Der Ochs ist noch nicht vom Eis

@ Hamza Saad

@ Hamza Saad

Alles hat seine Zeit, wirbt eine Einrichtung für betreutes Wohnen auf dem Weg ins Aalto Musiktheater Essen. Nach fünfjähriger Pause steht Richard Straussʼ Oper Der Rosenkavalier wieder auf dem Spielplan. Die Feldmarschallin, in der Liebe zu dem jüngeren Octavian entflammt und hoffend, ihre Jugend wiederzufinden, weiß, dass es die Zeit ist, die gegen sie arbeitet. Es ist doch der Lauf der Welt, reagiert sie resümierend auf Octavians Liebesschwüre schon im 1. Akt. Jedes Ding – Jugend und Älterwerden – hat seine Zeit. Ein Blick in den Spiegel genügt.

Eben noch in einem glückseligen Schäferstündchen mit dem jugendlichen Octavian, folgt die nüchternde Gewissheit: Mir ist zu Mut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss… Heut‘ oder morgen oder den übernächsten Tag. Mit beängstigender Deutlichkeit nennt die Marschallin die Dinge beim Namen.

Der Blick ins Publikum zeigt, die Generation 50 plus dominiert – vital, elastisch und fröhlich, von Altersmüdigkeit keine Spur. Regisseur Anselm Weber hat offenbar schon vor 13 Jahren zur Premiere seiner Inszenierung geahnt, wohin die Reise der Generationen gehen wird.

Typen wie der Baron Ochs von Lerchenau, die in ihrer lächerlichen Don-Juan-Pose der Überzeugung erliegen, dass Frauen nach ihrem Maß gefügig gemacht werden können, spielen letztlich nur noch ein verlorenes, hoffärtiges Spiel. Sie sind zwar schon für Richard Strauss und seinen Librettisten Hugo von Hofmannsthal 1910 nur mehr Abziehbilder einer Illusion, können sich allerdings weithin auf funktionierende Standes- und Geschlechterhierarchien verlassen.

Weber verbannt den Ochs ins Museum als Platzhalter der dem Untergang geweihten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Noch vor der eigentlichen Ouvertüre gibt Karl-Heinz Lehner ihn als Museumswärter. Er öffnet die Ausstellungsvitrinen. Marschallin und Octavian verlassen diese und begeben sich ins Schlafgemach des 1. Bildes. Lehner geht als Aufsicht ab, um als Ochs zur Mitte des 1. Aktes zur treibenden Spielfigur zu werden.

Lehners dramatisch grundierter Bass mit seiner authentisch volkstümlichen Dialektfärbung – Ohne mich, ohne mich, jeder Tag, Dir so bang. Mit mir, mit mir, keine Nacht Dir zu lang – scheint alles zu vereinnahmen, alles niederzuwalzen. Einer in Schäferspielen und sonstigen Hanswurstereien sich selbst befriedigenden Gesellschaft, die somit keine Zukunft haben kann, hält Richard Strauss mit seiner Oper Der Rosenkavalier den Spiegel vor. Eine morbide Gesellschaft, in der Liebe als wahre Zuneigung kaum vorkommt. Alles ist von gesellschaftlichem Proporz und Stand bestimmt. Einer wie der Baron Ochs von Lerchenau, der einer Person niederen Standes mit seinem Heiratsangebot einen gesellschaftlichen Aufstieg in Aussicht stellt, wird dann schnell zum Glücksversprecher per se.

Mit der nach dem Vorspiel einsetzenden Ouvertüre übernimmt Generalmusikdirektor Tomáš Netopil zusammen mit den Essener Philharmonikern die musikalischen Zügel. Sie brauchen lange, fast bis zum Ende des 3. Aktes, um den wechselnden Klangfarben von der Walzerseligkeit des Maria-Theresia-Wiens bis zu einer avantgardistisch dissonanten Tongebung des beginnenden 20. Jahrhunderts Ausdruck zu geben. Über weite Strecken wird solide musiziert, ohne dass der Funke unmittelbar ins Publikum überspringt.

Folgt man der überwiegenden Mehrheit der Rosenkavalier-Opernkritiken  seit mehr als 100 Jahren, wird immer wieder erzählt, dass die Oper ursprünglich Ochs heißen sollte. Ohne Ochs käme überhaupt kein Spektakel zustande, zitiert das Programm auf dieser Argumentationsebene aus ersten Konzeptionsgesprächen mit dem Regisseur Anselm Weber 2003.

