Dortmunder Einstein-Protokoll

© Thomas Jauk

17:30

Aus dem Untergrund der U-Bahnstation Im Stadtgarten nach oben in den kühlen Aprilnachmittag steigend, ist lautes Palaver von Menschen zu hören, die sich hier alltäglich zum Alkohol- und Drogenkonsum treffen. Wenige Schritte weiter ist der unwirtliche Platz der Oper Dortmund erreicht. An diesem Tag verheißt er, mehr als sonst, einen Spaziergang am Meer: Einstein on the Beach.

17:45

Im Foyer verhalten waberndes Rauen. Premieren-Spannung liegt in der Luft. Kay Voges hat sich, zusammen mit den Dramaturgen Georg Holzer, Alexander Kerlin und Matthias Seier sowie Florian Helgath und seinem ChorWerk Ruhr herausgefordert gefühlt, erstmals Philip Glass‘ opus magnum Einstein on the Beach, unabhängig von Robert Wilsons Mitgestaltung, zu inszenieren. Das Gemeinschaftswerk von Glass und Wilson, 1978 an der Met uraufgeführt, wird von der Kritik seitdem als Urknall dieser Oper ausgemacht.

17:50

Das Foyer-Gemurmel übertönen dumpf klingende Orgeltöne im A-G-C-Stakkato und signalisieren den Beginn. Glass hat in der Partitur vermerkt: Der Prolog beginnt, wenn das Haus seine Pforten öffnet. Auf der Bühne deklinieren die Schauspielerinnen Bettina Lieder und Eva Verena Müller, angetan mit weiß konfektionierten, in den Ärmeln selbstgefangen verknoteten, kniefreien Kostümen das lateinische Zahlensystem zu den seriellen Klangflächen. 33….it could be 39; 54 friends… could it ….75 is it, it ist he railroad.

Im Display über der Bühne ist die dramaturgische Absicht des Abends zu lesen: Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben. Der Fluss der Musik kann nicht unterbrochen werden. Im Klartext: Mehr als drei Stunden Klang und Aktion, wobei das Programmheft beruhigend informiert, dass es jedem frei gestellt sei, seinen Platz für eine selbstbestimmte Pause zu verlassen.

18:00

Das Orgel-Intro durchmischt das ChorWerk Ruhr, von Mona Ulrich in Assoziation zu den roboterhaften Kraftwerk-Figurinen gesetzt, mit retardierender Gleichförmigkeit. Sie unterlegen den fragmentierten Sprechdialog der Schauspielerinnen – Who is Einstein? – I don’t know – Let me think! – mit oszillierenden Klangfarben. Einsteins Raum-Zeit-Geschwindigkeit-Kosmos, der sich nur für wenige Spezialisten erklärt, offenbart sich auch nicht in der Begegnung mit Einstein on the Beach. Glass antizipiert den anderen Einstein, den Künstler, den Musiker. Ist etwas von der buddhistisch beeinflussten, meditativen Kraft des Klangraums im Dortmunder Opernhaus zu spüren?

18:45

Variable Klangverschiebungen des Chores dominieren ein Ton-Gleichmaß. Mit Breaks, sogenannte Knee Plays, begleitet von Stefan Schmidts ausgeklügelten, blau, rot, gelb kontrastierenden Lichteffekten, halten die Sopranistin Hasti Molavian und die Altistin Mateescu als Kapitäne Kurs vor Einsteins Beach. Fortan steht Önder Baloglu als die Violine streichender Physiker in der Gefahr, sich in eine Sehnenscheidenentzückung hinein zu spielen. Von wenigen Pausen abgesehen auf der Bühne dauerpräsent, weiß man nicht, was mehr zu bewundern ist, sein präzise getaktes Spiel oder seine physische Fitness. The violin answers oft he telephone kommentieren Chor und Sängerinnen in stoischer Unverbindlichkeit gegen die Einwürfe des angsteinflößenden Menschenaffen-Monstrums von Andreas Beck. Den Bühnenraum abschreitend, doziert er lapidar: Man weiß es nicht…Die Dinge sind so…Unvollendet….der Kopf.. Trotz Tennis in Oldenburg

19:15

Text-Fragmente aus Samuel Becketts Stück Warten auf Godot vermischt mit Auszügen aus Leo Navratils Traktat Schizophrenie und Kunst legen Spuren mit der Einblendung Bern 1905 Spuren zu Einstein – und verwischen sie zugleich. Blau und Gelb rief die Farbe Viola, Violetta, Violetta halluziniert der Affenmensch: Immer wieder neu, morgen, heute, hier.

19:30

Der bisher durchgehende minimal-music-Sound schöpft erstmals mit einer ariosen Anmutung für Momente eine Hör-Beruhigung. Atem verströmend,  lässt der Chor den Klang fließen – nur ein kleines Aufatmen für den Besucher.

Eine mobile Kamera projiziert die Köpfe des Chores in ihrer endlos Reprise air-condtioned supermarket, where can buys this bath-cap auf den Bühnenhintergrund. Die drehenden Köpfe , die man wie ein Zitat der Video-Arbeit Anthro/Socio – Rinde spinning von Bruce Nauman lesen kann, assoziieren den künstlerisch kommentierten Zeitgeist zur Zeit der Entstehung von Einstein on the Beach. Die im Display angekündigte 199malige air-condtioned supermarket-Wiederholung ist für Teile des Publikums das Signal zur selbstbestimmten Pause.

20:00

Zum Sirenen-Gesang der Solistinnen bewegen sich die Schauspielerinnen, umweht von der Windmaschine, in grotesk skulpturaler Stilisierung. Nachfolgend durch-/unterwandert Beck den Do-re-mi-fa-sol perpetuierenden Chor, dabei weitere Teile von Navtratils Schizophrie paraphrasierend – Grün ist schön, rot ist Freude, gelb ist das Geld -, läuft im Display in verzögertem Sekundentakt die Zeit von 2017 bis 2517 ab.

20:30

Angeführt vom Tenor-Saxophonisten Kristof Dömötör umkreist der Chor im kosmisch illustrierten Video-Nebel das Publikum im Parkett, zwängt sich durch einzelne Sitzreihen und erzeugt einen lyrisch bewegten Raumklang. Hasti Molavian singt sich derweil in einem roten Kleid, Nofretete assoziierend, an Glass‘ Urknall-Klang vorbei ins Spaceship-Freie.

21:15

Mit Ankunft kündigt sich das Ende an. Der Tag neigt sich, apostrophiert Beck, selbstbefreit mit der Affenmensch-Maske unter dem Arm bei  langsam verlöschendem Chorgesang. Er erzählt eine uralte, neue Geschichte von der Liebe. Meine Liebe ist so unermesslich wie die Anzahl der Steine am Ufer. – Kannst Du sie zählen? – Nein. – So unbeschreiblich ist auch meine Liebe zu Dir.

Baloglu lässt mit immer leiserem, verhauchendem Geigenspiel Einstein on the Beach im untergehenden Licht allein. Vielleicht wandert er immer noch…..

21:20

Mit dem Verlöschen des Bühnenlichts braust ein Applaus-Orkan durch den Saal. Ob erwacht aus der von Glass implizit erwünschten Klang-Meditation oder einfach als Zeugnis des Danks für eine grandiose Inszenierung, ist nicht zu entscheiden.

21:30

Zurück an der U-Bahnstation: Auch hier hat das Palaver der große Stille Platz gemacht.

28.04.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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