Pieter Hugos Spiel mit der Wahrnehmung

Pieter Hugo DAVID AKORE, AGBOGBLOSHIE MARKET, ACCRA, GHANA, AUS DER SERIE „PERMANENT ERROR”, 2009-2010 2010 c-print © Pieter Hugo, | Priska Pasquer, Köln

Es gibt Begegnungen, die beim ersten Mal überraschen, manchmal sogar irritieren. Beim zweiten Mal können sie schon etwas Vertrautes haben. Der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo ist dafür ein schönes Beispiel.

Sein fotografischer Essay Permanent Error als Teil der Ausstellung Mit anderen Augen in der Photographischen Sammlung/ SK Stiftung Kultur in Köln im Frühjahr 2016 zeigt Jugendliche, die am Rande des Agbogbloshie Market in Ghana, 2009 – 2010 auf einer brennende Müllkippe nach Verwertbarem suchen (As Time Goes By mit anderen Augen – 5 Städte, 4 Fotoausstellungen vom 07.04.2016, hier veröffentlicht). Schockierend, deprimierend, leere, traurige Gesichter schauen den Betrachter an.

Jetzt, ein Jahr später, ist Permanent Error Teil einer ersten Solo-Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg.  Der Untertitel Between the devil and the deep blue sea spielt mit den widerstrebende Assoziationen zwischen Exotik und Wirklichkeit. Einerseits gewährt Hugo einen intimen Blick in sozio-kulturelle Welten, die dem Außenstehenden in der Regel verborgen sind. Seine fotografisch thematischen Projekte wie Wild Honey Collectors (Ghana 2005) oder The Hyena & Other Men (Nigeria 2005 – 2007) öffnen dem europäisch tradierten Selbstverständnis geheimnisvoll bunte, gleichwohl tragisch schmerzvolle Welten: The deep blue Sea.

Andererseits zeigt er, wie der Teufel in uns seine Kreise zieht: Living between and together with the devil. Vor der Serie There‘ a Place in Hell for Me and My Friends (South Africa 2011 – 2012) stehend, schaut man in verdunkelte, surreal anmutende Gesichter, die wie vom Teufel aus der Hölle gesandte, deformierte Menschen den Betrachter anschauen.  Hugo ist nicht des Teufels. Er hat digitale Farbfotografien, die seine Freunden zeigen, in einen Schwarz-Weiß-Modus transformiert. Die Gesichter muten durch grau skalierte Pigmentierung wie Totenmasken auf einem lebendigen Körper an.

Für sein Spiel mit Hölle und Teufel lässt sich Hugo neben thematisch geplanter Sorgfalt auch ungeplant situativ inspirieren. Seine Aufnahmen von schlafenden Passagieren während eines Langstreckenflugs  – The Journey (2014) – sind real und surreal zugleich.

Das Wechselspiel mit der Wahrnehmung des Betrachters im Werk von  Pieter Hugo ist nicht nur technische Manipulation. Portraits von weißen Burenfamilien und schwarzafrikanischen Familien, die in Messina bzw. Musina an der Grenze von Südafrika und Zimbabwe 2006 entstanden, zeigen eine fotografische und zugleich sozio-kulturelle Exploration. Der Ortsbezeichnung Messina, 1904 von weißen Siedlern als Bergarbeitersiedlung gegründet, liegt ein kolonialer Rechtschreibfehler zugrunde. Der eigentliche Name des dort anässigen Musina-Volkes wurde über Jahrzehnte ausradiert. Erst seit 2002 heißt der Ort wieder Musina.

Schaut man unter dieser Apartheid-change-perspective die Familienportraits an, fällt auf, dass die weißen Familien nachlässig in abgegriffener Freizeitbekleidung, die Männer teilweise nur im Short oder in Unterhosen abgelichtet sind, während die schwarze Familie sich im Sonntagsstaat in ihrer bescheidenen Schönheit zeigt.

Noch drastischer im umgekehrten Sinne sind die nebeneinander gehängten Luftbilder vom Township Arial view of Diepsloot, Johannesburg und Arial view of Dainfern gateted community (beide von 2013) aus der Langzeitstudie Kin (2006 – 2013), die nach dem Ort Heimat fragt. South Africa is such a fractured, schizphrenic, wounded and problematic place. It is very violent society, gibt Hugo im fotografisch hochwertig gedruckten, mit kurzen Reflexionen von Hugo zu seinen Fotoserien ergänzten Katalog zu Protokoll.

Manchmal streift er allerdings mit seinen kontrastierenden  Gegenüberstellungen wie in der Bildserie 1994 (Rwanda & South Africa, 2014 – 2016) mit manieriert anmutenden, arrangierten Aufnahmen von weißen und schwarzen Kindern den kulturellen Kitsch, der sich in floral dekorierten Bildeinheiten von Natur und Mensch gefällt.

Einmal auf Pieter Hugo aufmerksam geworden, scheint er plötzlich vermehrt sichtbar zu werden, wie letztlich während des Gallery Weekends am letzten Aprilwochenende in Berlin. Vielleicht auch ein Ergebnis von Hugos auf sensibilisierte Wahrnehmung orientierter Fotografie?

17.05.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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