Bochumer Nibelungen furioso

Fotograf: Arno Declair

Roger Vontobel lässt mit seiner Inszenierung von Die Nibelungen nach Friedrich Heb­bel am Schauspielhaus Bochum keine Zweifel aufkommen. Wer sich auf fünf Stunden Theater, inklusive zwei Pausen von insgesamt einer Stunde einlässt, sollte wissen, es gibt kein Sowohl-als-auch.

Schwarze Stoffbahnen umschreiben mit Bühnenbreite eine ins Parkett vergrößerten Spielraum. Gleichzeitig verkleinern sie aber auch den Zuschauerraum. Die äußeren Sitzplätze bleiben unbesetzt außen vor. In dieser von Claudia Rohner verdichteten Raumkonstruktion ist selbst das rote Licht-Signet des Notausgangs nicht mehr zu se­hen. So wie in Vontobels Nibelungen kein Licht am Ende des Tunnels sichtbar werden wird, bleibt den Zuschauern, einmal hinter den Vorhang getreten, nur das Bühnenlicht als Orientierung. Kein Ausgang, nirgends. Im Halbdunkel sind sie mal Hunnenvolk, mal Burgundervolk. Es gibt kein Entrinnen, wenn die Mächtigen Krieg führen.

Ein Schräge teilt und überwölbt das Parkett bis in den obersten Rang. Zwischen den Niederungen des Alltags in Augenhöhe mit dem Publikum bis in die Höhen götterglei­cher Machtanmassung wechseln die Spielebenen. Sie zwingen das Publikum, ihre Körper und Köpfe drehend ständig zu verändern. Distanziertes Zu­rücklehnen in eindimensionaler Blickrichtung wird unterlaufen. Wie von Magneten ge­steuert, Grashalmen gleich, die sich im Wind neigen, durchpulst das Spiel die Körper­bewegung der Zuschauer. Willig folgen sie der Nibelungen-Dramaturgie.

Im kammerspielartigen Prolog versammelt sich die burgundische Königsfamilie um ihren König Gunther unmittelbar nach Siegfrieds Ermordung durch Hagen. Ein Spiegel, vor dem sich die selbstzerstörerische Rachegemeinschaft vorerst noch zusammen hält, erweitert den Raum hinter der eisernen Brandschutzwand der Bühne mit einer mehr­fach gespiegelten Tiefe. Schon jetzt deutet sich an, dass Kriemhild Siegfrieds Tod nicht ungesühnt lassen wird. Hagens vermeintlich staatsmännisch strategische Bluttat wird einen apokalyptischen Weltbrand entfachen.

Vontobels Inszenierung zeigt mit beängstigender Konsequenz, wie sich durch familiäre Konflikte von Machteliten die Situation für alle radikalisiert. Kriemhilds unstillbare Trauer und Wut entzündet einen Flächenbrand, der ihre Sippe sowie die Völker der Burgunder und der Hunnen in den Tod reißt. Ein Blutracherausch, der unschuldiges Leben gegen ewig schuldhaftem Weiterleben bedenkenlos einzutauschen gewillt ist. Wenn schon ein scheinbar kleines Unglück, wie der von Siegfried nachlässig vergeße­ne Jungfrauen-Gürtel nach der ersten Nacht mit Brunhild anstelle des impotenten Gunthers, einen Weltenbrand im Nu entfachen kann, in welcher Welt leben wir dann eigentlich? Die Nibelungen sind auch heute unter uns.

Kriemhild umklammert die Urne mit Siegfrieds Asche wie ein Unterpfand ihrer durch nichts zu mildernde Rache. Hoch über die Köpfe der Zuschauer auf der Schräge die Urne balancierend, klagt die Rachefurie ihre Familie an. Im Hochzeitsangebot des Hunnekönigs Etzel entdeckt sie sich eine bösartige Vernichtungsstrategie.

