Voilà, lit.RUHR

Ian Kershaw, Norbert Lammert, Jürgen Wiebicke (Moderation) © Peter E. Rytz 2017

Ist Lesen mit einem gedruckten Buch vor Augen heutzutage nur noch uncool? Wer angesichts der verstöpselten Ohren und den stieren Blicken auf Smartphone oder Tablett von Menschen aller Altersgruppen mehrheitlich in der Öffentlichkeit erlebt, mag sich schon manchmal fragen: Wer liest eigentlich heute noch ein Buch und gewährt ihm seine ausschließliche Konzentration für eine bestimmte Zeit?  Versunken wie in einer liebenden Umarmung, Zeit und Raum für Momente dabei vergessend?

Bevor die Frankfurter Buchmesse, wie zu erwarten ist, weiter anwachsende Buchproduktionen verkünden wird, unternahm die lit.RUHR einen Praxistest. Während fünf Tagen und fünf Nächten boten 82 Veranstaltungen mit Lesungen, Gesprächen und Musik Gelegenheit, sich von der narrativen Kraft des Lesens, insonderheit des Vorlesens zu überzeugen. Manchmal sich sogar  überwältigen zu lassen. Mehr als 70% Auslastung der Plätze erzählen von einem Erfolg, der offenbar bei vielen das Bedürfnis nach echten Büchern und echten Menschen getroffen hat.

Ständig stand-by online vernetzt, von Facebook und Twitter durch die Beliebigkeiten der sozialen Netzwerke gehetzt, hat die Lit.Ruhr einen von vielen geteilten Nerv getroffen. Zu hören, Geschichten nachlauschen, gemeinsam mit anderen, atmospährisch dichte Lesezeit zu teilen.

Unter der künstlerischen Leitung von Traudl Bünger bot die lit.RUHR ein vielfältiges Programm. Belletristik, Lyrik sowie augewählten, aktuelle, gesellschaftsrelevante Diskurse  im Zusammenhaft mit entsprechenden  Buchveröffentlichungen wurden nicht nur wie auf einer Buchmesse üblich marketinggerecht umworben, sondern durch unterschiedliche Lese- und Gesprächsformate die Texte lebendig werden zu lassen. Indem Geschichten hinter den Texten aufschienen, erweiterten sie die Autoren-Texte zu möglichen Erfahrungsräumen für die Zuhörenden.

Gila Lustiger © Peter E. Rytz 2017

Mit Gila Lustiger präsentierte die lit.RUHR auch ihre erste Stadtschreiberin in Mülheim an der Ruhr als artist in residence. Als Autorin, die in einer jüdischen Familie mit leidvollen Erfahrungen aufgewachsen ist, wird sie häufig zuerst auf ihren Vater den KZ-Überlebenden und Historiker Arno Lustiger angesprochen. Ich bin wirklich die Tochter meines Vaters. Bevor ich beginne zu schreiben, höre und sehe ich ihn immer noch zuerst, betont sie auf dem Podium in der Zeche Zollverein Essen. Sie sei die ödipale Tochter, die von ihm das Recherchieren gelernt habe.

Geboren in Frankfurt am Main, studiert in Jerusalem, lebt sie seit 30 Jahren in Paris. Von dort aus findet sie recherchierend ihren Schreibstoff. Biografische Fragmente werden ihr dabei zum literarischen Material. Wie ein Bildhauer haue sie das weg, was zwar historiografisch erkenntnisreich ist, aber nicht in ihre Romanstruktur passt.  Sie schaue sich beim Schreiben über die Schultern. Erst am Tisch schreibend versteht sie, was sie draußen gesehen und erlebt hat.

Gila Lustiger © Peter E. Rytz 2017

Den Versuch, zu erklären, wie bei ihr Schreiben funktioniert, überprüft Peter Lohmeyer am Ergebnis. Er liest aus dem 2005 für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman So sind wir trotz bronchialer Beeinträchtigung mit konziser Überzeugung. Gila Lustiger bescheinigte ihm, selten ihre Texte so authentisch von jemand vorgelesen, gehört zu haben.

Peter Lohmeyer © Peter E. Rytz 2017

Um Lustigers bisher unbekannten Blick auf das Ruhrgebiet zu justieren, las Lohmeyer von Josef Roth eine Ruhrgebietsreportage von 1926, die eine Vergangenheit beschreibt, die es sie so heute nicht mehr gibt, aber deutlich macht, wo das lebendige Ruhrgebiet seine Wurzeln hat. Er illustrierte als bekennender Fußballfan die Nähe von Frankreich und dem Ruhrgebiet am Azurblau des FC Schalke 04 sowie dem Yves-Klein-Blau der sklupturalen Wandgestaltung im Foyer des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen mit dem von Giscard d’Estaings zum Amtsantritt 1974 eingefärbten Yves-Klein-Blau der französischen Trikolore.