Dass der Baron Ochs von Lerchenau gesellschaftliche Projektionsfläche und zugleich als Akteur mit Wiener Schmäh agiert, drängt in manchen Inszenierungen das Motiv Leben als geborgte Zeit zu Unrecht in den Hintergrund.

Webers Inszenierung zentriert mit dem umwerfend komödiantisch spielenden, den Wiener Dialekt süffisant auskostenden und überzeugend singenden Karl-Heinz Lehner die Ochs-Figur. Gleichzeitig spielt die gefragte Sopranistin Michaela Kaune die Marschallin als Realistin der Zeit. Mit ihrem Verzicht auf Octavians Liebes-Jungbrunnen fällt sie eine Entscheidung, die Strauss in arioser Klangvielfalt ausmalt.

Kaune singt die philosophisch grundierten Passagen mit einem unter die Haut gehenden Melos. Sie gestaltet sängerisch kultuviert die Marschallin mit authentischer Anmutung. Spätestens hier wird Webers Inszenierungsidee klar, dass Der Rosenkavalier nämlich nicht in selbstgefälliger Pose dem Rokoko überlassen werden kann.

Umfassende Gesundheitsvorsorge, relativ gesicherte Lebensverhältnisse, sportive und kulturelle Teilhabe sind Aspekte, die das Älterwerden bis heute immer mehr nach hinten verschoben haben. Doch es kommt und erreicht jeden von uns irgendwann: Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding…. sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie.

Die Mezzosopranistin Karin Strobos zieht mit der Figur des Octavian alle Register einer Sänger-Schauspielerin. Quicklebendig bis clownesk spielt sie mit luzider Überzeugungskraft, wie sie auch mit schlanker Artikulation und sportiv anmutender Weise singt. Dieser Hosenrolle gibt sie mit ihrem komödiantischen Spiel eine in jeder Hinsicht überzeugende Gestalt. Mit Witz und Schalk, galantem Charme, zwischen traurigem und verschlagenem Augenaufschlag wechselnd, zeigt sie eine beeindruckende Bühnenpräsenz.

Elizabeth Cragg ist eine Sopranistin, die weniger durch vordergründige Virtuosität überzeugt, sondern durch eine nachhaltige Gesangskultur. In der Rolle der anfänglich jugendlich naiven Sophie, die sich zu einer durchaus selbstbewussten jungen Frau wandelt, verschafft sie sich sängerischen Respekt. Cragg gestaltet die Rolle der Sophie als Entwicklung eines naiven Mädchens zu einer Frau, die mit Octavian eine Liebe kennenlernt, die sie bis dahin nicht einmal träumte, die sie aber gleichzeitig in Konflikt mit dieser Liebe bringt.

Heiko Trinsinger gibt den Herrn von Faninal, Sophies Vater servil, allein bemüht, seinen materiellen Vorteil nicht aus dem Blick zu verlieren, mit gewohnt verlässlichem Bariton.

Der Rosenkavalier funktioniert in der Inszenierung von Anselm Weber so, als würde man in einen konvex geschliffenen Demografie-Spiegel schauen: Alles erscheint zentriert und verzerrt zugleich. Wenn man bedenkt, dass die Inszenierung schon 13 Jahre alt ist, hat sie eher noch an Aktualität gewonnen.

Thomas Dreißigacker hat eine Bühne gebaut, die in ihrer Doppelfunktion von Museum und Spielraum der dramaturgischen Figurenführung von Bettina Bartz sehr entgegen kommt. Männer des Chores spielen – Strauss‚ Komposition gibt ihnen nur wenig Raum als Chor-Sänger – Volksfiguren mit verwackelten, zeitlupenartigen, slapstackartig an Stummfilme erinnernden Bewegungen. Traumverlorene Statisten des Lebens, die für Momente aus dem Museum ausgeborgt sind.

Verlierer ist am Ende nicht nur der bloßgestellte Ochs, der ins Museum entsorgt wird. Die Gespenster, die ihn demaskiert haben, gehen auch heute weiterhin um. Der Ochs ist noch nicht vom Eis.

07.02.2017

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Oper veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s