Maria Lassnig: selbst – mehrfach – endlos

Peter Pakesch (Maria Lassnig Stiftung), Dr. Anna Fricke (Kuratorin), Dr. Tobia Bezzola (Direktor Museum Folkwang) © Peter E. Rytz 2017

Darüber, ob sich Maria Lassnig mit dem Werk von Friedrich Nietzsche oder Sigmund Freud auseinandergesetzt hat, ist nichts bekannt. Dass sie mit ihrer Übersiedlung nach Wien Anfang der 1950ger Jahre unter dem Einfluss der Arbeiten von André Breton und Paul Celan auch von Freuds psychoanalytischer Traumtheorie berührt worden ist, scheint aber sehr wahrscheinlich.

Ihre Malerei ist, wie man sich jetzt im Museum Folkwang Essen noch bis zum 21. Mai überzeugen kann,  eine obsessive, ontologisch inspirierte Suche, Entitäten des Selbst abzubilden. Getrieben von der idée fixe,  körperliches Erleben und Fühlen malerisch auf die Leinwand zu übertragen, verdichtet Lassnig diese in sogenannte Körperwahrnehmungsbilder. Der eigene Körper ist ihr als Gehäuse Ausgangs- und Endpunkt ihrer malerischen, zeichnerischen und filmischen Erkundungen: Eigentlich male ich mich immer nur selbst.

Von der kleinformatigen Arbeit Body housing von 1951 aus zieht die von Anna Fricke mit sensiblem Gespür für den Dialog zwischen Lassnigs Werken und Besucher kuratierte Ausstellung eine Linie über surrealistische Reflexionen, über Informel und Abstraktion bis zu Body-Art, die um Lassnigs Selbstportraits kreist.   In Self-Portrait with Stick (1971) hält sie die Enden eines Stabs in den Händen, der ihren Körper rätselhaft verbindet und ihn gleichzeitig ausschneidet.

Lassnigs Versuche, mit immer wieder neuen Erkundungsvarianten ihren eigenen Körper kennzulernen, kapitulieren auch mit ihrem letzten Self-Portrait with Brush  von 2013 vor dem Unmöglichen, letztgültige Abbildungsformen zu schaffen.

Mit ihrer konzeptionellen, komplex vielfältigen Köperbewusstseins-Malerei ist sie damit zu einer zentralen Figur der bildenden Kunst beim Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert geworden. Mit der Ausstellung Maria Lassnig. With a special focus on the artist’s self-portraits im MoMA PS 1, New York, wenige Wochen vor ihrem Tod 2014, ist ihre Bedeutung erst spät ins öffentliche Bewusstsein gedrungen.

Beim Rundgang in Essen fällt es einem mitunter wie Schuppen von den Augen, wenn vor Self-Portrait under Plastic (1972) oder Self-Portrait with Saucepan (1995) stehend ihre Verzweiflung sichtbar wird, ihren Körper nicht endgültig zu fassen zu bekommen. Ihre Fragen nach der äußeren Wahrnehmung des Körpers und seiner inneren Verfasstheit – Wie werde ich meines Körpers bewusst? – suchen kursorisch Antworten, die Jackson Pollocks Drip painting ebenso wie feministisch orientierte Arbeiten von VALIE EXPORT oder Birgit Jürgenssen und Louise Bourgeois, die den weiblichen Körper zum Befragungsgestand nehmen,  sowie Yves Kleins Anthropométries de l’époche bleue um 1960 reflektieren, ohne das sie Lassnig genügen können.

Fast schon legendär, wie sie auf dem Boden liegend – Fotografien davon sind in der Ausstellung zu sehen -, im unmittelbaren Kontakt mit der Leinwand körperbewegt malt. Diese Fotografien dokumentieren die Versuchanlage, das Intrinsische des Bewusstsein extrinsisch auf die Leinwand zu transferieren. So wie sie in You or Me 2005 nackt in der einen Hand die Pistole an ihre Schläfe hält, während die Pistole in der anderen Hand auf den Betrachter zielt, wird man mit jedem Bild suggestiv in ihre Obsessionen gezogen. Machmal bedrängend nah, wie in Self-Portrait with Nerves Lines (1996), glaubt man, ein nervöses Zittern zu spüren.

Dass ihre malerischen Selbstbefragungen nach dem So-Sein im Nachkriegs-Österreich, wo die nationalsozialistische Mitschuld weitestgehend verdrängt wurde, keine Öffentlichkeit fanden, trieb sie fort nach Paris und New York. trieb, Dies erwies sich allerdings als keine Lösung. Sie blieb die Einzelgängerin, die schließlich nach Wien wieder zurück kehrte.

Das Double Self-Portrait with Camera (1974) ist programmatisch und ikonografisch für ihr Werk. Im Spiegel ist Lassnig mit der Kamera zu sehen, wie sie den mehrfach angeschnittenen Kopf mit ihrer Hand am Kinn abstützt. Wie sie sich auch immer, egal mit welchen technischen Arrangements, bemüht, ihres Körpers habhaft zu werden, bleiben quälend unvollendete Versuche.

Als Deckblatt des Katalogs gibt das Doppelportrait die Richtung vor, die sich der Ausstellungsbesucher in Essen zu eigen machen kann. Wer am Ende des Rundgangs wieder bei Body Housing angekommen ist und erst zu ahnen beginnt, wo sich Lassnig vielleicht verloren hat, dem steht es frei, die Ausstellung in Abständen von einigen Tagen noch einmal zu besuchen.

04.04.2017

photo streaming Maria Lassnig

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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