Erbslöh, Macher und Maler

© Peter E. Rytz 2017

Schlägt man im Duden die Bezeichnung Macher nach, heißt es dort: Einen Macher kennzeichnet in Bildungen mit Substantiven eine männliche Person, die beruflich etwas macht, die etwas herstellt oder produziert. Das Von der Heydt Museum Wuppertal titelt in der noch bis 20. August 2017 zu sehenden Ausstellung Adolf Erbslöh – der Avantgardemacher.

Der Beschreibung des Duden folgend fokussiert die Ausstellung damit die Wirksamkeit des bildenden Künstler Erbslöh in der Kunstgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem als eine produktive Netzwerkarbeit. Er war neben Marianne von Werefkin, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Wladimir von Bechtejeff Gründungsmitglied der Neuen Künstlervereinigung München (1909). Als Künstler selbst Teil der Avantgarde liegt sein Verdienst insbesondere in der treibenden Kraft des ersten Vorsitzenden der Münchner Künstlervereinigung (noch vor der legendären Gründung der Der Blaue Reiter!) ab 1911 in der Nachfolge von Kandinsky.

Geboren 1881 in New York als Sohn einer wohlhabenden Wuppertaler Kaufmannsfamilie, die nach 15jähriger Tätigkeit des Vaters dort in einer Exportfirma 1887 nach Wuppertal-Barmen zurückkehrt, prägt Adolf Erbslöh mit seiner künstlerischen Kreativität, gepaart mit einem von Hause aus soliden, wirtschaftlich kaufmännischen Verständnis, wesentlich die Geschicke der Künstlervereinigung. Obwohl die Neue Künstlervereinigung München nur wenige Jahre Bestand hatte, sie mit dem von Marc und Kandinsky herausgegebenen Almanach Der Blaue Reiter mehr oder weniger bedeutungslos wurde, hat sich Erbslöh in die Kunstgeschichte neben seinem eigenen künstlerischem Werk als Macher, als Netzwerker, als der Avantgardemacher eingeschrieben.

Die Kuratorin Beate Eickhoff verbindet in der Ausstellung anschaulich und nachvollziehbar beide Seiten von Erbslöh. Als Maler im Kontext der Avantgarde eher in der zweiten Reihe der kunstgeschichtlich interessierten Öffentlichkeit zu finden, entdeckt die Ausstellung ein künstlerisches Œuvre, das zumindest teilweise zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Die Ausstellung entgeht aber klug der Versuchung, Erbslöh als Sohn der Heimatstadt des väterlichen Imperiums in seiner künstlerischen Wertschätzung zu überhöhen. Eine Ausstellung, die ausschließlich Erbslöhs Werke zeigen würde, würde letztlich an ihrem eigenen Anspruch scheitern müssen.

Dass die ausgestellten Werke Erbslöhs fast ausschließlich aus Privatbesitz und aus der Sammlung des Von der Heydt Museums Wuppertal stammen, kann man als Hinweis dafür nehmen, dass sie sich in Konkurrenz zu Künstlern wie Kandinsky, Marc, Münter, von Werefkin van Gogh, Braque, Cezanne oder Dufy als Sammlungsobjekte in Kunstmuseen nicht durchsetzen konnten. Als umfasende Werkschau stellt sie 55 Ölbilder von Erbslöh im Dialog mit 60 Werken der zeitgenössischen Kunst aus, die gemeinhin als die Avantgarde gilt. Die Künstler, denen ich am meisten zu verdanken habe, sind van Gogh, Cezanne und Jawlensky, bekennt Erbslöh 1931.

In diesem Zusammenhang ist Überraschendes zu entdecken. Einerseits ist zu sehen, wie Erbslöh sich in seiner Malerei anfangs an expressionistischen Perspektiven orientiert hat – mit Sujets, die mit Calenberg von 1909 an Cezanne oder mit Bohnenfest aus dem gleichen Jahr an Liebermann (Holländische Nähstube, 1876) denken lassen – und sich später dem Stil der Neuen Sachlichkeit zugewandt hat. Andererseits reduziert er in Intérieur (Adeline in der Halle) von 1907 ebenso wie im Bohnenfest Köpfe und Augen als Farbflächen, wie sie erst Jahre später das Werk von Amadeo Modigliani bestimmen werden.

Im unmittelbaren Dialog mit den von Erbslöh genannten Vorbildern gewinnt die Ausstellung einen nachhaltigen Spannungsbogen. Sein Bildnis Saima Neovi besteht neben Mädchen mit Pfingstrosen von Alexej Jawlensky, beide von 1909, ebenso wie seine zu den Entdeckungen der Ausstellungen zählenden Akte. Mädchen (Mädchen mit rotem Rock) und der Der rote Rock (1910) sowie Weiblicher Akt (Strumpfanzieherin), 1909 – eines der wenigen Arbeiten, die sich außerhalb Wuppertals in der Bayrischen Staatsgemäldesammlung befindet – überragen in ihrer expressiven Dynamik sogar die parallel ausgestellte Akte von Marc und Macke.

Auch wenn insgesamt der Eindruck bleibt, dass Erbslöh, wie es im Pressetext heißt – Im ständigen Kontakt und Austausch mit den führenden Künstlern seiner Zeit, als ruhender Pol im Epizentrum der Moderne,entwickelte Erbslöh seinen eigenen Malstil eher bedächtig. -, ist es ein Verdienst des Von der Heydt-Museums ihn mit Adolf Erbslöh – der Avantgardemacher einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu haben.

05.08.2017

photo streaming Adolf Erbslöh – Der Avantgardemacher

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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