Artist in Residence Philipp Schaufelberger mit Charles Ives

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Christian Wolfarth (dr) & Philipp Schaufelberger (git) © Peter E. Rytz 2017

Mutig zu sein, ist für die Vertreter des Jazz Teil ihres Selbstverständnisses als Musiker. Dafür, dass aber jemand Jazz und Klassik in einem Konzert zusammenbringt, braucht es neben Mut auch eine Haltung, die das Publikum überzeugend mitnimmt. Philipp Schaufelberger hat sich für sein Konzert als Artist in Residence im moods Zürich das Mondrian Ensemble mit der wunderbaren Sängerin Lena Kiepenheuer gewünscht.

Das Projekt EINE KOMPONIERTE WELTBESCHREIBUNG NACH GEFUNDENEN POSTKARTEN P.O.S.T. – 97 aNSIcHTeN AUs DEm DeAD LEtTEr oFFIce, Komposition und Klanginstallation zusammen mit Christopher Coburger und Anna Trauffer bei der Ruhrtriennale 2016, weist daraufhin, dass sich der Gitarrist  Schaufelberger auf verschiedenen Feldern improvisierter Musik zuhause fühlt.

Schon vor Abschluss seines Studiums der klassischen Gitarre 1995 an der Musikhochschule Luzern spielte er in verschiedenen Jazz-Bands und musikalisch artverwandten Formationen. Mit unterschiedlich orientierten Musikern wie dem Bassklarinettisten und Soundbastler Claudio Putin, dem Bassisten und Komponisten Barry Guy, der sowohl in der Klassik als auch im Jazz und in der improvisierten Musik ein viel gefragter Partner ist, oder als Mitglied in Lucas Nigglis Band Zoom hat sich Schaufelberger immer wieder auf eine neue Spurensuche nach einem verdichteten Klang gemacht.

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Philipp Schaufelberger (git) © Peter E. Rytz 2017

Den ersten Teil des Konzerts spielt er mit dem von ihm eingeladenen Schlagzeuger Christian Wolfarth. Wolfarth verfolgt seit mehr als 20 Jahren insbesondere Solo- und Duo-Projekte, beispielsweise mit der Pianistin Irene Schweizer und dem Gitarristen Christian Buck. Mit Schaufelberger verbindet ihn offensichtlich und hörbar eine minimalistische Auffassung von Musik.

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Christian Wolfarth (dr) © Peter E. Rytz 2017

Improvisationen nach Thelonius Monk, Assoziationen zu Miles Davis oder volksliedhafte Zitate reduzieren sie auf melodiös minimalistische Klangmuster. Die Zuhörer im moods werden zu Kollaborateuren von Sound-Splittern, die sich erst in ihren Ohren zu einem eigenen Klang generieren. Schaufelberger und Wolfarth duellieren sich nicht, sondern gestalten sie einen Dialog, der von den Ideen lebt, die der eine einbringt und vom anderen wechselweise mit empathischem Respekt weiter geführt wird. Selten gibt es lautstarke und heftige Klangabenteuer zu hören, dafür umso mehr ein leises, zurückgenommenes Nachhallen musikalischer Fragmente.

Im zweiten Konzertteil sind Kompositionen von Charles Ives zu hören. Komponierte Musik, die gleichwohl für improvisierte Musik von Klassik bis Jazz maßstabsetzend ist. The Unanswered Question von 1906 ist inspierend für viele nachfolgende avantgardistische Komponisten geworden. Mit einer Auswahl aus seinem umfangreichen Lied-Œuvre öffnet Lena Kiepenheuer mit ihrem lyrisch vollmundigen als auch ausdrucksstark intervenierenden Sopran zusammen mit der wohltemperiert begleitenden Tamriko Kordzaia eine Seitentür in den Charles-Ives-Kosmos. Seine Lieder, obwohl originell und mit Gespür für dramatisch poetische Artikulationen komponiert, stehen häufig hinter seinen sinfonischen Kompositionen zurück. Welches variable Klangpotential sie besitzen, deutet Kiepenheuer an. Man hätte sich noch viel mehr davon gewünscht.

AIR Philipp Schaufelberger Mondrian Ensemble Lena Kiepenheuer

Zum Höhepunkt des Artist-in-Residence-Konzerts wird das Trio für Violine, Violoncello und Klavier (1910) von Charles Ives, dargeboten vom Mondrian Ensemble mit Ivana Pristasova (Violine), Karolina Öhman (Cello) und Tamriko Kordzaia (Klavier).

In seinem Klaviertrio verarbeitet Ives, wie seine Ehefrau später zu Protokoll gibt, musikalisch resümierende, ironisch kommentierte Eindrücke aus seiner Studienzeit. Mit einem nachdenklich meditativen Moderato zum Auftakt werden im Presto Melodien und Lieder in lautmalerischer Anmutung verquirlt, verzerrt und radikalisiert. Das dem Presto vorgesetzte geheimnisvolle Kürzel TSIAJ ist musikwissenschaftlich Jahrzehnte später, als sich selbst Ives nicht mehr daran erinnern konnte, als This Scherzo is a joke dechiffriert worden. Für den letzten Satz  Moderato con moto verwendet er eine schon in der Studienzeit  komponierte Hymne All-Enduring for Choir and Orchestra.

Dem Mondrian Ensemble gelingt es eindrucksvoll, in dieser komplex verschränkten, manchmal auch widersprüchlichen Komposition einen Weg frei zu legen und den Ives-Kontext zum Klingen zu bringen. Ein mitunter kühner, von  hochfahrender Intensität geprägter Parforceritt, der mit dem aufgewirbelten Staub furios gebaute Klangräume nicht zudeckt, sondern sie wie Quellwasser in einer von Wüstensand umgebenen Oase perlen lässt. So erfrischt der Kopf der Zuhörer, so erschöpft die Musikerinnen am Ende. Kein schlechtes Fazit für einen ungewöhnlichen, sehr anregenden Abend im moods in Zürich.

11.03.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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