Eine Hommage mit Überraschungen

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© Mark Wohlrab

Mancher mag sich an diesem Abend im Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum verwundert die Augen gerieben und den Ohren nicht recht getraut zu haben. Mit dem Auftakt des Konzertes zum 70. Geburtstag von Gidon Kremer und dem 20-jährigen Jubiläum der Kremerata Baltica mit dem Klavierquintett in f-Moll op. 18 von Mieczysław Weinberg – in der Fassung für Klavier und Streichorchester von Gidon Kremer und Andrei Pushkarev – macht der junge französische Pianist Lucas Debargue zusammen mit dem Kammerensemble eine bemerkenswerte musikalische Vorgabe. Wie sich nach der Pause zeigt, stellen sie die eigentlichen Stars des Abends Gidon Kremer und Martha Agerich fast in den Schatten.

Ähnlich jung wie Debargue (Jahrgang 1990), spielt die Ü-30-Mehrheit der Musikerinnen und Musiker der Kremerata Baltica Weinbergs Klavierquintett, eine monumentale, von ausschweifendem Erzählgestus getragene Komposition, jugendlich forsch, kraftvoll stringent und fulminant im Ausdruck. Debargue interpretiert den Klavierpart mit seinen technischen Anforderungen, die Generalpausen wie betonierte Verankerungen eines Hauses verlangen, mit geistiger Durchdringung. Dabei wiegt er seinen Körper in dramatischen Rhythmuswechseln zwischen Presto und Pianissimo. Die Körperspannungen münden in gestisch intuitive, dirigentsche Betonungen. Debargue versammelt seine Händen vor dem sogenannten Sonnengeflecht. Von diesem Energiezentrum ziehen sich Kraftlinien ins Orchester, die die damit verbundenen, energetischen Aufladungen in einen orchestral subtil variierenden Klang umsetzen.

Gleichzeitig geben Gidon Kremer und Andrei Pushkarev mit ihrer Fassung für Klavier und Streichorchester insbesondere den Stimmführern der einzelnen Streichergruppen viel Raum, solistisch zu gestalten. Die Solisten nutzen ihn in klanglich feinsinniger Abstimmung mit  Debargue sehr überzeugend. Immer wieder lösen sich solistische Stimmen mit assoziativ klangbildender Kraft aus der mitunter temperierten Pizzicato-Begleitung des Orchesters.

Für Weinbergs rhetorisch kompositorische Tonsprache in der Art eines musikalischen Tagebuchs finden sie eine kongeniale Übersetzung an diesem Konzertabend in Bochum. Mit der Wucht eines selbstbewussten Moderato con moto lassen Lucas Debargue und die Kremerata Baltica sofort Weinbergs spannungsvoll kontrastrierende Tonsprache deutlich hörbar werden. Exotisch percussive Allegretto-Klangfarben verfremden walzerselige Anklänge persiflierend  in ein fulminantes Presto.

Mit dem elegisch traumverloren berückenden, teilweise grell blitzenden Largo  gelingen Pianist und Orchester einfallsreiche Klangbilder. Es ist, als hörte man Rufe in einem dunklen Wald, die sich nach Licht in eben jenem Dunklen sehnen. Fahl gedämpfte Klanglichkeit, begleitet von grotesken Arabesken, assoziieren Bilder, als würden sie im Gestus der Malerei von Maria Lassnig – am gleichen Tag im Museum Folkwang Essen in der Ausstellung Maria Lassnig eröffnet – mit ihren Versuchen, innere Bewegtheit in ein adäquates  Außen darzustellen, im Largo Ähnliches versuchen.

Mit einem extremen Cello-Pianissimo leitet  das Allegro agitato wortgetreu zum Finale über. In emphatischer Direktheit wird eine agitatorische Stimmung angeschlagen, die klanggewaltig in maschinenhaften, fugenartig verarbeiteten  Repetitionen Hochspannung erzeugt. Mit einer Reminiszenz an das Thema des ersten Satzes glättet sich die sturmdurchbrauste, Ragtime-bewegte Szenerie. Von Debargues mit einer Klavier zertrümmender Apotheose eingeleitet, klingt das Konzert in Form von minimal music fast versöhnend leise aus.

Den nicht endenden wollenden Jubel übersetzt Debargue als Aufforderung, die finale Minimalisierung in der Zugabe der Gnossienne 1 von Erik Satie zu spielen. Ein nachhaltiger Punkt, der das eben gehörte Konzert auf eine sehr einfühlsame Art kommentiert.

Der begeisterte Empfang für Martha Argerich und Gidon Kremer nach der Pause ist angesichts der hochgesteckten Erwartungen der Konzert-Hommage keine Überraschung. Eher überraschend dagegen, wie Argerich und Kremer die Sonate Nr. 1 für Violine und Klavier in a-Moll op. 105 von Robert Schumann zwar klassisch schön, romantisch verträumt spielen, ihrem Spiel aber eine ebenso klassisch zu nennende Abgeklärtheit eigen ist, die in einem deutlichen Gegensatz zu dem von Debargue und der Kremerata Baltica aufregend schönen, kantig kraftvollen Weinberg-Konzert steht.

Der Eindruck, dass das Spiel von Argerich und Kremer mitunter viel Routine atmet, verliert sich auch durch die beweglich temperiert spielende Kremerata Baltica beim abschließenden Mozart-Konzert nicht wirklich. Auch hier mehr abgeklärter, staatstragender, phasenweise wie aus der Zeit gefallener Klang, als ein Freude schöner Götterfunken verheißender, wie ihn die Ruhrtriennale für das in der Pressekonferenz an diesem Tag veröffentlichte Programm 2017 verspricht.

Warum das Konzert für Flöte und Harfe C-Dur, KV 299 von Wolfgang Amadeus Mozart in einer Bearbeitung für Violine, Klavier und Orchester von Victor Kissine in Bochum gespielt wird, kann man als programmtische Entscheidung verstehen oder auch missverstehen. Es scheint, dass die zweifelsfrei solistische Exzellenz von Argerich und Kremer besonders herausgestellt werden sollte. Im Duo-Spiel erfüllen sie diese Erwartungen zumindest. Die dem Werk zugrunde liegende Heiterkeit, von immer neuen Gedanken umspielt, vor allem durch die Kombination von solistischer Harfe und Flöte, gelingt dagegen durchgängig wenig überzeugend.

Von Mozarts Inspiration, kompositorisch fast einmalig in der Musikgeschichte gebliebenen, ist interpretatorisch im Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum nicht sehr viel zu hören. Dass es am Ende großen Beifall gibt, versteht sich allein schon aus Respekt vor der Lebensleistung von Martha Argerich und Gidon Kremer fast von selbst. Allein als Maßstab die künstlerische Überzeugungskraft der Interpretation genommen, haftet der uneingeschränkten Zustimmung des Publikums etwas Geschmäcklerisches an.

12.03.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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