Peter E. Rytz Review

Degas und Rodin in Wuppertal – auf den Spuren der conditio humana

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@ Peter E. Rytz 2016

Wettlauf der Giganten der Moderne untertitelt das Von der Heydt-Museum Wuppertal in Block­buster-Marketing-Manier die Ausstellung Degas & Rodin. Dass große Namen der Kunstge­schichte für Ausstellungen eine sichere Bank ist, die das Pu­blikum in Scharen anziehen, gilt inzwischen als selbstverständliches Kalkül. Auch in Wuppert­al (vgl. Die Entdeckung Camille Pissarros als Père Pissarro für die Impressionisten und wo seine Spuren bis ins Heute rei­chen vom 12.02.2015; Weltkunst in Wuppertal – Von Buddha bis Picasso vom 15.10.2015, hier veröffentlicht).

Jeder neu ausgerufene Wettlauf der Giganten der Moderne geriert sich damit letztlich auch zu einem Wettlauf der Aufmerksamkeitsökonomie zwischen den Museen: Self fulfilling pro­phecy der Quoten. Interessanter als die Ökonomie der Zahlen sind auf Dauer die program­matischen Inhalte und ihre kuratorische Überzeugungskraft.

In Wuppertal kann man bei jedem Ausstellungsprojekt sicher sein, dass die Ausstellungs­macher neben den kunsthistorischen Kontexten gleichzeitig immer auch den interessierten Besu­cher im Blick haben. Mit Edgar Degas und Auguste Rodin führt die Ausstellung dieser Größenordnung beide Genies der bildenden Kunst zusammen, die auf den ersten Blick au­ßer ihrem Todesjahr 1917 eher wenig Gemeinsames verbin­det.

Beide ste­hen mit ihrem Œuvre für radikal neue Perspektiven, die sie im gegenseitigen Einverständ­nis, von der Öf­fentlichkeit als Rebellen und Außenseiter abgestempelt, miteinander teilen. Die Darstellung unbekleideter Menschen, die wider den bürgerlich moralischen Stachel löckt, löst am Aus­gang des 19. Jahrhunderts einen Skandal aus.

Degas und Rodin konkurrieren in Bewunderung für den anderen; gleichzeitig beneiden sie sich. Im umfangreichen, gleichwohl lesefreundlich abgefassten Katalog wird eine Anekdote nacherzählt, in der Pierre-Auguste Renoir gegenüber dem Kunsthändler Ambroise Vollard behauptet, dass wir das Glück haben, in einer Zeit zu leben, in der es einen Bild­hauer gibt, der sich mit den Alten Meistern messen kann. …Ich meine nicht Rodin! Ich spreche vom größten Bildhauer, und das ist Degas.

Degas, der Maler, der vor allem mit seinen Bewegungsstudien mit Tinte, Kohle, Kreide und grafischen Monotypien sowie mit Gemälden und Pastellen, die die Arabesken des Tanzes in ihrer Bewegung nachzeichnen, wie Balletttänzerinen an der Stange (1872) oder Drei Tän­zerinnen (um 1900) in die Kunstgeschichte eingegangen ist; Rodin, der Bildhauer, der mit seinen Bronzen wie Balzac (1897), Johannes der Täufer (1880) oder Der Denker (1881/82) Kunstge­schichte geschrieben hat.

Gerhard Finckh, Museumsdirektor und Kurator der Ausstellung ist von der Idee inspiriert, strukturellen Parallelitäten in den Werken von Degas und Rodin nach- und diese aufzuspü­ren. In 12 thematischen Raum-Kapiteln wird dem Ausstellungsbesucher das Ergebnis dieser Suche präsentiert. Nachdem man zu Beginn der Parcour über Herkunft der Künstler und den kunsthistorischen Kontext informiert, in den sie hineingeboren wurden, wird in einem der eher kleineren Ausstellungsräume eine neue künstlerische Perspektive gezeigt, die auf Degas und Rodin großen Einfluss hat.

