Theaterküsse von Herrn Puntila und der Wildente

Zwei Theateraufführungen – Herr Puntila und sein Knecht Matti sowie Die Wildente – innerhalb von 24 Stunden im Schauspielhaus Zürich, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie sind ein instruktives Beispiel dafür – Regietheater hin oder her – , mit welchem unterschiedlichen Selbstverständnis mit Blick auf Autor und Zeitgeist inszeniert wird.

Bei Puntila drängt sich die Frage auf, ob das noch Bertolt Brecht oder vor allem Lothar Baumgarten ist. Während bei Baumgarten der Brecht-Text nur noch rudimentär als Grundgerüst übrig bleibt, inszeniert Alize Zandwijk Die Wildente mit genuinem Respekt vor Henrik Ibsens Text. Das bedeutet keineswegs, dass sie die lebendige Wildente als flugunfähig hospitalisiertes Objekt nicht im Hier und Jetzt verortet.

Baumgarten nimmt die Textvorlage von Brecht mehr oder weniger als Steinbruch für einen eigenen, mit bunt kaschierten, kurzatmigen Winken mit dem Zaunpfahl durchsetzten Text. Im zweiten Teil markiert und kommentiert Evas Examen (Carolin Conrad, als Grande dame im Hausfrauenkittel spielintelligent), in dem sie nachweisen soll, dass sie Hausfrau kann, Puntilas Abstieg. In Baumgartens Puntila-Welt trivialisiert sich das Examen zu einem lehrformelhaften, müden DDR-Bashing. Eine per Screen bebilderte Plattenbau-Wohnung in Neubrandenburg mit Schrankwand und Sprelacart-Belag werden bedeutungshuberisch in einem Kessel Buntes – so hieß eine Unterhaltungsklamotte des DDR-Fernsehprogramms – verrührt. Gewissermaßen als aktuelle Beglaubigungsmetapher muss dann auch noch Angela Merkels politisch pompöse Behauptung Wir schaffen das! nicht fehlen.

© Peter E. Rytz 2017

Während Baumgartens Inszenierung sich der Tradition der Comedia dell’arte verpflichtet glaubt, verliert sie sich aber in Wirklichkeit in einer Event-Kultur affine Farce. Führt Baumgartens süffisante Text-Beliebigkeit Brechts Ernsthaftigkeit mit einem selbstverliebten Inszenierungston ad absurdum?

© Peter E. Rytz 2017

Solche Fragen stellen sich bei Alize Zandwijk an keiner Stelle. Sie verbieten sich geradezu in ihrer Wildente-Inszenierung. Die Aufführung atmet lyrisch emotional, ohne das sarkastisch Ironische, das allen Protagonisten letztlich den Atem nehmende Dramatische und Tragische auszublenden. Nichts wird weg romantisiert, sondern raunt unüberhörbar immer mit.

Im Journal des Schauspielhauses Zürich unterstreicht Zandwijk ihre Haltung zum Theater: Mit dem Aktualitätsjournalismus alleine machen wir kein Theater.

Zandwijk verlässt sich auf die imaginative Kraft von Ibsens Wildenten-Metapher und schafft durch Generalpausen ähnliche Tempowechsel von differenziert akzentuierter Sprache mit körperbetontem, gestischem Spiel ohne Worte assoziationsreiche Bilder.

Angeschossen, ist die Wildente auf den Grund des Meeres versunken. Von dort wird sie von einem Hund, der sich in sie verbissen hat, in ein Gefängnis gerettet. Kann es der Wildente, eingesperrt in einer Kiste, wirklich gut gehen, obwohl ihr die Freiheit des Himmels für immer verschlossen bleibt? Natürlich nicht! Aber es ist unumkehrbar geschehen. Ihr sind die Flügel gebrochen.

Ekdal (Siggi Schwientek, wie immer verlässlich Schwientek), der die Wildente gefangen hält, ist selbst ein Gefangener. Von seinem ehemaligen Partner Werle (Hans Kremer häufig zu sehr am Rollenklischee klebend) in einem intriganten, heimstückischen, alle Lebensperspektiven zerstörenden Prozess demoralisiert, hält Ekdal nur noch eine messianische Hoffnung aufrecht: Der Wald nimmt Rache!

