Wurms wandelnde Skulpturen

© Peter E. Rytz 2017

Beim Versuch, sich in Erwin Wurms skulpturale Welt zurecht einzufinden, kann der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer helfen. In seinem epo­chalen Großstadtroman Die Strudelhofstiege von 1951 lässt er einen Protago­nisten als Chronisten über Ausformungen von Gedächtnis und Erinnerung re­flektieren. Über das so Gewordene nachzudenken, sei so etwas, wie in sich selbst herumwurmisierend.

Ob Wurm diesen Roman kennt, ist nicht bekannt. Gewiss ist allerdings, dass er mit seinen komplexen Arbeiten scheinbar verlässliche Erfahrungen von Raum und Form unterhöhlt. Mit ihren variablen, die Wahrnehmung immer wieder irri­tierende Ausdrucksformen kann man sie als Analyse, als eine kritische Be­standsaufnahme der Gesellschaft lesen. Der Name Wurm, der nach Selbstaus­sage von Erwin Wurm original und kein Künstlername ist, eröffnet trotzdem oder auch gerade deswegen herumwurmisierende Assoziationsräume. Ähnlich Regenwürmern, indem sie den natürlich gewachsenen Boden durchwühlen, ihm damit gleichzeitig neues Leben gewähren.

Einerseits ins Monströse, andererseits ins Absurde mit performativen Anteilen gewendet, brauchen Wurms Arbeiten viel Raum. Seit über 20 Jahren behauptet Wurm als ein seinem Selbstverständnis nach expliziter Bildhauer einen unver­wechselbaren Platz im globalen Kunst- und Ausstellungsbetrieb. Dabei hat er von Anfang an keine Berührungsängste mit dem Kunstmarkt. Ich wollte von meiner Kunst leben und trotzdem in künstlerischer Freiheit politisch denken zu können, gibt er zur Ausstellungseröffnung, lapidar mit Erwin Wurm bezeichnet, in Duisburg zu Protokoll.

Die Stadt Duisburg hat mit einem kuratorischen Kraftakt ein gemeinsames Raumangebot von Lehmbruck Museum und MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst für eine Retrospektive von Erwin Wurms Arbeiten aufgeboten. Während in der Küppersmühle noch bis zum 3. September 2017 vor allem überdimensionierte Wandarbeiten, wie u.a. die in der Ausstellung erstmals aus­gestellten, 90 m lange leuchtend grünen Strickpullover-Wandarbeit zu sehen sind, räumt Wurm im Lehmbruck Museum seine Arbeiten erst am 29. Oktober 2017 ab.

Im Foyer der Küppersmühle signalisiert ein riesiger roter Boxhandschuh, was der Ausstellungsbesucher zu erwarten hat. Um sich von der Konsumwelt nicht vollständig vereinnahmen zu lassen, sollte man sich nicht scheuen, sich ab und zu auch durch ihre hoch gepushte Beliebigkeiten durchzuboxen? So rot, so de­formiert der Boxhandschuh in der Küppermühle, so zieht im Glaskasten des Lehmbruck Museums ein ebenso knallrotes, deformiertes Sport-Coupé, Fat car die Aufmerkdsamkeit auch außerhalb der Öffnungszeiten auf sich.

Dem Gebrauchswert entzogen, faszinieren sie durch ihre artifiziell aufgelade­nen Transformationen in ein Kunstwerk. In freier Variation Marcel Duchamps Readymades oder die ins Absurde gebeugten Dada-Performances assoziierend   reizt Wurm die  Grenzen der Skulptur aus und führt sie auf ihre Fundamente zurück.

In Wurms dreidimensionalen Arbeiten wird sichtbar, wie er über das eigene Sein und Dasein nachdenkt. Wie die kopflosen Kastenmann rosa und Anger Bump, (beide von 2007) das Bild des selbständig denkenden Subjekts konter­karieren, so haftet Be a terrorist von 2003 eine geradezu visionäre, zeit­lose Aktualität an. Durch Umformungen von Alltagsobjekten und ihre subjektiv konnotierte Handhabung generieren Wurms Arbeiten neue Bedeutungen: The artist Who swallowed the world.

Andy Warhols Paraphrase – In Zukunft wird jeder 15 Minuten berühmt sein – übersetzt Wurm mit seinen One minutes sculptures in eine Interaktion zwi­schen Betrachter und Kunstwerk – und überschreitet bewusst die Grenzlinie Don’t touch me!, die in vielen Ausstellungsräume über die ausgestellten Werke einen Schirm wie einen Heiligenschein spannt. Mit genau formulierten Hand­lungsanweisungen animiert Wurm den Ausstellungsbesucher zu einem performativen Akt. Mit den Drinking Sculptures, die mit den Namen zeitgenös­sischer, mehr oder weniher alkoholabhängiger Künstlern bezeichnet sind, treibt er sein Verführungsspiel auf die Spitze. Die Interaktion ist erst dann vollstän­dig, wenn der Besucher betrunken sei.

Wurm gilt es offensichtlich, die Welt aus den Angeln zu heben und sie auf den Kopf zu stellen, und dann alles das aufzusammeln, was aus den Taschen, Kis­ten und Kästen fällt, um es neu zusammenzusetzen. In der neuesten Skulptu­rengruppe Land der Berge hat er Fundstücke, die in der österreichischen Berg­welt von Touristen und anderen zurück gelassen worden sind, in bronzene Berg-Miniatur-Skulpturen eingefügt und sie auf 55 weiße Sockel als Vaterland deklariert.

Österreich, die Heimat Wurms ist ihm als Steinbruch für seine Kreationen im­mer wieder eine neue Herausforderung. In Duisburg kann man erleben, dass seine Überzeugung, dass wir alle wandelnde Skulpturen sind, nicht nur für Ös­terreich gilt.

25.08.2017

photo streaming Erwin Wurm

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Kunstausstellung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.