Let’s buy it! – Let’s talk about?

© Peter E. Rytz 2017

Schon seit Jahren ist zu beobachten, dass die Kunst immer mehr zum schnöden Gegenstand einer gewöhnlichen Handelsware geworden ist. Kunst als Geldanlage ist en vogue wie nie zuvor. Das gibt es schon seit Albrecht Dürer. Die Kunstgeschichte will ihn als ersten Kunst-Unternehmer ausgemacht haben. Verglichen mit den Strategien des Kunstmarktes heute, sind es allerdings nicht mehr als eher zaghafte Versuche, von der Kunst zu leben. Auftragskunst als Reaktion auf die Nachfrage nach bildnerischer Repräsentation einer royalistischen Oberschicht, später von bürgerlichem Selbstbewusstsein, das mit Kunstwerken in den Wohnungen den Stand in der gesellschaftlichen Hierarchie markiert.

Kunst ist letztlich nie frei von ihrer Beziehung zu Geld gewesen. Das hehre, vollmundig propagierte Wort von der Unabhängigkeit der Kunst erweist sich häufig als euphemistische Legitimationsfloskel. Vielleicht stellen die Künstler der Avantgarde um 1900 in ihren Anfängen eine Ausnahme dar. Dass viele Arbeiten erst nach ihrem Tod zu einer hochspekulativen Ware wurden, die heute auf dem Kunstmarkt mit astronomischen Summen gehandelt werden, erscheint grotesk und aberwitzig. Kaum etwas anderes könnte deutlicher machen, wie die von der französischen Revolution als Grundlagen eines demokratischen Miteinanders formulierten Imperative – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -, von den imperialen Vereinnahmungen eines  globalen Kapitalismus desavouiert werden.

Die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen hat diesen Zusammenhang von Kunst und Einkauf – Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter ungeschminkt wortwörtlich genommen: Let’s buy it! Sie greift damit ein längst überfälliges aktuelles, weit über den kunsthistorischen Kontext hinaus reichendes Thema auf. Täglich, manchmal auf subversive Weise wie jene auf eine Düsseldorfer Brandmauer gesprayten Schriftzeichen, Geld macht dumm, arm auch, oder die Neonschriften Nichts ist, wie es war. Nichts wird sein, wie es ist im Treppenhaus im Museum unter Tage in Bochum treten sie ins öffentliche Bewusstsein.

Die konzeptionelle Konzeptionen des Dada-Ausstellungsmarathon mit ambitionierten Ausstellungen u.a. in Zürich, Berlin und Rolandseck des letzten Jahres, 100 Jahre nach der Dada-Ausrufung im Cabaret Voltaire in Zürich, mit der Behauptung Dada war da, bevor Dada da war (gleichnamiger Text vom 18.03.2016, hier veröffentlicht), überführt die Oberhausener Ausstellung in ein Aldi-Fast-Food-Heute mit selbstkasteiendem Potential. Jedem Ausstellungsbesucher in Oberhausen, ob er will oder nicht, wird mit den allermeisten Arbeiten der Spiegel vorgehalten. Shop the pain away (2013) stellt sich Katharina Arndt mit rot leuchtenden Buchstaben im Eingangsbereich dem Besucher fragend oder feststellend entgegen. Radikaler ihr Buy now (2013) auf der gegenüberliegenden Wand.

In ähnlich provozierender Weise stellen sich Lass Abendroths mit ungelenkter Hand auf weißen Karton geschriebenen Fragmente grundlos teuer (2001) und unverschämt teuer (2004) dem Ausstellungsbesucher als Konsumenten in den Weg. Seine Arbeit reich ins heim (2012), auf der die schwarze Schrift mit Rot durchgestrichen ist, lotet tiefer. Fragt nach dem historisch reflektierten Selbstverständnis des Bürgers in einer globalisierten Welt.

Künstler als Marke. Marken in der Kunst titelt ein Kapitel in einem die Ausstellung mit kunstgeschichtlichen und kulturell historischen Fakten ergänzenden, sehr lesenswerten Katalog. Es zieht Linien von Andy Warhols legendär gewordenen aus dem Supermarkt geborgten und zu Kunst erklärten Suppendosen Campell’s Soup Can, Onion (1968) oder Campell’s Soup Can, on Shopping Bag (1966) bis Mel Ramos‘ adaptierten Suppendosen Suzy Soup (2010) sowie Campell’s Soup Blondes (2016), erotisch aufgeladenen durch daswerbewirksame Accessoire eines nackten Blondchens.

In der Gegenüberstellung vielleicht überraschend, dass Mel Ramos mit seinen Werbezitaten The pause that refreshes (1970) oder Lola Cola (1972) selbst eine Legende ist, die häufig von Warhol verdeckt wird. Die Nachbarschaft von Ramos‘ Arbeit Red Hots (2013) neben einer als süddeutsch-alpenländisch bezeichneten bemalten Holzfigur des Hl. Sebastian (um 1480 – 90), dem Schutzpatron gegen Pest und Seuchen, lässt fragen, inwieweit wir uns von erotisierenden Werbebotschaften nicht tagtäglich verseuchen lassen.

Nachdem man an der kaum noch nachvollziehbaren Tulpomania-Euphorie des 17. Jahrhunderts lächelnd vorüber gegangen ist,  mit Mutter und Tochter (1965) von Gerhard Richter einkaufen war, sich vor Timm Ulrichs‘ programmtischer Fotografie Ich kann keine Kunst mehr sehen angesichts der Datierung 1968/2002 ins Grübeln kommt – 34 Jahre später und nichts hat sich geändert? – begegnet man mit Christin Lahr einer leibhaftig arbeitenden Künstlerin in der Ausstellung.

Sie hinterfragt Das Kapital als Grundlage des Warenverkehrs. Seit 2009 überweist sie jeden Tag 1 Cent an das Bundesministerium der Finanzen. Unter Verwendungszweck des Überweisungsformulars trägt sie fortlaufend über 43 Jahre jeweils 108 Zeichen aus Karl Marx‘ Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie ein. Aufgefordert, Macht Geschenke: Das Kapital – Überzeichnungen, kann der Ausstellungsbesucher angesichts ihrer unlesbaren Notationen an  der Erfahrung von Schein und Sein des Geldverkehrs teilhaben. Im Rahmen von Austellungen übernehme ich den Stuhl des jeweiligen (Ober)Bürgermeisters­_in und richte an einem kapitalen Tisch inmitten der Installation meinen Arbeitsplatz ein, gibt sie im Katalog zu Protoll.

Wer sich von Joseph Beuys‘ intellektuell ver- und überspielten Arbeiten wie Das Wirtschaftswert-Prinzip 2 Mensch (1980) nicht schon wieder wie so oft auf seine Idee des erweiterten Kunstbegriffs der sozialen Plastik einlassen möchte, fühlt vielleicht bei Brigitte Kraemers Fotografie Duisburg-Meiderich (2007) die Anfechtungen Let’s buy it! unmittelbarer. Mutige könnten noch bis zum 14. Mai 2017 mit Christin Lahr den kapitalen Tisch teilen: Let’s talk about!

21.03.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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