Summer of Love 1967 – a never ending story

Sammlungen Lutz Hieber und Gisela Theising © Victor Moscoso 2017

Es gibt Kunstausstellungen, die sich einer nüchternen, mehr oder weniger bil­dungsbeflissen Betrachtung entziehen. Wie in einem aufgeschlagenen Buch begeg­net man sich in ihnen mit seiner eigenen Sozialisation. Dass das vor allem mit zunehmenden Alter immer häufiger passieren kann, liegt in der Natur der Sa­che, wenn wie im Museum Folkwang Essen die Ausstellung San Francisco 1967 – Plakate im Summer of Love (noch bis 03.09.2017) ein halbes Jahrhundert zurück geblickt.

1967 hat sich im kulturellen Gedächtnis mit Pop, Love and Peace sowie mit al­ternativen Lebenformprojekten eingeschrieben. Begleitet von politischen Auf­bruchsstimmungen, haben sie eine ganze Generation geprägt. Im Summer of Love haben The Beatles haben 1967 ihr musikalisch wegweisendes Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band veröffentlicht, während sich in Twin Oaks im US-Bundesstatt Virgina eine Hippie-Kommune gegründet, die im Unterschied zu vielen anderen heute noch existiert. Der Vietnam-Krieg erreicht seinen tod­bringenden Höhepunkt. Gleichzeitig sterben bei Rassenunruhen in den USA mehr als hundert Menschen. Protest und Widerstand finden in einer visuell ge­formten Counterculture ihren unmittelbaren Ausdruck. Ein neues soziales Selbstbewusstsein in Verbindung mit psychedelisch narkotisierenden Bewusst­seinerweiterung artikuliert sich unüberhörbar – und unübersehbar, wie die Pla­kate im Summer of Love zeigen.     

Die Essener Ausstellung zeigt, wie die zwar kurze Aufbruchsstimmung des Summer of Love – schon 1968/69 verblasst seine provokante Unmittelbarkeit – in der Pop-Kultur zwischen Musik und bildender Kunst, zwischen Literatur und Performance ihre Spuren hinterlassen hat. Aus einer Underground-Nische her­aus erfindet sich Kunst und Kultur neu. Trotz ihrer Einverleibung durch das Kul­tur-Establishment markiert der Summer of Love einen Meilenstein in der Kunstgeschichte.

Plakate als Werbeträger erfüllen in einer kapitalistischen Gesellschaft bis heute ihrer Funktion, Aufmerksamkeit zu erregen. Wes Wilson, Alton Kelly oder Bon­nie MacLean gestalten, inspiriert von Jugendstil und der Wiener Sezession so­wie von fotografischen Motiven der amerikanischen Ureinwohner, den India­nern, psycheledelische Plakate. Sie künden in erster Linie Konzerte von Jeffer­son Airplane oder Butterfield Blues Band, von Vanilla Fudge oder Yardbirds, von Pink Floyd oder der Steve Miller Band an. Gleichzeitig werden sie zu identi­tätsstiftenden Initialen einer Subkultur.  Vor vielen Plakaten scheinen sie wie mit einer inneren Stimme die entsprechende Musik abzurufen. Mit einem Lä­cheln im Gesichts wiegen sich viele Ausstellungsbesucher in einem enigmati­schen Rhythmus.

Plakat und Musik verbindet die Ausstellung anschaulich und empathisch mit den damals erfundenen Human Be-In zu einer Poesie, die mit der Beat-Gene­ration und ihren Gallionsfiguren Allen Ginsberg und Gary Snyder ihren literari­schen Konterpart hatte.  

Die Ausstellung ist beides: Reminiszenz an eine bewegte und bewegende Zeit und mit ihren Plakaten zugleich für die Ausstellungsbesucher ein erst auf den zweiten oder sogar dritten Blick entschlüsselbares Schrift-Bilderrätsel. Da­durch, dass die Plakate ihre psychedelische Plastizität nicht ohne Anstrengung preisgeben, ziehen sie den Betrachter unmittelbar in ihren Bann. Der Ausstel­lungsbesucher kann sich darin selbst entdecken. Auch die nach 1967 geborene Generation hat m Summer of Love ihre Chance dazu.

13.08.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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