Hans Eijkelbooms serieller Blick

Hans Eijkelboom: Die 3 Kommunisten / The 3 communists, 1975 © Hans Eijkelboom

Hans Eijkelboom: Die 3 Kommunisten / The 3 communists, 1975 © Hans Eijkelboom

Ist es nur eine zufällige Koinzidenz von Zeit und Ort oder das Ergebnis einer in und von der Provinz geprägten Neugier, die junge niederländische Fotografen seit den 1970 Jahren zu scharfen Beobachtern eines gesellschaftlichen Aufbruchs machte? Hans Eijkelboom  (Jahrgang 1949), der mit Photographische Konzepte, 1970 bis heute noch bis zum 19. März 2017  in der SK Stiftung Kultur in Köln zu sehen ist, hat jedenfalls zusammen mit Anton Corbijn (Jahrgang 1955) wesentlich das Bild einer sich radikal verändernden Welt seit den 1970ger Jahren geprägt (vgl. Inwards and Onwards – Anton Corbijns Fotografien als Dialogangebot im Kunstmuseum Bochum vom 27.06.2013; Anton Corbijn im Amerika Haus der c/o Berlin Foundation – Fotograf und Fabulierer vom 06.01.2016, hier veröffentlicht).

Während Corbijn, der zeitweise mit Pop-Musikern und bildenden Künstlern jener Zeit lebt, ihre glamouröse Popularität mit selbstverständlicher Nonchalance fotografiert, vergewissert sich Eijkelboom als Jugendlicher mit dem Fotoapparat staunend seiner Umwelt. Eine Fotografie, die sein Großvater von ihm gemacht hat, zeigt ihn 14jährig lesend auf seinem Bett, darüber an der Wand Kopien von Werken impressionistischer Maler.

Ihm wird bald klar, das die ihn umgebende Welt eine Mixtur von geschauter und vorgestellter Wirklichkeit ist. Sein Staunen darüber strukturiert er konzeptionell. Er entwickelt fotografische Projekte, die über das Einzelbild hinaus eine Typologie bildnerisch sichtbar macht. Soziale Kontexte, die durch direkte oder indirekte Interaktion mit den fotografierten Menschen in ausgewählten Raum-Zeit-Konfigurationen initiiert werden, bestimmen mehr und mehr seine fotografische Position.

Jahrelang streift Eijkelboom mit voyeuristisch offener, teilweise anonymisierter Aufmerksamkeit, mit einer am Körper verborgenen, automatisch auslösenden Kamera durch Amsterdam, später auch durch viele Metropolen der Welt: Tagebuchartige Photoprotokolle. Gleichzeitig kommentiert er mit inszenierten Verkleidungen, die zusammen mit Zeitungstexten oder Pressefotos die scheinbar erfahrungsgesättige Wahrnehmung verunsichern, den ganz gewöhnlichen Alltag.

Seine fotografischen Serien sind nie vordergründige Zurschaustellung. Sie sind vielmehr Statements, die eher auf den zweiten Blick vertrauen. Ihre soziale, kulturelle und politische Brisanz ist zwar unübersehbar, kommt aber, in einem Schmunzeln versteckt, auf leisen Sohlen daher.

Die Pose, in der sich Eijkelboom in der Serie Die 3 Kommunisten von 1975 vor den Bildern von Marx, Lenin und Mao selbst porträtiert, suggeriert im ersten Moment das Bild eines politisch engagierten Studenten. Subtil verstärkt Eijkelboom diese Wahrnehmungsperspektive, indem er mit einer hochgeschlossenen Jacke Maos Bekleidung zitiert, mit Anzugsjacke die von Lenin dupliziert sowie er mit der Baskenmütze Marx‘ von der französischen Revolution geprägte Ideen reflektiert. Andererseits ließe sich seine brave, unprätentiöse Haltung auch als bürgerlich gemütlich, fernab von politischem Interesse interpretieren.

Geradezu überwältigt, in Eijkelbooms Bilderkosmos hineingezogen wird der Besucher von seinen sogenannten Fotonoitities. Fokussiert auf von ihm vorher festgelegte Bildmotive, wie Geschäftsleute mit Krawatte, Personen mit Kinderwagen, fotografierende Personen oder solche mit einem hellen Anorak, Männer mir Lederjacken, Frauen mit trägerlosen Sommerblusen oder mit einem langen Wollschal, ältere Ehepaare, Jungen und Mädchen mit einem Mickey-Mouse-t-shirt, dokumentiert er Alltagsleben unaufgeregt und unspektakulär mit einem liebevollen Blick für die eine oder andere Eitelkeit, sich in der Hoffnung zu zeigen, anders zu sein als die anderen.

Eijkelboom erzählt mit seinen fotografischen Serien Alltagsgeschichten, die nüchterne Wahrheiten zeigen. Jeder Einzelne, als Person einmalig und nicht multiplikabel, sucht sich habituell von allen anderen zu unterscheiden – und bleibt letztlich doch er oder sie gleich.

Wer die Probe aufs Exempel machen möchte, der kann das in der Ausstellung SK Stiftung Kultur tun. Wer dazu noch die Situation vorfindet, allein vor den Serien zu stehen, wird sich mit einem Lächeln in Eijkelbooms globalen Straßenatlas des Menschen garantiert wiederfinden .

23.02.2017

 

 

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Über Peter E. Rytz Review

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