Die dramaturgische Zäsur, wenn sich der Vorhang hebt und Kriemhild in die Geschich­te 15 Jahre nach der Hochzeit mit Etzel einsteigt, zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Vontobel mit der gestisch und sprachlich präsenten, bis an ihre physischen Grenzen gehende, furios spielende Jana Schulz als Kriemhild szenische Übergänge mit assozia­tiven Raffinement schafft. Nachdem sich Kriemhild in ihrem Rachewahn Siegfrieds Asche über den Kopf geschüttet und mit ihr den Körper eingerieben hat, entkleidet sie sich, steigt in eine Schüssel und wäscht sich die Asche ab. In der Pose eines Rücken­akts erinnert das Bild an die Rückenansicht Badende Odaliske von Jean Auguste Do­minique Ingres und wird mit Kriemhilds dezidierter Reinigungsprozedur in Vorderan­sicht zum Publikum mit Ingres‘ Die Quelle weiterhin noch gespiegelt und reflektiert.

Während sich Kriemhild eine Krug Wasser über den Kopf schüttet und suggeriert, sich vollstän­dig reinigen zu können, entleert bei Ingres die Badende das Wasser aus der Karaffe neben sich.Schein und Sein, panta rhei.

Brunhild, die Königin von Isenland sieht sich getäuscht. Nichts kann Siegfrieds Vergewaltigung reinwaschen. Erkennend, dass Wasser und Feuer, die den Nibelungenhort bisher zuverlässig geschützt haben, von Kriemhilds Ra­che-Strategie hinweg gespült werden, verflucht sie Kriemhild auf ewig. Minna Wünd­rich entgrenzt als Brunhild in der Fluchszene für Momente Spiel und Wirklichkeit. Ihre unbedingte Gestik, ihre kadenzierende Sprache, ihre uneigennützige Körperlichkeit sind von einer beklemmenden Authentizität, die den Atem stocken lässt.

In Vontobels Nibelungen gibt es keine Helden, keine Gewinner. Felix Rechs Siegfried wandelt im somnambulen Irgendwie, wie König Etzel, von Matthias Redlhammer in staatsmännischer Vergeblichkeit wunderbar reduziert gespielt, vergeblich glaubt, staatstragend alles mit neu gewonnener Moral regeln zu können.

Gunther, der König von Burgund, demaskiert Florian Lange als Traumtänzer der Macht, der von Hagen am langen Gängelband einer bluttriefenden Staatsräson gelenkt wird. Werner Wölbern spielt Hagen mit List und Tücke als Mann fürs Grobe. Für den schleichend sich vollziehenden Übergang vom Wahn des Retters burgundischer Herr­lichkeit in den eigenen Wahnsinn, in das Inferno für alle, setzt Wölbern sein variables schauspielerisches Repertoire souverän ein.

Lore Stefanek in der Rolle von Gunthers Mutter als burgundische Platzhalterin und Heiner Stadelmann in der des Markgrafen Rüdiger im Dienste Etzels als Schachfigur in Kriemhilds Rache-Nibelungenspiel verstärken den dramaturgischen Sog der Inszenie­rung mit konzisen Spiel.

Roger Vontobel hat mit Jana Schulz seit Die Nibelungen (Premiere: 03.10.2013) eine kongeniale Übersetzerin seiner auf mytholgischen Stoffen basierenden Inszenierungen gefunden. Medea, Tragödie nach Euripides am Schauspielhaus Düsseldorf im Frühjahr diesen Jahres ist das jüngste, überzeugende Beispiel dafür.

Dafür, dass Keith O’Brien sowohl für Medea als auch für Die Nibelungen mit Live-Musik einen subtil zurückhaltenden, aber dramaturgisch wirksamen Sound-Kommentar in Art eines Singer-Songwriter in das Spiel einfließen lässt, gibt es interessanterweise auch auf Bühnen wie am Schauspielhaus Zürich Ähnliches zu beobachten (vgl. Theaterküs­se von Herrn Puntila und der Wildente vom 19.06.2017, hier veröffentlicht).

03.07.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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