Adam Fischer macht den Unterschied

@ Peter E. Rytz 2015

@ Peter E. Rytz 2015

Wem der Unterschied zwischen einem Live-Konzert und einer CD-Einspie­lung bisher verborgen blieb, demjenigen müssen beim Sternzeichen-Konzert der Düsseldorfer Symphoniker unter Adam Fischer in der Tonhalle Düsseldorf die Ohren und die Augen auf­gegangen sein. Fischer dirigiert mit ei­nem schier unerschöpflichen Über­schuss an Energie und Herzensblut.

Mit der ersten Tongebung bei Gustav Mahlers Symphonie Nr. 1 D-Dur taucht er in ein Meer sinfonischer Übersinnlichkeit. Taucher und Schwim­mer zugleich, führt er Mahlers Musik wie einen Schwarm aus den Tiefen an die Oberfläche. Sie wallt und jubiliert bis in die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Tief greift er in Mahlers von den literarischen Romantikern Jean Paul und E. T. A. Hoffmann angereichertes Füllhorn, versammelt die einzelnen Töne und serviert sie auf einem Silbertablett dem Orchester und dem Publikum.

Mit sanftem Nachdruck, mit einem mehrfachen Pianissimo aus fast un­hörbaren Tönen zum Auftakt des 1. Satzes Langsam, schleppend. Wie ein Naturlaut – Im Anfang sehr Gemächlich zieht eine pastorale Szene vorüber. Hinter der Bühne postiert, lassen Trompeten die friedliche Stille der Natur vorüber ziehen. Ging heut morgen übers Feld, Zitate aus den Liedern eines fahrenden Gesellen modulieren die Introduktion. Ein von den Holz- und Blech­bläsern abgestimmter Raum­klang erfüllt die Tonhalle mit einem warm seidigen, roman­tisch gestimmten Mahler-Sound.

Fischers Körper durchströmt vom Augenaufschlag bis in die Fingerspitzen jeder einzel­ne Ton und verdichtet sich zu einer emotional aufgeladenen Klangfülle. In konvulsivi­schen Bewegungen krümmt sich sein Körper und atmet, sich aufrichtend, die Tem­pi und Betonungen von Mahlers Musik aus. Er setzt sich dabei hin und wieder über Mahlers in der Partitur festgeschriebene Vorschriften hinweg, wie er im Star-Talk vor dem Kon­zert betont. Seine Erfahrungen vieler Mahler-Konzerte treiben ihn stets von Neuem an, das Konzert, das Mahler selbst über zehn Jahr hinweg vielfach veränder­te, zu einem originären zu gestalten. Er ist überzeugt, dass er es mit seinem über mehrere Jahre ausgelegten Mahler-Projekt mit den Düsseldorfer Symphoniker schafft, das zum Aus­druck zubringen, was Mahler will, nur anders. Man muss mit jedem Or­chester einen anderen Mahler machen.

Immer wieder bekräftigt er mit einem Kopfnicken und einem zufriedenen Lächeln lo­bend den Orchesterklang, den einzelnen Instrumentengruppen zugewandt, wenn sie ihm folgen. Das tun sie mit empathischer Zustimmung. Auch über ihre Gesichter huscht immer wieder ein Lächeln. Fischers Ambitionen als Dirigent finden im Orchester eine unbedingte Reso­nanz.

Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell, deutet Fischer den 2. Satz mit einer tief loten­den Einfühlsamkeit, Mahlers frühere Anmerkung Mit vollen Segeln in eine dialektische Spannung umzusetzen. Es ist, als würde er tänzerisch aus dem Meer der Klänge ein prall gefülltes Netz hochziehen und seinen Inhalt genüsslich ins Orches­ter streuen, um im nächsten Moment durch abrupte Harmonierückungen die Brüchigkeit einer harmonischen Verklärung zu durchbrechen. Mit einer an Tennis-Cracks erinnernden beidhändigen Vorhand umfasst er seinen Taktstock und sticht ihn mit energetischen Schüben ins Orchester.

Mit dem 3. Satz Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen, ist sich Fischer mit Mahler mehr als nur einig. Fischer verzaubert das allbekannte, in Moll gewendete Frére Jac­ques in nuce in einen differenziert ausgreifenden romantischen Klang. Die transparent klingende Harfe von Sophie Schwödiauer ebenso wie der die Kontraste akzentuie­rende Bass von Wlodzimierz Gula verschmelzen zusammen mit Oboen und Trompeten zu einer bitterschönen Klage.

Ohne Pause, volle Fahrt voraus lässt Fischer Stürmisch bewegt in einem atemberau­benden Furioso die Streicher durch alle Register jagen. Einem Dall‘ inferno al Paradiso, so Mahlers früherer Zusatz, gleich, holt Fischer aus dem Orchester und aus seinem Körper das Letzte heraus. Den tosenden Beifall nimmt er noch leicht benommen wahr. Erst nach und nach fällt von ihm die Anspannung ab, und er taucht aus seinem Kosmos wieder auf. Mit einem fast kindlichen Stauen stellt er sich in aller Bescheidenheit in die Mitte seines Orchesters.

Begonnen hat das Konzert mit einem ebenso beeindruckenden, aber ganz anders ge­arteten Konzert – und mit einem nachhaltigen Beweis. Wie stark das Düsseldorfer Pu­blikum mit seinem Orchester verbunden ist, zeigt sich in der Unterstützung der Freun­de und Förderer des Orchesters für die Extra-Anfertigung einer Es-Trompete. Das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur von Joseph Haydn wird damit zu einer veritablen Hommage an die Klappentrompete.

Haydn nutzt diese Neuerfindung des Instrumenten­bauers Anton Weidinger, einem Quantensprung der orchestralen und solistischen Trompetenklangs, um den bis dahin einzig möglichen, eindimensionalen Fanfarenton zu erweitern. Haydns Konzert gehört inzwischen zu beliebtesten Solo-Konzerten überhaupt. Er ist mit ihm auf der kompositorischen Höhe seiner späten Sinfonien.

Selten hat man es so funkensprühend klar, festlich elegant gehört wie an diesem Abend mit Bassam Mussad, dem Solo-Trompeter der Düsseldorfer Symphoniker. Er demonstriert mit seinem beweglichen und strahlkräftigen Spiel auf beeindruckende Weise, was eine solche Trompete leisten kann. Ungemein geschmeidig im Ansatz, virtuos in der Ausführung, kostet er die kantablen Möglichkeiten der Es-Trompete aus.

Die Zugabe eines Jazz-Standards auf der Ventiltrompete führt deutlich vor Ohren, worin sich die Instrumenten in ihrem singenden bis trillierenden Tonpotential unterscheiden. Unterstützt von dem nämlichen Solo-Bassisten, wird die einnehmende Persönlichkeit Bassam Mussads noch unterstrichen. Mussad ist in seiner freundlichen Ausstrahlung und musikalischen Brillanz ein überzeugender Botschafter des Orchesters. Als ob es dafür noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, überreicht ihm die Solo-Obistin Gisela Hellrung eine gut verpackte Flasche Wein (?).

11.02.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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