Haydn, Mahler, Fischer – die Orchestererzieher der Düsseldorfer Symphoniker

fischer-2015-blog

@ Peter E. Rytz 2015

Der Intendant der Tonhalle Düsseldorf, Michael Becker leuchtet vor Selbstbewusstsein. Zum montägliche Sternzeichenkonzert der Düsseldorfer Symphoniker unter seinem Principal Conductor Adam Fischer begrüßt er das Publikum euphorisch: Freuen Sie sich auf die großen Orchestererzieher Josef Haydn, Gustav Mahler und Adam Fischer.

Mit der Symphonie Nr. 97 C-Dur von Haydn und Mahlers Symphonie Nr. 5 cis-Moll wird die über mehrere Jahre geplante Haydn-Mahler-Konzertreihe fortgesetzt. Charmant und gut gelaunt, lädt Becker dazu ein, bei Haydn nicht einfach nur wegzuhören, sondern dem formal Progressiven seiner ersten der sogenannten 12 Londoner Sinfonien nach zu lauschen. So wie Haydn sie mit einer volkstümlichen Anmutung, mit einem bewussten Bezug für das gemeine Volk geschrieben hat, so sollte sie, so Becker weiter, auch in der Tonhalle Düsseldorf als einem Haus für das Volk gehört und verstanden werden.

Haydn nur als Vorspeise vor dem Mahler-Hauptgang zu verstehen, würde seiner Bedeutung als Sinfoniker nicht gerecht werden. Dass er die Form der Sinfonie erfunden hat, wie vielfach behauptet wird, mag in dieser verkürzten Form so nicht zutreffen. Aber es steckt darin unbestritten ein wahrer Kern. Haydn hat das zentrale Sonatensatzprinzip im Blick auf den mitdenkenden, hell wachen Zuhörer weiterentwickelt.

Die im Ergebnis daraus resultierende Verbindung von Emotionalität und geistigem Vergnügen bestimmt Adam Fischers Interpretation der Symphonie Nr. 97. Mit den ersten Takten des Adagio – Vivace eröffnen Tutti-Akkorde mit Pauken und Trompeten einen festlich feierlichen Klangraum.

Bei der von Haydn kühn und relativ ungewöhnlich organisierten Klangfarbigkeit mit der Instrumentation sul ponticello und vicino al punitcello, bei denen der Geigenbogen effektvoll nah am Steg geführt wird, zaubern die Düsseldorfer Symphoniker. Der Orchestererzieher Fischer hat hörbar ganze Arbeit geleistet. Transparent akzentuieren Violine und Viola. Sie lassen Haydns sinfonische Idee verblüffend unmittelbar hörbar werden. An solchen Stellen scheint auf, wie Fischer Haydn zwar nicht neu erfindet, ihn jedoch in einen neuen Spannungszustand versetzt.

Haydns 97. ist Adam Fischer wie auf den Leib geschrieben. Tänzelnd und hüpfend, mitunter in der Anmutung eines Schelms oder Kobolds, lächelnd Zustimmung signalisierend, anerkennend den Daumen ins Orchester hochhaltend, pulsiert Haydns Komposition durch seinen Körper und leitet seine musikalische Energie in die aufmerksamen Düsseldorfer Symphoniker.

Der Eindruck, dass sich mit jedem Konzert hier mehr und mehr eine kreative Gemeinschaft zwischen Pult und Orchester bildet, bestätigt sich nach der Pause mit Mahlers  Symphonie Nr. 5 cis-Moll eindrucksvoll. Es mag sein, dass Intendant Becker das Herz übervoll gewesen ist, als er mit temperamentvollem Überschwang Haydn zum Unterpfand für Mahlers neutönend verklärte sinfonische Kompositionen ausmachte. Der unmittelbare Hörvergleich des kammermusikalisch gefärbten Haydn-Sinfonie-Klangs mit Mahlers orchestralen Großaufgebot gibt allerdings eine Ahnung davon, wie Mahler von Haydn profitiert hat.

Diesen Rekurs nachzuvollziehen, fällt angesichts des charismatischen, durch Federico Fellinis Film Tod in Venedig kultisch stilisierten Adagietto gemeinhin schwer. Gleichwohl kann man die Ländlermelodie im Menuetto: Allegretto bei Haydn als thematische Vorläufer verstehen, der sich in Mahlers narrativen Satzbezeichnungen wiederfinden.

Ähnlich wie Haydn lebenslang mit Form und Instrumentation experimentierte, war Mahler selten mit seinen Kompositionen zufrieden. Mit der 5. schwor Mahler zudem allen Verständnishilfen für das Publikum ab, dem er zugleich attestierte, noch nicht reif für sein Werk zu sein.

Bei Adam Fischer widerfährt Mahlers  Symphonie Nr. 5 cis-Moll die  Gerechtigkeit als Sinfonie, die mit dem alten Prinzip der Tonarteneinheit bricht. Seine Interpretation geriert sich zu einer grandiosen Feier differenzierter Klänge. Die einzelnen Instrumente erhalten bei ihm solistische Freiräume, allen voran der Solo-Trompeter Bassam Mussad.

Sein Trompetenton – nach Art der Militärfanafaren, stets etwas flüchtig, wie Mahler vorzeichnet – hat eine klare Distinktion. Das Bild eines sich gemessenen Schritts bewegenden Trauerzugs, eines Kondukts scheint auf.  Fischer kontrastiert die Tempi mit  dissonanzreichem Fortisssimo sowie mit motorisch impulsiven Fugati des tänzerischen Scherzo. Auffällig geschmeidig, dem fordernden Charme des Dirigenten zugewandt erlegen, ziehen die Düsseldorfer Symphoniker ein beachtliches Register ihrer Gestaltungskraft.

Das kantabel überströmende Adagietto dirigiert Fischer in meditativer, entrückter Konzentration. Das zuvor angeklungene Motiv des Rückert-Liedes Ich bin der Welt abhanden gekommen kann man wie eine Zeichnung des für Momente selbst entrückten Fischer sehen. Fischers  Zugriff auf das Adagietto, vielfach als Mahlers Liebeserklärung an seine Frau Alma interpretiert, wird zu einer Liebeserklärung des Orchesters an den Dirigenten. Die abschließende Euphorie Allegro giocoso setzt einen kraftvollen D-Dur-Punkt unter das Konzert. Fischer ist, als der Beifall aufbraust, noch für Momente scheinbar in einer anderer Welt. Tief in seinen Mahlerschen Klangkosmos versunken, taucht er lächelnd daraus hervor, zeugt in überaus bescheidener Zurückhaltung dem Orchester Respekt und nimmt die Huldigungen des Publikums entgegen.

Das Publikum – es feiert den Dirigenten und sein Orchester wie sonst nur virtuose Solisten, wohl weil es ein unvergleichlich grandioses Konzert erleben durfte.

06.04.2017

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s