jazz in der Art von Liedern ohne Worte,  wie Felix Mendelssohn-Bartholdy seine  48 lyrischen Klavierstücke bezeichnet hat.

Wenn die Drei am Ende der Zugabe Si Dolce È Il Tormento nach Claudio Monteverdi aus dem 16. Jahrhundert spielen, Fresu mit der Trompete die Halbkreis-Traverse der Bühne umwandernd, schließt sich der Kreis des Konzerts mit Stücken aus ihrem neusten Album Mare Nostrum II. Seit Mare Nostrum I, 2007 erschienen, übertreffen sich Publikum und Kritik in ihrer Begeisterung für diesen Sound Europas.

Ein lyrisches Jazz-Ensemble mit einem verwegenen Sinn für Gelassenheit, schreibt Down Beat, das US-amerikanische Jazz-Magazin mit der weltweit höchsten Auflage. Es beschreibt damit, was nicht zutreffender für das Essener Konzert formuliert werden könnte. Die Musik schmeichelt sich mit einer Kantabilität voller Esprit zwischen Andante und Andantino häufig in traumverlorener Melancholie ins Ohr. Keine sentimentale Kitsch-Aufwallung, sondern eine, die phrasiert und improvisiert, aber die melodiöse Struktur nie verleugnet.

Andererseits können sie sich auch allegro assai und allgero con fuoco duellierend, temporär Zäsuren setzen, die sich immer wieder in einem reinen Ton zusammen finden. Hier zeigt sich auch die wunderbare Akustik der Philharmonie. Galliano, Fresu und Lundgren spielen ohne technische Aufrüstung, ohne Mikrofon oder Mikroport, keine Verstärker oder sonstigen elektronischen Bombast. Rein und ungebrochen fügen sich die Tönen zu einen meditativen Wohlklang. Seelenmassage pur!

Von den drei, dem äußeren Anschein nach sehr seriösen Musikern ist Galliano (accordion, bandoneon & accordina) das musikalische Kraftzentrum. Er transformiert Lundgrens pianistischen Dialogangebote zu dem aufmerksam den Sound mit Trompete und Flügelhorn transzendierenden Fresu, wie ebenso eindrucksvoll vice versa.  Gallianos Komposition Aurore eröffnet Lundgren mit einer lyrischen Verinnerlichung, die im Akkordeon so sanft weiterschwingt, dass Paare im Publikum zu beobachten sind, die ihre Köpfe zusammenlegen.

Beginnend mit Blue Silence von Lundgren antizipiert der Klang die blau ausgeleuchtete Bühne in einen meditativen Blues, folgen Eigenkompositionen und Interpretationen von Kompositionen, die wesentlicher Teil des musikalischen Gedächtnisses sind. Neben Monteverdi fügt sich wie selbstverständlich Erik Saties atmosphärisch leuchtender Vorbote der minimal music, Gnossienne No. 1 ebenso ein wie Antônio Carlos Jobims unverkennbaren Brazil Sound A Felicidade. Mit einem Lachen motiviert Galliano das Publikum, die Musik als A playing on the floor zu hören. Niemand der dem nicht willig mit einem ebensolchen Lächeln folgt.

Fresu senkt sich bei seiner Komposition E Varie Notti Tre Vie Notai mit dem Körper dem Bühnenboden zu, als wolle er einer zarten Pflanze mit seinen flirrenden Trompetentönen aufhelfen. Mit dem bass-baritonal klingenden Flügelhorn erreicht er eine Klangsinnlichkeit, die selbst dann noch, wenn er den letzten Ton schon verhaucht hat, in der Seele ihren Platz behauptet.

Wenn Galliano zwischen Akkordeon und Bandeon wechselt, ist nicht nur eine andere Klangfarbe zu hören. Es ist auch optisch reizvoll, ihm zu zuschauen, wie er die Bandoneon-Schlange bändigt – und sie klingen lässt.

Im Duo mit Lundgren spielt Fresnu dessen Komposition nach dem schwedischen Folksong Kristallen den Fina mit einer so großen empathischen Sensibilität, dass Lundgren ihm einen exzellenten schwedischen Klang applaudiert.

Dass Galliano, Fresu und Lundgren auch jeweils im Duo brillieren, macht dieses Konzert zu einem nachhaltigen Klangerlebnis. Ist man eben noch bei der Satie-Interpretation von der ihr eigenen spürbaren einsamen Verlorenheit gebannt, die man auch vor den Bildern von Henri Toulouse-Lautrec haben kann, hilft einem Lundgrens Komposition Farväl ermunternd auf.

Ob Jazz oder jazzige Kammermusik, eine Frage, die mit diesem Konzert obsolet geworden ist. Die Kunst der Musik wirds an diesem Abend mit lang anhaltemden Applaus verabschiedet.

 27.01.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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