Otello und andere Navigationsprobleme

© Thomas Jauk

Der traditionelle Willkommens-Applaus für den Dirigenten findet bei der Premiere von Giuseppe Verdis Oper Otello nicht statt. In die ersten zaghaften Beifallsanklänge hinein lässt Gabriel Feltz am Pult die Leinen los. Beginnend mit einem tumultartigen Aufschrei – Una vela! Una vela! – des von Manuel Pujol frisch singenden und spielenden Chores des Theaters Dortmund sowie einem Extrachor leitet Gabriel Feltz die spielfreudigen Dortmunder Philharmoniker fortan durch ein oszillierendes Otello-Fahrwasser.

Feltz treibt die Dortmunder Philharmoniker mit donnerndem, blitzendem Furor vorwärts. Dieser tönende Krafteinsatz ist in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog zwingend notwendig. Die Musik der unvermittelt, ohne Ouvertüre einsetzenden Handlung wettstreitet mit einem über das saalinterne Audiosystem eingespielten Artellerie-Kanonendonner. Zudem verstärken auf die Bühnenwand projizierte Video-Screens eines umlaufenden Radars U-Boot-Navigationszeichen den bewegten Auftakt.

Der Chor steigert von den Parkettzugängen, unmittelbar aus dem Zuschauerraum singend mit erregtem Lampi! Tuoni! Gorghi! die von Unwetter gefährdete, letztlich aber glückliche Landung von Otellos Truppe auf Zypern. Gegen das auditive Donnergetöse und die Lichteffekte hat Verdis Musik keine Chance. Sie ist nur noch zu ahnen.

Während die Mannschaft jubelt – Esultate! L’orgoglio musulmano sepolto é in mar -, Jago für sein böses Spiel Roderigo und Cassio instrumentalisiert, tönt im Parkett ein Handy: Versuchen Sie es noch einmal! Jagos Versuchung braucht offensichtlich nach Ansicht eines naiven, aber wenig medienkompetenten Handy-Besitzers im Parkett mehr Nachdruck. Kurze Zeit später meldet sich die Automatenstimme noch einmal. Seine verzweifelte Rechtfertigung gegenüber  verärgerten Besucherreaktionen beim Gang in die Pause – Ich habe versucht, es auszustellen. Aber das Navigationssystem hat sich trotzdem gemeldet. – könnte man wie einen unfreiwilligen Kommentar zur Otello-Geschichte nehmen.

Hätten Otello, Desdemona oder alle anderen außer Jago nur ein einziges Mal ernsthaft das corpus delicti, das unglückselige Fazzoletto in Frage gestellt und ihrem personalisierten Navigationssystem, respektive Lebenserfahrung vertraut, wäre die Geschichte anders verlaufen. So wie jenem Besucher die Medienkompetenz fehlt, so fehlt Otello das Vertrauen zu sich selbst. Trotz militärischem Ruhm und gesellschaftlichem Aufstieg zum Gouverneur bleibt er der Fremdling. Er misstraut dem Glück.

Wie im Auftakt die Musik atemberaubend auf und ab flutet, ebenso verzweifelt versucht Otello ein anderer zu sein als der Held, der aus der Fremde kam und doch weiterhin fremd bleibt.

Otellos selbstzerstörische Verunsicherung sowie seine immer wahnhaftere  Züge annehmende Selbsterniedrigung ist Wasser auf Jagos Mühlen. Sie führt angesichts der gehissten Fazzoletto-Fahne auf dem Leuchtturm nicht ins sichere Fahrwasser, sondern in die Katastrophe. Otellos hoffnungslos vergiftetes Boot  zerschellt an Jagos Brandungsfelsen und reißt Desdemona mit in den Tod.

Dem fulminanten Auftakt mit seinem multimedialen Overdrive, der für einen kurzen Moment in Erwartung eines irrlichternden Regietheater-Spektakels den einen oder anderen irritieren mag, folgt in den ersten zwei Akten eine eher unaufgeregt  zurück genommene Aufführung. Es ist, als befänden sich vor allem die Solisten noch im Selbstfindungsmodus. Warum die Aufführung insgesamt erst nach der Pause richtig in Fahrt kommt, erklärt sich aus Jens-Daniel Herzogs klar strukturierter Inszenierungidee, die versucht, nicht von Anfang Erwartung und Wahrnehmung vorschnell auf das mörderische Ende zu justieren.