In der Wildente glaubt sich Gregers (Milian Zerzawy als selbstverliebter Moral-Apostel sehenswert) mit seinem Gerechtigkeitsfimmel von seinem Vater Werle emanzipieren zu können. Ekdals Sohn Hjalmar (Christian Baumbach, ein Baum am Bach, der durch eine Flutwelle in wenigen Minuten zu einem wild strömenden Fluss anschwellen lässt und den Baum aus den Wurzeln reißt) wird unfreiwillig aber mit aller Vernichtungskonsequenz zu einem weiteren Opfer des Tanzbären Werle.

Wie Werle seinen ehemaligen Kompagnon und dessen Familie, schlussendlich auch sich selbst vernichtet, zerstört Puntila (Robert Hunger-Bühler mit praller Bühnenpräsenz) andere, ihm hörig unterstellte Menschen. Puntila, ein Mensch mit zwei Seiten, der, wenn er besoffen ist, sich gutmütig, treuherzig gibt. Nüchtern wird er zum Tyrann.

Von Christine Schmitt in den ersten Szenen als opulent keuchender Ego-Shooter kostümiert, der an die Werbefigur eines Reifenherstellers denken lässt. Puntila, der Gutsherr sowie Matti (Johann Jürgens, bestaunt Puntilas Treiben und sich selbst mit unentschiedener Tatkraft), sein Knecht können ohne den anderen nicht leben. Indem Baumgarten in Hegels dialektischer Manier herausstellt, dass der Knecht etwas von Arbeit, von der der Herr nichts versteht, fundamentiert er seine frei assoziierenden Puntila.

Dass das Alte dem Neuen weichen muss, skizziert Baumgarten in der Bühne von Thilo Reuther zeichenhaft mit Video-Screens, wo Puntila mit einem Auto durch einen Wald manövriert und von einem Baum unsanft aufgehalten wird. Baumgarten lässt keine Gelegenheit aus, zu kommentieren, auf dass es auch jeder verstehen möge: Es sind die Heuschrecken, die den Wald vernichten.

Dieser merkwürdig erhobene, manchmal von seiner allzu banalen Vordergründigkeit selbst erschreckte Zeigefinger, zieht sich von Beginn an durch die Inszenierung. Noch bevor sich der Vorhang öffnet, die Zuschauer ihre Plätze aufsuchen, sitzt Matti in einem überdimensionierten Holzspielzeugauto und scannt mit rollenden Augen das Publikum. Glaubt ja nicht, dass ihr euch einfach zurücklehnen könnt! Das geht alle an, scheint Baumgarten sicher gehen zu wollen.

Puntilas Versuche, sich mit Matti anbiedernd gemein zu machen, müssen angesichts der Machtverhältnisse und ihren Zerstörungskräften unglaubwürdig bleiben. Sie sind ebenso zum Scheitern verurteilt, wie Werle die Ekdal-Familie nicht wieder wie in einem Würfelspiel auf Anfang setzen kann.

Beide Inszenierungen setzen Live-Musik ein und könnten in ihrer funktionalen Wirksamkeit innerhalb der Inszenierung nicht gegensätzlicher sein. Im Puntila unterstreicht Alexander Tucker aus dem erhöhten Orchestergraben mit immer wieder martialisch auftönenden E-Gitarren-Riffs das Geschehen. Sound-Pattern unterbrechen das Puntila-Szenario, respektive assoziieren in Klang-Kaskaden ein horror vacui.

In der Wildente ist die Multi-Instrumentalistin, Sängerin und Komponistin Maartje Teussink in der Bühne von Thomas Rupert ständig sichtbar. Mit Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Bass-Gitarre, Kontrabass, Sopransaxophon, Klarinette reflektiert sie in allerbester Singer-Songwriter-Anmutung mit lyrischem Sentiment die Geschichte der Wildente: Ein Requiem für die Wildente.

Dieses wunderbare Zusammenspiel von Inszenierung und Musik mutet wie eine Bestätigung dessen an, was die Intendantin des Schauspielhauses Zürich, Barbara Frey als Schlusssatz im zitierten Journal-Tischgespräch formuliert hat: Ja, das Theater ist ein einziger gigantischer Kuss.

Leider war die Aufführung Die Wildente in der letzten Woche auch die letzte. Baumgartens Puntila bleibt dem Publikum bis auf Weiteres als Zürcher Schauspiel-Reibungsfläche erhalten.

19.06.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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