Marke Cranach

© Peter E. Rytz 2017

Seit Jahren hat das Museum Kunstpalast Düsseldorf eine Vision. Lucas von Cranach (Lu­cas Cranach der Ältere), dem proletarischen Künstler im katholischen Rheinland im Kon­text der Moderne mit einer Ausstellung zu würdigen. Mit Cranach. Meister – Marke – Mo­derne (noch bis 30.07.2017) ist ein langjähriges Projekt zu einer beeindruckenden Aus­stellung gereift. Sie versammelt mehr als 200 Werke, darunter einige aus Privatsammlun­gen, die noch nie zuvor öffentlich ausgestellt wurden.

Beginnend vor 10 Jahren mit Ausstellungen zu Carvaggio und El Greco, verfolgt das Muse­um Kunstpalast seitdem die programmatische Idee, die christliche Ikonografie in den Wer­ken alter Meister in den ihn nachfolgenden Künstlergenerationen bis in die Moderne nach­zuspüren.

Mit Cranach. Meister – Marke – Moderne,  legt der scheidende Generaldirektor Beat Wis­mer in enger Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Köln und dem Cranach Di­gital Archive beeindruckende Ergebnisse eines seit 2009 laufen­den Projekts zur Erforschung des weltweit verstreuten Cranach- Œuvre vor. Wie Wismer bekennt , wurde er 1974 als junger Student von einer Cranach-Ausstellung in Basel auf- und angeregt. Seitdem hat ihn Cranach nie mehr verlassen.

Mit dem Jubiläum 500 Jahre Reformation rückt 2017 Martin Luther dezidiert in den Mittel­punkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche wurde in Cranachs Werkstatt gedruckt. Insgesamt produzierte sie mehr als 5.000 Arbeiten, von denen heute noch 1.500 nachgewiesen werden können. Cranachs Bilddarstellungen haben die Popularisierung der Luther-Bibel wesentlich befördert. In einer Zeit, da nur wenige des Schreibens und Lesens kundig waren, übersetzten seine metaphorischen Bildfindungen Luthers Text in einen allgemeinen Verstehenskontext. Mit Bildnis Martin Luthers als Junker Jörg (1521) schuf Cranach das ikonenhafte Bekenntnis Luther lebt, als viele glaubten, er sei getötet worden. Bibelübersetzung und Übersetzer als Unterpfand einer Glaubenswirk­lichkeit.

Gunnar Heydenreich, Professor an der Technischen Hochschule Köln und Mitherausgeber des opulenten, auch für den interessierten Ausstellungsbesucher anregend lesenswerten, die Ausstellung ergänzenden Katalog, sieht in dem sogenannten Phänomen Wittenberg, einen gemein­samen Schlüssel zu Cranachs und Luthers Werk. 1505 wird Cranach vom sächsischen Kur­fürsten Friedrich III. (genannt der Weise) zum Hofmaler nach Wittenberg berufen. Ein ar­mes Landständchen avancierte mit Beginn des 16. Jahrhunderts dank Luther und Cranach zu einem kulturellen Kraftzentrum in Europa.

Neben Auftragsarbeiten der Kirchen mit religiösen Schwerpunktthemen, die die Geschich­ten des Alten und Neuen Testaments illustrieren – Andacht und Verehrung – Christliche Motive vor und nach der Reformation -, beauftragten immer mehr hochmögende Bürger und Fürsten Bildnisse, zur Repräsentation von Stand und Wohlstand.

Wie sich Cranach über Jahrzehnte in der christlich zentralen Figuration Maria mit dem Je­suskind einerseits treu geblieben ist, andererseits dezente Variationen vornimmt, zeigt der Vergleich von Maria mit dem Kinde (1518) mit Madonna mit Kind, das von der Weintraube nascht (nach 1537). Fokussiert man seine Betrachtung der letzteren Malerei auf auf das Gesicht der Madonna, fällt ein zart durchsichtiger Schleier auf, der eine interessante Brü­cke zu der Ende Januar 2017 zu Ende gegangenen Ausstellung im Museum Kunstpalast Hinter dem Vorhang schlägt (Die Wirklichkeit hinter dem Vorhang vom 27.12.2016, hier veröffentlicht).

Neben fürstlich königlichen Repräsentationsbildern – Margarete von Österreich (um 1530) oder Bildnis König Ferdinand I. (1548) – schafft Cranach mit Charakterbildern wie Bildnis eines bärtigen Mannes (1527) oder Bildnis einer jungen Frau (1526) ein mehr oder weni­ger volksnahes Bildkompedium seiner Zeit. Seine in mytholgischen Darstellungen ver­steckt integrierten Selbstbildnisse haben eine sein künstlerisches Tun reflektierende Facet­te. Sie lassen sich in eine zeitgeistige Figurentypologie einordnen.

Vor vielen Werken sind innovative Bildlösungen mit ihren wechselnden Verweise auf Male­rei, Holzschnitt und Buchdruck zu bewundern. Wer vor Die drei Grazien (1535),  ei­nem Beispiel seiner lebensgroßen Akte, in ästhetischer Überwältigung versinkt, wird viel­leicht nicht sofort die damit verbundene Dimension eines neuen Sehens gewahr. Die ers­ten Aktdarstellungen nördlich der Alpen waren eine mutige Herausforderung mit einem of­fenen Bekenntnis zum Humanismus. Eine Lust am Schauen, die einem morali­schen Ideal folgt.

Gleichzeitig entwickelt sich der Ausstellungsrundgang auch zu einer aufregende Zeitreise. Madonna mit dem Kind (um 1510), eine Malerei auf Holz ist nach einer jahrhundertelan­ger Odyssee, restauriert erst 2012, in den Breslauer Dom zurückgekehrt. Die lange als verschollen geltende Tafel ist eine Preziose der Ausstellung.

Der Ausstellungsparcours Meister – Marke führt durch das Cafe in die Sektion Moderne und Cranach. Angesichts der bis dahin schon ziemlich strapazierten Aufnahmefähigkeit von Cranachs Bilderkosmos kann eine Energie aufladende Pause hilfreich sein, um die Pointe der Ausstellung nicht zu verpassen.

Die Avantgarde der Moderne entdeckt vom frühen Expressionismus – Ernst Ludwig Kirch­ner, Akt mit schwarzem Hut (1912) – bis zum späten PicassoVenus et l’amour (1968) -, bis zu konzeptuellen Bildfindungen Cranachs Motiv schöner junger Frauen. Die Pop-Art er­findet sich mit der Marke Cranach in Variationen immer wieder neu. Andy Warhol nutzt den Siebdruck, vertraute Bild der Kunstgeschichte – Portrait of a Woman (after Cranach), 1984 – ebenso als Vorlage, so unterschiedlichen Personen der Öffentlichkeit, wie Mao oder Marilyn Monroe,  nach ihrer Zeitgenossenschaften zu befragen.  

Mit Arbeiten von Alberto Giacometti, Martial Raysse, Otto Mueller und Fritz Bleyl zeigt die Ausstellung, wie tief die Marke Cranach bis heute unser Bild-Bewusstsein geprägt hat. Nach zu verfolgen, wie dabei die jüngsten Positionen auch Fragen… nach dem Stellenwert der originalen Ausführungund der seriellen Produktion ebenso wie nach der Imagebildung (reflektieren), wie es im Katalogtext heißt, dazu macht die Ausstellung Mut. Unange­strengt, wie mit leichter Hand hingetupft, findet sie eine schöne Balance von Sehen und Verstehen.

06.07.2017

photo streaming Cranach: Marke – Meister – Moderne

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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