Women on street – Fotografische Kontraste

© Peter E. Rytz 2017

Man muss nicht unbedingt in den Metropolen der Welt unterwegs sein, um die Schönheit der Straße und ihrer Menschen zu entdecken. Vor einigen Jahre haben Urbane Künste Ruhr entlang der A 40 zwischen Duisburg und Dortmund schwierige bis anarchisch anmutende Stadt- und Lebensräume mit künstlerischen Interventionen neu vermessen: Das Projekt  Die Schönheit der grossen Strasse entdeckt  die Menschen vor Ort.

Mit street photography hat sich, beginnend mit den Parisstudien Paris pittoresque und Le vieux Paris von Eugène Atget zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine dokumentarisch ambitionierte Fotografie positioniert, die mit Walker Evans und nach dem Ende des 2. Weltkrieg mit Robert Frank und Henri Cartier-Bresson die Straße und ihre Menschen künstlerisch reflektiert belichtet.

Mit Garry Winogrand, der zwischen 1962 und 1966 fast täglich mit seiner Kamera durch die Straßen von New York streifte, immer auf der Suche nach der Lebendigkeit der Straße, und Peter Lindbergh, der die Straße als Laufsteg für seine unnachahmliche Modefotografieren nutzte, sind im NRW Forum Düsseldorf mit Women on street noch bis zum 30. April 2017 Arbeiten dieser Heroen der Fotografie zu sehen.

Hinsichtlich ihrer fotografischen Haltung zum Ort Straße unterscheiden sich Winogrand und Lindbergh allerdings wesentlich. Während Winogrand über Jahre täglich als aufmerksamer Voyeur durch die Straßen streift und dabei dem Atmosphärischen, dem Unbewussten, dem Nichtexistierenden, wie er es selbst bezeugte, so nah wie sonst nie kommt, benutzt Lindbergh den öffentlichen Raum als Outdoor-Studio. Allein mit seiner Kamera unterwegs, allein seinem Instinkt vertrauend der Eine, der Andere den Straßenraum organisierend, inszenierend mit technischem Equipment, wenig dem Zufall überlassend.

Winogrand laufen die Menschen, die in den 1950ger und 1960ger Jahren seinen Weg kreuzen, einfach durchs Bild. Fotografiert sind sie im besten der Fälle mehr als nur das pure Abbild. Wenn in ihnen eine eigene Lebenswirklichkeit hinter der Wirklichkeit aufscheint, werden sie für Winogrand erst interessant.

Jede der Fotografien von Winogrand in der Ausstellung liest sich wie eine abgelauschte, intime Geschichte, die Frauen dem Betrachter eher leise ins Ohr flüstern als sie spektakulär laut zu erzählen. Mit ihren häufig verschränkten, gekippten und gespiegelten Perspektiven umgeben sie die fotografierten Frauen mit einem unsichtbaren Schutzgitter. Die Bildern sind Ausdruck von Winogrands uneingeschränkter Verehrung für die  Schönheit der Frauen jenseits aller kosmetischen oder modischen Trends einer Marketing gesteuerten Schönheitsindustrie.

© Peter E. Rytz 2017

Winogrands Überzeugung – Es geht nicht darum, schöne Bilder zu machen, sondern die gesehene Welt in ein eindeutiges Bild zu verwandeln – kann man in jeder  seiner Arbeiten nachbuchstabieren.

Seine atmosphärisch dichten, empathisch authentischen Fotografien eines Flaneurs der Straße stehen den elaborierten Modefotografien von Peter Lindbergh gegenüber. On street  by Peter Lindbergh meets Woman are beautiful by Garry Winogrand titelt der Katalog.

Der Kontrast zwischen den Arbeiten beider Fotografen wird in der Ausstellung immer augenfälliger, je länger man sich auf sie einlässt. Wo Winogrands Fotografien einen unbegrenzten Bildkosmos öffnen, verlieren sich Lindberghs Arbeiten mit dem überwiegend selben, in Distanz zum pulsierenden Straßenalltag schreitendem Modell allzu schnell in Spannungslosigkeit. Sein im Katalog abgedrucktes Selbstzitat – Ich möchte wirkliche Personen fotografieren, nicht das Model – bleibt in der Düsseldorfer Ausstellung weitestgehend uneingelöst.

© Peter E. Rytz 2017

Es spricht auch nicht unbedingt für eine sorgfältig in allen Teilen kuratierte Ausstellung, wenn im Einleitungstext des Katalogs Das Wesen der Straßenfotografie des Kurators Ralph Goertz offensichtlich wird, dass zumindestens nachlässig lektoriert worden ist. Dass Eugène Atget in Eugène Adget umbenannt wurde, entbehrt angesichts der Falschschreibung nicht einer gewissen Ironie. Mit Adget Sans wird ein Schriftbild mit klaren Linien und großen Kurven bezeichnet.

Übersetzt in den kritischen Kontext zur Ausstellung in Düsseldorf: Wo Winogrand mit klaren Erzählstrukturen überzeugt, hält Lindbergh mit kurvenreichen Gebärden Hof.

18.04.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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