Farbtankstellen in Bochum

© Peter E. Rytz 2017

Vor wenigen Tagen ist K. O. Götz, der große alte Mann der abstrakten Kunst, des Informels mit seiner sekundenschnellen Geste im biblischen Alter von 103 Jahren gestorben. Dass ihm mit Rupprecht Geiger, dem anderen Giganten mit seinem Plädoyer für die Freiheit des Malerischen 2008 mit 101 Jahren  vorausgegangen ist, liest sich in diesem Zusammenhang wie die ein ganzes Jahrhundert prägende Ausdrucksuche nach der malerischen Form.

Für Rupprecht Geiger ist die Farbe ein Energiezentrum. Insbesondere dem Rot ist eine Mystik eigen, die eine meditative Kraft in sich versammelt. Getragen von der Vision eines Zentrums der Erholung in einer Großstadt, ist Geigers Werk bestimmt von farb-adäquaten, farb-energetisch aufgeladenen Ausdrucksformen. Entsprechend konsequent titelt die noch bis zum 14. September 2017 zu sehende Ausstellung Rupprecht GeigerFarbe tanken im Kunstmuseum Bochum. Das Licht, das die renovierten Shed-Dächern im oberen Ausstellungssaal des Museums durchdringt, vereinigt sich mit Geigers monochromen Farbflächen-Kompositionen von Rot, Gelb, Orange und Pink in symbiotischer Anmutung.

Mehr als 70 Jahre intensiver Beschäftigung mit der Farbe sind ein eindrucksvolles Zeugnis einer unbedingten Überzeugungskraft, dass Farbe einen wahrnehmungspsychologischen Mehr-Wert hat. Ihn in seiner spirituellen und kontemplativen Vielfalt zu entdecken, haben sich die Kuratoren, Museumsdirektor Hans Günter Golinski und die Leiterin des Archiv Geiger in München Julia Geiger eindrucksvoll auf die Fahne geschrieben.

Farbe tanken gibt dem Ausstellungsbesucher eine außergewöhnliche Chance. Der Ausstellungsrundgang überschreitet den kunstgeschichtlichen Kontext in souveräner Selbstverständlichkeit zu dem, um das es Geiger mit seiner Malerei eigentlich geht: Zur Ruhe und Besinnung zu kommen. Seine Idee einer Farbtankstelle im öffentlichen Raum greift die Funktion des religiösen Raumes einer Kirche als stillen Ort der Anbetung und Verinnerlichung von Glaubensüberzeugungen auf und transformiert sie in einen von Farben emotional und meditativ konnotierten Still-Raum.

Dass sich Geigers Bilder unmittelbar schon im allerersten Moment behaupten und im erinnernden Bewußtsein verbleiben, wie Georg Imdahl im Katalog zitiert wird, ist sowohl vor dem einzelen Bild stehend wie auch als Raumeindruck in Bochum erfahrbar. Nähert man sich den quadratischen, runden oder rechteckigen Formaten sowie Kompositionen von entsprechenden flächigen Formen, weiten sie  sich zu sinnlichen Erfahrungsmomente. Weniger Kognition, mehr Emotion gilt die Haltung in dieser Ausstellung.

Wie es einer Ausstellung, die die Opulenz der Farbe in ihrer imaginativen Großartigkeit zeigt, mit einem vergleichsweise schmalen Katalogbuch gelingt, den Ausstellungsbesuch künstlerisch und kulturell zu extemporieren, dafür steht Farbe tanken exemplarisch in ihrer Referenz von Bild und Text. Dass schon Caspar David Friedrich (1774 – 1840) auf den Wert einer erweiterten  Bidbetrachtung hinwies, die das sehende und das sinnlich fokussierte Auge zusammen herausfordert – Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild –, verdankt sich ebenso einem Hinweils von Julia Geiger, wie Paul Klees (1879 – 1940) Erkenntnis Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.

Geiger macht sichtbar – und noch viel mehr. In der Monochromie seiner Bilder scheinen Lebenswirklichkeiten auf, die sich in den allermeisten Fällen im Unterbewußtsein verbergen. Sie zu bergen, steht jedem einzelnen Besucher frei. Farbe tanken, ist eine Reise nach Bochum wert. Den entsprechenden Aufkleber gibt es als Selbstversprechen gratis dazu.

24.08.2017

photo streaming Rupprecht Geiger

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Über Peter E. Rytz Review

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