Poppea reloaded

Claudio Monteverdi/Elena Kats-Chernin
Die Krönung der Poppea
Opera musicale in einem Prolog und drei Akten
[1642 oder 1643/2012]
Musikalische Leitung: André de Ridder, Matthew Toogood
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild, Kostüme: Katrin Lea Tag
Kostüme: Katharina Tasch
Dramaturgie: UIrich Lenz
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Alexander Koppelmann
Auf dem Bild
Dominik Köninger (Nero) und Alma Sadé (Poppea)
Foto: Iko Freese | drama-berlin.de

Zurück auf Start. Im Brettspiel bedeutet dies: Verlust. Bisheriger Gewinn ist verloren. Bei Barrie Kosky ist es genau umgekehrt. Mit seinem Amtsantritt als Intendant der Komischen Oper Berlin  setzte er sich als Regisseur mit seinem Monteverdi-Zyklus nachhaltig in Szene.

Jetzt, fünf Jahre später, hat er sich Monteverdis letzte Oper Die Krönung der Poppea noch einmal vorgenommen und sie gründlich überarbeitet. Das, was er, wie er im Rückblick glaubt, damals nicht zu Ende gebracht hat, verzaubert auf verstörend lustvolle Weise mit der revidierten Wiederaufnahme.

Monteverdis hinterlassene fragmentarische Partitur ist nur als Abschrift vorhanden, mehr spartanisch notierte Materialgrundlage als endgültige Kompositionsvorlage. Tempo-angaben fehlen generell. Bis auf den Orchesterpart mit Ouvertüre, Krönungsmusik und kurzen Ritornellen ist Monteverdis überlieferte Vorlage schlicht. Sie überlässt jeder Aufführung viel Freiheit. Jede Inszenierung ist deshalb auch eine musikalische Heraus-forderung, die nichts weniger zu leisten hat, als die Poppea zu beatmen.

Für Kosky sind das inspirierende Voraussetzungen, von denen er sich mit seinen Inszenierungen offenbar besonders herausgefordert fühlt. Mit der Komponistin Elena Kats-Chernin – geboren in Usbekistan, aufgewachsen in Moskau, ausgebildet in Berlin, seit Jahren in Australien lebend – hat er eine Partnerin in seinem und in Monteverdis Geiste gefunden. Der moderne Komponist schreibt seine Werke, indem er sie auf die Wahrheit aufbaut, zitiert das Programmheft Monteverdi.

Kats-Chernins einfallsreiche, mitunter gewöhnungsbedürftige Neu-Orchestrierung der Poppea mit einer barocken Theorbe neben Saxophon, Banjos, Gitarren und Synthesizer schafft einen ungewöhnlichen Klang mit Respekt vor Monteverdis Komposition.  Er behauptet  sich nicht modernistisch, sondern strahlt klangmalerisch adäquat im Hier und Heute.

Damit lässt es Kosky aber noch nicht genug sein. Susanne Felicitas Wolf hat das Libretto von Giovanni Francesco Busenello mit viel Gefühl für eine singbare Sprache ins Deutsche übersetzt. Das klingt anfangs, insbesondere bei den deutschen Umlauten im Unterschied zur fließenden Melodik des Italienischen, etwas holprig in der Artikulation. Im Verlauf der spielerisch und musikalisch fulminant überzeugenden Aufführung tritt dieser Effekt jedoch immer mehr in den Hintergrund.

Die Krönung der Poppea, basierend auf ausgewählten Teilen der römischen Geschichte zu Zeit des Kaisers Nero und der vom Stoizismus geprägten Gedanken des Philosophen Seneca, ist Monteverdis zynische, ungeschönte Abrechnung mit den triumphierenden römischen Intrigen zwischen Machtgier und Leidenschaft.