Herzogs Inszenierung von Verdis Otello überzeugt, weil sie ohne tagespolitisch angestrengte Kurzatmigkeit gähnen macht. Sie macht eine allfällige Sucht nach Lügen spürbar. Ein theatralisches Fake-News-Hintergrundrauschen, das nachhaltiger und unabhängiger wirkt, weil es nicht vordergründig polemisch aufgeladen ausstellt.

© Thomas Jauk

Die weiß getünchte Vier-Kammern-Bühnenarchitektur von Mathis Neidhardt erweist sich als kreativer Spielraum für Herzogs Erzählstruktur. Die funktionalen Zuschreibungen der Räume – ein dicht bestuhltes Wartezimmers, ein von einem riesigen Tisch dominiertes Allzweckzimmers, ein klaustrophobisch enges Bad mit Spiegel und Handwaschbecken sowie ein mit gedimmtem Licht ausgeleuchtetes Raucherzimmer, Jagos Schalt- und Genußzentrale, – erweisen sich als eindrucksvolle narrative Spiel-Tableaus. Inszenierung und Bühne fügt die Dramaturgie von Hans-Peter Frings und Georg Holzer zu einer sehens- und hörenswerten Premiere.

Lance Ryans Tenor klingt in den Höhen überspitzt, teilweise überbetont. Es ist eine anhaltende Suche nach einem Klangabbild der Persönlichkeit Otellos. Während Ryan nach der Pause spielerisch und sängerisch seinen Otello findet, bleibt der Cassio von Marc Horus vor allem sängerisch hinsichtlich klangfarbigen Volumens einiges schuldig.

Emily Newton ist eine verlässlich überzeugende Desdemona. Differenzierte Koloraturen mit geschmeidiger Farbigkeit neben dem ariosen Gesang, wie in der liedhaften Arie La canzon del Salice – sängerisch vielleicht der Höhepunkt des Abends – charakterisieren Desdemona als naiv Liebende mit lasziver Marilyn-Monroe-Anmutung.

Neben ihrem dunkel gefärbten Mezzosopran verfügt Almerija Delic auch über ein beachtliches schauspielerisches Repertoire. Die Dramaturgie hat die Rolle der Emilia mit starken schauspielerischen Akzenten entwickelt. Delic ist häufig auch dann auf der Bühne, wenn sie nicht singt. Als Jagos Gattin ist sie sowohl Erfüllungsgehilfin, als auch Mitleidende Desdemonas; ebenso Objekt ihrer Selbstbegierde.

Sangmin Lee in der Rolle des Jago ist als Sänger und als Schauspieler geradezu unheimlich präsent. Er verkörpert sozusagen den Prototyp des Dämonischen. Einige Kronzeugen der Entstehungsgeschichte des Otello glaubten zu wissen, dass  die Oper eigentlich Jago heissen sollte. Mit dem Jago Sangmin Lees fände sich dafür ausreichend Bestätigung.

© Thomas Jauk

Herzogs Otello zeigt eine eindrucksvolle Charakterstudie von Abstieg des Helden zur fremdbestimmten Marionette. Der abgetrennte Kopf eines Wolfes, als Trophäe an der Wand die Tragödie beobachtend, antizipiert Jagos Menetekel. Sangmin Lee spinnt unter ihm mit unfehlbarer grausamer Gewissheit seine Intrigen: Credo in un Deo crudel m’ha creato simile a sé. Letztlich trimuphierend über den in hündischer Selbstaufgabe geschlagenen Otello: Chio puó vietar che questa fronte premacol mio tallone?

Im Gästebuch der Oper Dortmund haben Malin und Jenny eine Botschaft hinterlassen: Justin Biber wir lieben Dich. Dem Großteil der Otello-Premierenbesucher sind solche euphorischen Botschaften wohl eher fremd. Nichtsdestotrotz kann der überwältige Beifall am Ende auch als Liebesbeweis für eine überzeugende Ensembleleistung verstanden werden. Vereinzelte Buh-Rufe verstummen schon mit der zweiten Applauswelle.

29.03.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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