Eadweard Maybridge gelingen 1876 chronofotografische Reihenaufnahmen, die Pferde in Bewegung zeigen. Die kleinformatigen Abbildungen The Horse in Motion im Blick fällt es einem wie Schuppen von den Augen, wenn man, so in seiner Wahrnehmung sensibilisiert und fokussiert, durch die Ausstellung geht. Degas‚ Tänzerinnen beginnen scheinbar im Raum zu tanzen, wie Rodins Plastiken auf den von ihm erfundenen Ausstellungssockel den Umraum mit der Figur zum Erzählraum machen. Gestalt und Zeit vermischen sich zu einer impressionistischen Plastik.

Rodin kann anfängliche, Skandal getränkte, abschätzige Kritiken konstruktiv zu seinem Vor­teil und zu frühem Ruhm ummünzen. Er nennt die nach einer ersten Ausstellung auf mas­sive Ablehnung gestoßene Skulptur Der Besiegte in Das eherne Zeitalter (L’Âge d’airain) um, indem er sich die aufklärerische Intention von Jean-Jacques Rousseau zu eigen macht, nach der seine Skulptur das Erwachen der Menschheit aus einer selbstverschuldeten Un­mündigkeit verkörpere. Rodin wird von da an mit öffentlichen Aufträgen überschüttet, die ihn berühmt und wohlhabend machen.

Degas‚ 1881 ausgestellte Plastik La Petite Danseuse de quatorze ans (Kleine vierzehnjähri­ge Tänzerin), eine Wachsfigur mit echtem Tutu, seidenen Tanzschuhen sowie einer Perücke mit Seidenschleife, wird von der Kritik vernichtend verrissen und schockiert ihn so sehr, dass er nie mehr Plastiken ausstellen wird. Die in der Ausstellung zu sehenden Klein­plastiken sind nach seinem Tod gegossen worden. In ihnen wird sichtbar, wie er auch als Bildhauer Bewegungsstudien von großer Überzeugungskraft geschaffen hat.

Dass sie in der Ausstellung gleichberechtigt neben seinem zeichnerischen, malerischen und grafischen Werk zu sehen sind, ist ein großer Verdienst dieser Ausstellung. Vor ihnen ist der Besucherandrang besonders hoch. Neben dem Maler Degas ist der Bildhauer in einem sel­ten zu sehenden Vergleich zu erleben. Anders als Rodin verschließt sich Degas nach dem demütigenden Kritik-Affront der Öffent­lichkeit und arbeitet zurückgezogen. In einem Brief vom 31. Januar 1892 schreibt er: Ich den­ke, man arbeitet für einige wenige. Den Rest kann man vergessen.

Heute hat auch DegasRest weder ihn noch Rodin vergessen. Sie sind zu kühnen Wegbe­reitern der Moderne geworden. Degas‚ absichtsvoll unvollständige Skizzen und Pastelle, die mit einem dezidiert voyeuristischen Blick hinter Kulissen und Fassaden schauen, verhin­dern durch verschränkte Perspektiven und Bruchlinien ein pornografisches Schlüssellochgu­cken. Die Faszination des Augenblicks in seinem malerischen und bildhauerischen Werk öff­net Räume für Phantasie und Assoziationen des Betrachters.

Rodins skulpturalen Deformationen, wie die in L’homme qui marche von 1907 zum Ebenbild der Bewegung typisiert, sein non-finito-Habitus, das Bruchstückhafte weisen über die Un­mittelbarkeit des Augenblicks in eine zeitlose Gegenwart.

Die Ausstellung Der Wettlauf der Giganten ist eine Hommage der Menschlichkeit. Von ihrer Conditio humana kann man sich in Wuppertal noch bis zum 26. Februar 2017 beeindrucken lassen.

09.02.2017

photo streaminf Der Wettlauf der Giganten

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