Kosky übersetzt Monteverdis Vorstellung von einem singenden Sprechen, dem parlar cantando, in seine Inszenierung. Die daraus resultierende Konsequenz, die musikalische Form aus und auf den Text zu beziehen, findet in Matthew Toogood einen weiteren Partner, der Koskys Imagination souverän artikuliert. Das Orchester der Komischen Oper Berlin mischt frühbarocke Klangstrukturen mit Anflügen von Flamenco, Jazz, Tango oder Ragtime zu einem Monteverdi Kosky’scher Prägung. Ein Tanz auf dem Vulkan: Laut, grell, bunt, erotisch.

Katrin Lea Tags karge Bühne wird dominiert von einer Schräge neben einem Wasserbecken, beleuchtet von bläulich changierendem Licht. Die Schräge fungiert für die Bühneauftritte der Solisten und der Statisterie als eine Rutsche. Wie sie das, mit Neros unumschränkter, über Leben, Verbannung oder auch Tod der ihm hörig unterstellten Menschen entscheidender Macht symbolisch assoziiert, so werden die Abgänge zu einer mehr oder weniger mühseligen, schicksalhaften Anstrengung aufwärts.

Über allem lastet eine laszive Schwüle, die mit der halbnackten bis nackten Statisterie liebestoller Engel mehr als eine Kosky typische Inszenierungsfloskel zeigt. Der im Prolog siegreich mit der Tugend und dem Schicksal streitende Amor verspricht, allein die Liebe bestimme über den Lauf der Dinge. In der römischen Poppea ist sie reduziert auf Lust und Erotik. Allein Nero gilt ihre wilde Leidenschaft.

Dominik Köninger gibt, trotz noch nicht vollständig überstandener, krankheitsbedingter Rekonvaleszenz, für die Kosky vor Vorstellungsbeginn das Publikum optimistisch um Verständnis wirbt, dem Nero eine baritonal farbenreich schattierte Stimme sowohl leidenschaftlicher Wollust als auch mörderisch kalter Befehltsattitüde.

Jens Larsens Seneca ist das erste Intrigenopfer. Von Poppea beschuldigt, von Nero aller Bürgerrechte entkleidet, dem Tod übereignet, singt sich Larsen ebenso entkleidet, nackt in seine mystifizierte Selbsttötung als glückliches Schicksal mit stoischer Selbstver-ständlichkeit. Gurgelnd, noch mit den letzten Worten selbstgewiß, versinkt sein Bass im Wasser.

Opfer, auch Octavia, Neros Ehefrau, schicksalergeben geht sie in die Verbannung. Der Mezzosopran von Karolina Gumos vibriert, dunkel getönt. Mit stolz beherrschter Pose nimmt sie ihr von Nero bestimmtes Schicksal an. Sie malt ein Portrait der Octavia, wie es sich Monteverdi und Kosky nicht vollkommener gewünscht haben können. Erotisch machtbewußt lanciert Poppea ihren Aufstieg als Nachfolgerin von Octavia.

Alma Sadés Sopran, mit reichlich Süßstoff besetzt, schillert schmachtend ihrem Ziel entgegen. Dem ihr von AmorPeter Renz spielt und singt ihn pointiert transgender orientiert – gesicherten Ziel huldigt sie gemeinsam mit Nero ihrem skrupellos gewonnenen Liebesglück in einem der schönsten Duette – pur ti miro – der Opern-literatur.

Thomas Michael Allen als Arnalta, die üppige Amme Poppeas, und Tom Erik Lie als Octavias hochhackig durch die Geschichte stolpernde Amme figurieren in Koskys Tableau als intrigante Mahner und Intrigengewinnler zugleich. Ebenso sind Maria Fiselier – in der Hosenrolle des römischen Feldherrn Otho mit opportunistischer Eloquenz – und Julia Giebel als Drusilla, die instrumentalisierte Unschuld vom Lande, mehr als nur Rand-figuren. Sie vermischen die Sphären von Oben und Unten getreu Amors Feststellung: Die Menschen glauben, dass sie denken. Aber sie merken nicht, dass die Götter lenken.

Für Koskys neue Poppea – von ihm ironisch als  Directors Cut bezeichnet  – mit ihrer permanent wechselnden Klangfarbigkeit und ihrem sinnlich betörenden Spiel gibt es am Ende großen Applaus.

06.05.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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