Gustav Mahler und David Zinman gehören in Zürich zusammen

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Abschiedsstimmung in der Tonhalle Zürich. Während sie, die alt ehrwürdige Tonhalle, nach 122 Jahren runderneuert wird, bezieht das Tonhalle-Orchester für drei Jahre im Maag-Areal eine temporäre Spielstätte. Die MAAG EventHall wird als Box in the Box in eine Konzerthalle für klassische Konzerte umgebaut.

Der Charme der alten Tonhalle-Infrastruktur kann schon seit geraumer Zeit nicht mehr mit der wunderbaren Akustik mithalten. Im Vestibül vor dem Konzertsaal lädt eine lederne Sitzlandschaft zum Verweilen und Einstimmen auf das Konzert ein. Einzelne Sitzelemente lassen sich zu einem Sessel aufklappen, wobei einige einige von ihnen sich nicht mehr in einer entspannten Sitzposition arretieren lassen. Erst in einer schräg liegenden Ruhe-Position rastet der Mechanismus ein.

Wer sich, so bequem ausgepolstert, anschliessend auf die spartanisch hart gepolsterten Stühle im Konzertsaal setzt, hat schon mal für das Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Maestro David Zinman mit der Sinfonie Nr. 6 a-Moll von Gustav Mahler die dafür angemessene Aufmerksamkeitsposition. Mahlers 6. Sinfonie lässt schon bei den ersten Takten des Allegro energico mit seinem vorwärts treibenden Marschrhythmus und dem ersten Pauken-Fortissimo keine liegend entspannte Ruheposition mehr zu. Fast 90 Minuten lang ist es mehr ein hochkonzentriertes Sitzen auf der vorderen Kante des Stuhls. Das aufscheinende, die Gefühlsebene uneingeschränkt besetzende Verfinsterungsmotiv bis zu den berühmten Hammerschlägen im Finale hat zu prophetisch unterlegten Legendenbildungen geführt. Mit tragisch schicksalhaft seit ihrer Uraufführung 1906 in Essen bezeichnet, wird die Sinfonie als Katastrophen-Synonym wie ein Warnsystem ungebrochen bis heute verstanden.

Zinman dirigiert unnachahmlich mit unverstellter, dramatischer Zuspitzung. Ma non troppo – Heftig, aber markig – breitet er seine Arme wie die Schwingen eines Vogels aus, um das grosse Orchester zu umfassen und es mit körperlicher Berührung in den von ihm antizipierten Mahler-Kosmos zu geleiten. Neben Gesten dramatischer Umschliessung vertraut Zinman, während seine linke Hand für Momente in der Hosentasche ausruht, gelassen dem Orchester. Um Mahlers vielgerühmter Ästhetik des Tragischen Ausdruck zu verleihen, findet Zinman einen interpretatorisch bemerkenswerten Weg. Mahlers Instrumentierung mit den solistisch animierten Einsätzen von differenziertem Schlagzeug von Glockenspiel, von Herdenglocken bis tiefen Glocken, von temperierten Becken bis Triangel, Tamtam, Rute und dem exotisch brachialen Hammer, die in sinfonischen Werken der Klassik vor allem orchestral funktionieren, gibt mit dezidierten Pausen viel plastischen Klangraum.

Das ruhelos flirrende Vibrieren findet selbst im Andante moderato mit dem lyrischen Hauptthema der Violine keinen Ruhe- und Haltepunkt. Zart, aber ausdrucksvoll, kontrastiert mit misterioso breitet sich eine melancholische Grundstimmung aus, die aber sogleich – auf- und abwogend – in spannungsreiche Unruhe umschlägt.

Das ScherzoTrio – altväterisch, grazioso hat Mahler in die Partitur geschrieben – verspricht nur kurzzeitig Hoffnung auf Beruhigung. Traditionelle Tänze wie Menuett und Ländler werden von gellenden Trillern und aufbrausenden Tremoli der Schlagwerke scharf kontrastiert. Heiterkeit bleibt ein kurzes Hoffnungsmoment. Unter Zinman wird sie als Karikatur demaskiert.

822 karthasische Takte hat die Musikgeschichte gezählt, die das Finale Allegro moderato eröffnen. Dieser Satz gehört zu Mahlers dramatischsten kompositorischen Erfindungen. Zinman verbindet die gebieterischen Pauken-Rhythmen mit den abstürzenden Violinen, die sich gegen den energischen, aus dem 1. Satz zitierten Marsch nicht durchsetzen können, mit einer designierten, unmissverständlichen Pesante-Balance. Der noch einmal mit Tuba und Posaune aufgebauten, wehmütigen Hoffnung, es möge sich alles zum Guten wenden, lässt Zinman für einen kurzen Augenblick eine Chance. Wie ein Axthieb, setzt der Dirigent einen düster verhangenen Punkt, der kein Schönreden des Tragischen zulässt.

Der emphatische Applaus für David Zinman zum Schlus zeigt, wie tief ihn die Zürcher Konzertbesucher mit liebevoller Verehrung in ihr Herz geschlossen haben.

04.03.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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