Mozart Marriner gewidmet

© Tonhalle Düsseldorf / Susanne Diesner Fotografie

© Susanne Diesner 2017

Als Sir Neville Marriner 2013 mit den Düsseldorfer Symphonikern in der Tonhalle debütierte, war es für den damals 89jährigen immerhin noch einmal eine neue Orchester-Erfahrung. Seit Jahrzehnten hatte er in vielen Konzerten mit seiner Academy of St Martin in the Fields die Konzertbesucher in der Düsseldorfer Tonhalle beeindruckt; aber nie zuvor am Pult der Düsseldorfer Symphoniker. Sein Tod im Herbst vergangenen Jahres verhindert im Sternzeichenkonzert eine Wiederbegegnung mit ihm und Wolfgang Amadeus Mozart.

Es wäre sicher reizvoll gewesen, wie sich Marriners Interpretation von Mozarts Messen – die unvollendet gebliebene Messe c-Moll, KV 427, im Sternzeichenkonzert für März 2017 angekündigt, von der Krönungsmesse Messe C-Dur KV 317 vom Dezember 2013 (Es weihnachtete im 4. Sternzeichen vom 18.12.2013, hier veröffentlicht) – in Tempi und Farbigkeit unterschieden hätte.

So wird das Konzert mit Adam Fischer, dem Principal Conductor der Düsseldorfer Symphoniker zu einer denkwürdigen Hommage á Sir Neville Marriner. Fischer  eröffnet das Konzert mit der Sinfonie Nr. 38 D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, auch als Prager Sinfonie bezeichnet. Diese Sinfonie ohne Menuett, ohne Klarinette, zwischen Figaros Hochzeit und Don Giovanni komponiert, atmet viel Operntemperament. Mit seiner typischen Fischer-Faust betritt er das Pult und schließt das Orchester an sein dirigentisches Kraftzentrum an.

Mit nuancierter Taktgebung zwischen Forte und Piano eröffnet er den 1. Sonatensatz. Fischers Ganzkörperdirigat animiert das Orchester zu luzider Klangvielfalt. Stößt er die Hände, begleitet von tänzelnden Schrittbewegungen, eben noch wie mit einer feinen Klinge eines Floretts fechtend in die Streichergruppe, besänftigt er im nächsten Moment das Blech. Seine Hände formen sich schalenförmig, als wolle er etwas Kostbares weiterreichen.

Während im Andante Dirigent und Orchester in einem Klangfarbenreichtum schwelgen, von dem man glauben könnte, mit den Augen zu hören, demonstriert Fischer  im Finale, welches kompositorische Meisterstück Mozart damit gelungen ist. Changierend zwischen klassischer Ernsthaftigkeit und verspielter Unterhaltung, kitzelt er Mozarts virtuos komponierte Herausforderung aus dem Orchester heraus. Pizzicato betont, setzt er starke, polyphon animierte Tutti-Solo-Kontraste, die das turbulente Geschehen beenden.

Wie gut Fischers gewinnende Dirigierkunst zu Mozarts gewinnender Musik passt, zeigt sich mit der Großen Messe in c-Moll, KV 427. Fischer gelingt mit den Düsseldorfer Symphonikern und dem Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf, von Marieddy Rossetto elastisch eingestellt, ein doppelt beeindruckendes Konzert. Es ist erstens eine großartige Referenz an Mozarts monumentale Messe. Obwohl unvollendet geblieben, ist sie beispielgebend für den Typus Missa solemnis, die den Rahmen aller anderen Mozart-Messen sprengt. Und sie ist zweites eine kongeniale Hommage á Sir Neville Marriner, wobei die von ihm 2013 dirigierte Krönungsmesse Messe C-Dur KV 317 wie in einer Resonanzfolie aufgehoben mitklingt.

Die in der Messe in c-Moll, KV 427 enthaltene Vielschichtigkeit von opernartigen Arien und chorischen Rezitativen gibt jeder Interpretation Rätsel auf, wie sie andererseits auch musikalisch entgrenzt. Es gilt nichts weniger, als Mozarts kontrapunktischen Stil mit dem eigenem Geist zu füllen. Fischer gelingt das mit stilistisch bemerkenswerter Noblesse. Den Solisten baut er mit konziser Empathie, sowie mit einer freundlich auffordernden, aufmunternden Körperhinwendung zu ihnen, eine Brücke zu Orchester und Chor.

Hätte nicht Jutta Maria Böhmert krankheitsbedingt absagen müssen, wäre sie als Sopranistin, die 2013 unter Marriner gesungen hat, die Personifikation des Hommage-Konzerts per se gewesen. Die zierliche, international renommierte Sopranistin Yeree Suh nutzt als Einspringerin, insgesamt betrachtet, überzeugend die Chance, sich dem Düsseldorfer Publikum zu zeigen. Anfangs unsicher wirkend, sitzt sie angespannt auf ihrem Stuhl, konzentriert in die, verglichen mit den anderen Solisten sehr umfangreiche Partitur vertieft. Mit dem Terzett Et incarnatus est fällt die Anspannung vollends von ihr mit einem ersten, lang ersehnten Lächeln ab.

Dieses Terzett leitet nicht nur den finalen Konzert-Höhepunkt ein. Es offenbart gleichzeitig, über welche solistischen Qualitäten die Düsseldorfer Symphonikern  mit  der Oboistin Gisela Hellrung, der Fötistin Ruth Legelli und dem Fagottisten Veit Scholz verfügen.

Während Thomas Laske nur im Benedictus zeigen kann, über welchen klar artikulierenden Bass er verfügt, markiert der Tenor Krystian Adam mit klarem, sicherem Ausdruck die differenzierten Partien. Die Mezzosopranistin Sophie Harmsen singt mit opernhafter, gesanglich eindrucksvoller Artikulation, wobei sie im Duett mit Yeree Suh auf ihre stimmliche Dominanz uneingeschränkt beharrt.

Viel Beifall am Ende für alle, von dem Adam Fischer selbst, wie die Konzerte in der Tonhalle schon wiederholt gezeigt haben, überrascht scheint. Seine Sache ist es offensichtlich nicht, als Maestro im Jubel zu baden, sondern sich als Dirigent für die Musik zu engagieren und die Musiker zu motivieren. Am Schluss tritt er in respektabler Bescheidenheit zurück und überlässt Orchester, Chor und Solisten die Bühne.

17.03.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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