1917 und die Folgen

Alexander Deineka, Das Rennen, 1930 © 2016 Archivio Fotografico – Fondazione Musei Civici di Venezia / 2017, ProLitteris, Zurich

Das Jahr 1917 und die russische Revolution gehören zusammen. Aber nicht durch sie allein erfuhr die Geschichte der Menschheit eine nachhaltige Zäsur.  Die künstlerische Avantgarde reagierte mit expressionistischer und symbolistischer Formenvielfalt auf die rasanten Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens durch technische Neuerungen.

Sergej Diaghilew übersetzte mit seinem Ballets russes das Manuskript Parade von Jean Cocteau 1917 in ein zirzensisches Ballett-Spektakel, dass aus heutiger Sicht wie die Vorwegnahme der Eventkultur erscheint.

Alfred Stieglitz veröffentlichte im gleichen Jahr in seinem Fotomagazin Camera Work die fotografisch für die Moderne wegweisenden Arbeiten von Paul Strand in einer legendären Doppelnummer.

Kurze Zeit nachdem sich die ersten Autos die Straßen erobert hatten, wurde ebenfalls 1917 der elektrische Scheibenwischer erfunden.

Sigmund Freuds 1917 veröffentlichte Schrift Trauer und Melancholie sucht mit der Psychoanalyse nach Lösungsansätzen, wie die Menschen mit diesen radikalen Veränderungen im alltäglichen Leben zurecht kommen können.

Dass durch die russische Revolution das Leben insbesondere in ganz Europa radikal verändert wurde, bisherige Verlässigkeiten verloren gingen, betraf das russische Volk selbst am meisten. Das Landesmuseum Zürich lässt mit der Ausstellung 1917 Revolution. Russland und die Schweiz (noch bis 25. Juni 2017) diese doppelte Perspektive, kuratorisch klug und nachvollziehbar konzipiert, sichtbar und erfahrbar werden.

Ausgehend von dem für viele sicher überraschenden Tatbestand, dass den ca. 8.500 Russen in der Schweiz mehr als 20.000 Schweizer bis 1917 nach Russland ausgewandert sind, verbindet die Ausstellung in einem ersten essayistischen Ausstellungsteil Russland und die Folgen mit einem zweiten Russland und die Schweiz global europäischen mit regional schweizerischen Dimensionen der gesellschaftlichen Veränderungen.

Die Ausstellung funktioniert wie eine pädagogisch unaufgeregte, aber nachhaltig wirksamen Geschichts- und Politik-Nachhilfestunde, ohne in die Falle einer ideologisch überformten Schwarz-Weiss-Kontrastierung zu gehen. Das auf den ersten Blick irritierende Nebeneinander von Karl Marx‘ Schrift Das Kapital, von Ljubow Popowas Öl auf Leinwand Kubistische Landschaft, um 1914, eine verworfene Seite von Igor Strawinskys Komposition Le sacre du printemps(1911/12) sowie verschiedene Fabergé-Eier neben Fotografien der letzten Zarenfamilie erweist sich als konstruktive Deduktion.

Entlang solcher Informationsmosaike entwickelt der Gang durch die Ausstellung eine Faszination, die das allein Faktische in den Hintergrund drängt. Wenn an einer Hörstation ein etwa 10jähriges, aufmerksam versunkenen lauschendes Mädchen zu beobachten ist und sich ihre russlandstämmige, seit einigen Jahren in Bern lebende Mutter neben den Beobachter setzt und erklärt, dass ihre Tochter Laura in Deutschland geboren ist, aber jetzt zum ersten Mal etwas von russischer Geschichte hört, dann wird deutlich, was diese Ausstellung alles leisten kann.

Der zweite Ausstellungsteil öffnet mit einem Raum, der mit seinen interaktiven visuellen, narrativen Informationsmöglichkeiten an 26 Tischen unterkühlt distanzierte Bibliotheksatmosphäre vermittelt. An der Decke linear installierte LED-Beleuchtung führen den Blick zentralperspektivisch auf ein riesiges Lenin-Denkmal, wie viele nach 1917 in Russland, respektive im neuen, gleiche Lebensverhältnisse in einer sozialistisch aufzubauenden Gesellschaft für alle verheißenden Sowjetunion aufgestellt wurden.

Die Notiz zu diesem Denkmal erzählt die Geschichte des 20. Jahrhunderts von Revolution, Diktatur und Neubeginn. Das Lenin-Denkmal sollte nach dem Willen der nationalsozialistischen Eroberer 1943 in Eisleben als Rohstoff für die Waffenproduktion eingeschmolzen werden. Da es aber zu groß für den Ofen war, blieb es erhalten und galt den Einwohner von Eisleben, im Juli 1945 in ihrer Stadt aufgestellt, als freundliches Empfangssignal an die Rote Armee. Heute ist es (vorläufig?) entsorgt im Deutschen Historischen Museum in Berlin und bildet in der Zürcher Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit dem Berliner Museum entstanden ist, einen nachdenklich machenden Fixpunkt.

Die Ausstellung 1917 Revolution. Russland und die Schweiz zeigt mit den Arbeiten von Alexander Deineka, wie Das Rennen (1930), wo Marc Chagalls Gouache auf Papier Die Strassenkehrer und der Wasserträger (1910/11) oder Kasimir Malewitschs suprematistische Weltwahrnehmung ihre Spuren hinterlassen haben. Dass zeitparallel in Bern in Kooperation von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee die Ausstellung Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution im Untertitel mit Von Malewitsch bis Judd, von Deineka bis Bartana firmiert, erweitert den Ausstellungsbesuch in Zürich um eine weitere Facette von Leben und Kunst, die mit 1917 symbolisch verbunden ist (Leben tote Revolutionen länger?, vom 22.06.2017, hier veröffentlicht).

16.06.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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