Osiris – versunken, gehoben, bewundert in Zürich

© Peter E. Rytz 2017

Wer in diesen frühsommerlichen Tagen im Zürcher Rietbergpark Distanz zum Alltag sucht, wird doppelt belohnt. Der Park selbst ist zu jeder Jahreszeit eine Oase der Erholung und Entspannung. Zugleich bieten die Ausstellungen im Museum Rietberg immer auch eine geistige Herausforderung und Anregung. Die laufende Ausstellung Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens (noch bis 16. Juli 2017) übertrifft aufs Schönste Rietberger Selbstverständlichkeiten.

Auf dem Vorplatz, der die Sammlung der Wesendonck-Villa mit dem 2007 von den Architekten Alfred Grazioli und Adolf Krischanitz errichteten Neubau verbindet, ragen monumentale Steinskulpturen in den Himmel. Sie kontrastieren die gläserne, von Mathilde Wesendoncks Gedicht Im Treibhaus inspirierte Museumsarchitektur in bildmächtiger Metaphorik. Hochgewölbte Blätterkronen, Baldachine von Smaragd, wie die erste Gedichtzeile lautet, wölben sich wie ein harmonisches Schutzschild über die versunkenen Schätze der Ausstellung.

Kolossalstatue des Gottes Hapi, Thonis-Herakleion, Bucht von Abukir, Ägypten
Christoph Gerigk © Franck Goddio / Hilti Foundation

Die Exposition zeigt eine Auswahl jüngster Unterwassergrabungen des Institut Européen d’Archéologie Sous-Marine, die zu großen Teilen aus den staatlichen Museen in Kairo und Alexandria stammen. Viele von ihnen werden außerhalb Ägyptens nach Paris und London in Zürich zum ersten Mal öffentlich ausgestellt.

Die Mysterien des Osiris haben seit mehr als 4.000 Jahren ihre kulturellen Spuren im Oberlauf des Nils hinterlassen. Über die Jahrtausende sind wichtige Kultgegenstände und Skulpturen im Mittelmeer versunken und erst in jüngster Zeit wieder ans Tageslicht gehoben und geborgen worden. Der Osiris-Kult gründet sich auf einem Erweckungsmythos. Von seinem Bruder ermordet und zerstückelt, wurde Osiris von seiner Gemahlin Isis wieder zusammengesetzt und mythisch verlebendigt.

Die Kultstatue des Osiris-Omnophris auf dem Löwenbrett erzählt, wie sich Isis auf den zusammengefügten, toten Leib Osiris‘ als lebensspendender Milan auf sein steifes Glied setzt, ihren Sohn Horus zeugt und damit die Osiris-Gründungslegende in ein genealogisches Kontinuum übersetzt. Darauf gründet die religiöse Genealogie seit ältester Pharaonenzeit in Ägypten, welche im griechischen Dionysos-Kult ebenso eine vergleichbare  Entsprechung hat, wie der christliche Auferstehungsmythos auf dem Hintergrund des Brudermords Kains an Abel im europäischen Abendland.

Die Erweckung des Osiris, Ägyptisches Museum, Kairo
Christoph Gerigk © Franck Goddio / Hilti Foundation

Bemerkenswert, wie in der Ausstellung Schülergruppen zu beobachten sind, die vor den mitunter drastisch eindeutigen Darstellungen von Zeugung, Geburt und Tod tief beeindruckt sind. Dass in Zeiten schwindender Privatheit in den sozialen Medien, die kaum noch Schamgrenzen kennen, junge Menschen den Erzählungen des Osiris-Mythos mit wachem Interesse folgen, ist sicher nicht der kleinste Verdienst dieser Wissensdurst und Neugier nachhaltig fördernden  Ausstellung.

Bei dem durch drei Etappen gegliederten Rundgang – Erklärung des Osiris-Mythos; Ausgrabungstätten und ihre Osiris-Prozessionen; Osiris-Mythos und seine Veränderungen in der griechisch-römischen Zeit – öffnen sich mit den einzelnen Ausstellungsstücken immer wieder neue  Erfahrungsräume. Stehend vor Erwachender, flach auf dem Bau liegender Osiris entdeckt man ein lächelndes Staunen im Gesicht des Osiris. Im Katalog ist dazu erklärend zu lesen: Es ist das göttliche Wesen, das darüber staunt, dass es (wieder) zum Leben erwacht ist und das seine Wiederbelebung vervollständigt, indem es in die Nekropole eintritt, um neu geboren zu werden.

Das Beispiel ist exemplarisch für einen Dialog zwischen den entdeckenden Beobachtungen in der Ausstellung und einem vorzüglich gestalteten Katalog, der weit mehr ist als eine Dokumentation. Er ist mit seinen teilweise aufklappbaren Seiten, auf denen Skulpturen und Kultgegenstände mit hoher fotografischer Qualität ebenso abgebildet sind, wie die virtuelle Rekonstruktion der Stadt Thonis-Herakleion (von Yann Bernard), ein kenntnisreich formuliertes Kompendium, dass den interessierten Laien mit einer verständlichen Sprache fordert, aber nicht überfordert.

Das mutet nur auf den ersten Blick anstregend an. Auf Dauer lädt die Ausstellung zu einer von Franck Goddio und David Fabre klug arrangierten und visuell anregenden bis lustvollen Entdeckungsreise zu rund 300 Statuen und Kultgegenständen, Sarkophage, und Goldobjekten überwiegend aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. ein.

Beim Rückweg durch den Park schwingt Herodots Schweigen über den von ihm 450 v. Chr. nachweislich beschriebenen Osiris-Kult nach: Ich könnte genauer über diese Dinge sprechen, denn ich kenne die Wahrheit, aber ich werde weiterhin schweigen. Schweigend meditierend erreicht man die Haltestelle. Die Tram naht mit verlässlicher Pünktlichkeit. Ankunft im schweizerischen Alltag.

16.05.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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