Niki de Saint Phalle, Amazone und Terroristin der Kunst zugleich

Last Night I Had a Dream, 1968  ©  Sprengel Museum Hannover

Last Night I Had a Dream, 1968 © Sprengel Museum Hannover

So zart, so klein von Figur war Niki de Saint Phalle eine Kämpferin ein Leben lang: Die Amazone mit dem Schießgewehr. So begrüßt sie den Ausstellungsbesucher mit einer überdimensionierten Fotografie in der Ausstellung Ich bin eine Kämpferin – Frauenbilder der Niki de Saint Phalle im Museum Ostwall im Dortmunder U. Ich schoss auf Papa / alle Männer / kleine Männer / große Männer / bedeutende Männer / dicke Männer / Männer / meinen Bruder / die Gesellschaft / die Kirche / den Konvent / die Schule / meine Familie / meine Mutter / alle Männer / Papa / mich selbst / … ich schoss, weil / das Spaß machte und mich gut fühlen ließ …, teilt sie 1961 programmatisch der Welt mit, wie sie von Männer dominiert, patriachalisch ungerecht behandelt, diese mit ihren Schießbildern zu demaskieren gedenkt.

Dass dieser Kampf ein ungleicher bleiben wird, scheint ihr frühzeitig schmerzlich klar geworden zu sein. In Autoportrait (1958/59), einer Assemblage aus Keramik- und Steinresten, verdichten sich kleinteilige, gebrochene Materialreste in melancholischer Traurigkeit. Bedrängt von kindlichen Gewalterfahrungen in ihrer Familie, sucht sie anfangs mit der Malerei, wie in Asseyez-vous madame (1952-54)  zu sehen, diese zu bearbeiten.

Malerei bleibt in ihrem Œuvre eine Episode. Sie will viel mehr. Sie sucht nach einer unmittelbareren, direkteren Art, sich auszudrücken, als monatelang… an meinen Ölbildern zu malen. Man kann dieses Statement als Anleitung und Orientierung beim Besuch dieser Ausstellung verstehen.

Die Künstlerin entdeckt mit der Nana-Figur einen Projektions- und Reflexionsraum, der mehr ist, als nur künstlerisch verdichtete Feminismus-Attitüde. Von emanzipativen Bewegungen immer wieder instrumentalisiert, widersteht er diesen als Rückzugsort in eine innere, weibliche Welt, wie sie die Künstlerin Niki de Saint Phalle verstanden hat. Widerständig selbstbewusst, radikal verstörend: Statt Terroristin zu werden, wurde ich Terroristin der Kunst.

Ihre verstörende Großskulptur Hon, durch deren gespreizte Beinen mit imaginierter Vagina man 1966 den Ausstellungsraum im Moderna Museet in Stockholm erreichte, ist legendär und selbst zur Legende der Niki de Saint Phalle geworden.

Die Assemblage Autel des femmes von 1964 lässt im Dortmunder U etwas von dieser narrativen Radikalität ahnen. In ihr finden wütender Aufschrei gegen Gewalt – aufgeklebte Spielzeugflugzeuge zielen auf eine Gebärende –  und fürsorglicher Schutz der Frauen dagegen zusammen. Der gebärdende Körper mutet wie eine Arche Noah für alle gefährdete Kreatur an.

Je länger man von Raum zu Raum weitergeht, um so drängender stellen sich die Nanas in den Weg. Nur en passant Kunst zu betrachten, funktioniert nicht mehr. Die deformierte Torso-Unmittelbarkeit von The Lady Sings the Blues (1965), die ungeschönten Abrechnungen sowohl mit der Vaterfigur in Les fúnerailles du pére (1971) als auch mit der alle Emotionen verschlingenden Mutter – Bon appétit (robe mauve), 1980 – , lässt keine wirkliche Distanz beim Betrachten zu.

Man spürt angesichts der überdimensionierten Figuren aus Kunststoff, wie sie sich mit diesem Material letztlich bis zum Tode abgearbeitet hat. Es wirkt wie eine Ironie in ihrer Arbeit,  dass sie sich bei der Verarbeitung des Kunststoffs mit den dabei entstehenden giftigen Dämpfen gesundheitlich schwer geschädigt hat.

Angesichts ihrer Arbeiten drängt sich eine erschreckende Metapher auf. Während sie sich mit ihren Figurinen von den erfahrenen Demütigungen und Gewalterfahrungen zu befreien  sucht, überwältigt sie letztlich das schleichende Gift des Werkstoffes in tödlicher Endgültigkeit.

Nicht zuletzt in der kreativen Partnerschaft mit Jean Tinguley findet Niki de Saint Phalle trotz alledem auch eine Leichtigkeit des Seins. Mit Californian Diary (1994) in der Verbindung von Text und comic-artigen Zeichnungen markiert sie eine künstlerische Zäsur, die in den 1960ger Jahren mit parallelen Selbstbefragungen Why Don’t You Love Me? oder My Love What Shall I Do If You Die? zu einer leichteren, lebensfroh verspielteren Ausdrucksform und damit zu einem Weg aus ihren Dilemmata findet.

Die Ausstellung kann man insbesondere im Kontext der Zusammenarbeit mit Tinguely auch als Anregung nehmen, Niki de Saint Phalle im Außenraum neu zu entdecken. Es ist nicht nur den Strawinski-Brunnen vor dem Centre Georges Pompidou in Paris, auch in Hannover oder Duisburg kann man ihren Spuren folgen. Wer in diesem Jahr Urlaub in der Toskana macht, sollte nicht versäumen, den Tarotgarten in Capalbio zu besuchen. Niki de Saint Phalle so nah in Dortmund (noch bis 23. April 2017), so nah ganz anders als an diesem geheimnisvoll verspielten toskanischen Ort.

27.02.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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