Richters Editionen: Eine Expedition

Gerhard Richter, Kerze I, 1988 © Peter E. Rytz 2017

Wer sich mit dem Werk Gerhard Richters für eine Ausstellung beschäftigt, steht vor der Aufgabe, Richters vielfältigem Œuvre eine Form zu geben. Das Museum Folkwang Essen hat sich zusammen mit der Olbricht Collection zu einem edito­rischen Formgebungsprozeß verabredet. Herausgekommen ist die Ausstellung Gerhard Richter. Die Editionen (noch bis zum 30. Juli 2017). Erstmals sind  alle 173 bisher veröffentlichte Editionen – in Auflage hergestellte Bilder und Objek­te in Sinne von Kunst für alle! – vollständig zu sehen.

Mit dem Konzept der Editionen versammelt Richter seit 50 Jahren seine künst­lerischen Arbeiten von Malerei und Grafik bis zu Fotografie und Künstlerbuch in einem Kompendium. In ihm findet sich seine anhaltende Suche nach dem, was eigentlich eine Bild heute ist. Ich bin mehr an Bildern interessiert als an Male­rei, wird Richter im Booklet zur Ausstellung zitiert.

Die Editionen geben in komprimierter Form Auskunft darüber, wie Richter un­ablässig über das eigene Schaffen reflektiert. Sein bildkritischer Rekurs der Konzeptkunst ist Ausgangspunkt für seinen malerischen Gestus. Biografische Bezugspunkte legt Richter in einem kontrollierten Kontrollverlust offen. Nicht von ungefähr hängt Ema (Akt auf einer Treppe), eine Cibachrome-Fotografie (1992) seiner  entsprechenden Malerei von 1966 zentral in der Ausstellung. Ei­nerseits ist diese Arbeit die erste, die Thomas Olbricht für seine Sammlung der Richter-Editionen im Jahr ihrer Entstehung erwarb, andererseits exemplifiziert sie, wie Richter Malerei und Fotografie miteinander verknüpft: Das Gleiche aber nicht das Selbe: Neue Bilder des Bildermachers Richter.   

In  der Ausstellung gleich nebenan treten 48 Portraits (1998) als digitale Dru­cke zwischen Plexiglas und Alu-Dibond in den Dialog mit der malerische Arbeit, die auf der Venedig Biennale 1972 den Deutschen Pavillon bespielt hatte. Das Booklet vermerkt zu der ausschließlich männlichen Auswahl von bekannten Wissenschaftlern, Literaten und Komponisten, in der bildende Künstler und Pol­itiker fehlen: In diese so genannte Synchronopse hat er (Richter) sich als mittlerweile international auf dem Kunstmarkt bekannter Künstler nun selbst eingeschrieben. Folgt man diesen Gedanken weiter, so als würde er als bilden­der Künstler allein in diese Prominentenreihe gehören, widerspräche das Rich­ters eher defensive Haltung gegenüber Glamour und Eventkultur. Wenn man sei­n Werk allerdings ein eigenlogisches, unnachahmliches Beharren auf einen künstlerischen Formfindungsprozeß versteht, gebührt im sicherlich schon heu­te ein exponierter Platz im Pantheon der Kunstgeschichte.

Dass Richter Farbe nutzt wie Schriftsteller Worte, kann man mit Farbfelder. 6 Anordnungen von 1260 Farben (1974) ebenso wie an seinen Strips, Digitaldru­cken zwischen zwei Glasplatten aus jüngster Zeit verfolgen. Die Mischung der Farben in ihrer unüberschaubaren Vielfalt machen es unmöglich, sich zu ihnen eindeutig zu verhalten. Betrachtungswinkel sowie subjektive Wahrnehmung re­konstruieren auf der Netzhaut eine Buntheit in unendlicher Vielfalt. Das Bild ist mehr als die quantitative Addition der einzelnen Farben. Sie sind so ubiquitär, wie  jede Subjekterfahrung die menschliche Gesellschaft konfiguriert.

Ein mehr oder weniger beiläufiger Spaziergang durch die Ausstellung kann sich so zu einer Expedition zu uns selbst ausweiten. Dank Richters Editionen!

11.07.2017

photo streaming Gerhard Richter. Die Editionen

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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