Während Gila Lustiger ab sofort das Ruhrgebiet mit der Haltung, die Stoffe finden mich en passant beim Schlendern durch die Stadt, erkunden wird, suchten der bekennende Bochumer, Noch-Bundespräsident Norbert Lammert und der Historiker Ian Kershaw auf dem Podium im Salzlager Zeche Zollverein nach der Zukunft eines scheinbar aus der Balance geratenen Europas. Geschichte, die niemals wie im Nichts beginnt und in einem anderen Nichts endet, sondern als Folge von Höllenstürzen beschrieben werden kann. Höllensturz: Europa 1914 bis 1949 wie Kershaw die europäische Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in seinem Buch analysiert. Es gehe darum, sind sich Lammert und Kershaw einig, die Wirklichkeit Europa zu verstehen, die als Teil des globalen Geschehens ihres eurozentristischen Blicks verlustig geworden ist.

Ian Kershaw und Norbert Lammert © Peter E. Rytz 2017

Lammert beharrt trotz allen Irritationen in der Europäischen Gemeinschaft darauf, dass wir zum ersten Mal seit mehr als 2.000 Jahren in einer glückhaften Zeit leben. Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, sind wir frei und wissen nicht, was wir machen sollen, zitiert Lammert Václav Havel. Kershaw wiederum beharrt darauf, dass es versäumt wurde, zu definieren, was das politische Europa eigentlich sein soll. Es nähme deshalb nicht wunder, dass die Zustimmung zu einer politischen Union bei vielen Europäern mit Blick auf die Zunahme der europakritischen bis -feindlichen Wähler bröckle.

Es muss deshalb wie ein Glücksfall erscheinen, dass Robert Menasse für seinen Roman Die Hauptstadt gestern der Deutsche Buchpreis 2017 zugesprochen wurde. Mit Die Hauptstadt – nicht Berlin oder Paris, sondern Brüssel ist gemeint – erzählt  Menasse von den Europa-Union-Schwierigkeiten, die Kershaws Höllensturz im Gespräch mit Lammert eine belletristische Seite abgewinnt.

Lammerts engagiertes Plädoyer für eine entschlossene Suche nach dem unter den gegebenen, politischen Umständen Vernüftigen und Möglichen, begegnet Kershaw mit einer gewissen Skepsis. Wahrscheinlich wurschtelt sich Europa in absehbarer Zukunft wie bisher irgendwie durch.

Wenn, so Lammert, das Durch-Wurschteln mit der Einsicht, dass wir trotz alledem in glücklichen Zeiten leben, verbunden werden kann, schaffen wir auch das. Darin, dass Angela Merkel in der europäischen Wahrnehmung ein Symbol für Zuverlässigkeit ist, wie Kershaw betonte, stimmten beide ebenfalls überein. Wie Lammerts auf der Vernunft insistierendes Resümee – Für die Vernunft muss es immer wieder neue Anstrengungen geben. Sie gibt es nicht einfach so. –  von den WDR 5-Zuhörern, die live dabei waren,  gehört wurde, lässt sich schwerlich abschätzen. Im Salzlager gaben jedenfalls mehr als 400 Zuhörer lautstark zustimmenden Applaus.

Anderntags erzählten die Heroen der Kunst – der Literat, der Geschichtenerzähler und Filmer, Alexander Kluge und der Gewinner des weltweit höchsten Preises für zeitgenössische Kunst, des Premium Imperiale 2004, der bildende Künstler, Georg Baselitz – im Museum Folkwang Essen von Helden und Anti-Helden sowie vom Zorn, der die Welt verändern kann.

Alexander Kluge und Georg Baselitz © Peter E. Rytz 2017

Wer sich vorher Zeit genommen und die große Alexander-Kluge-Ausstellung Pluriversum angesehen hatte, fand in dem facettenreich mäandrierenden Gespräch über die inspirative Kraft des charismatischen japanischen Malers Hokusai (Um 1800) in Kluges und Baselitz‘ gegenseitigen Verweisen und Bezugnahmen zu ihren Arbeiten viele Perspektiven über das, wie sie ihre künstlerische Arbeit verstehen, vielleicht mit ahnungsvollerem und assoziationsreicherem Instinkt  sensibilisiert, den von Kluge ausgelegten Pluriversum-Faden: Im Rausch der Arbeit.

Uneingeschränkte Einigkeit herrschte bei beiden über den Wert der Musik. Wenn nach Kluge Literatur alles aushält und Baselitz auf die Eigengesetzlichkeit der Kunst beharrt – meine Bilder erzählen keine Geschichten -, fühlen sie sich mit Friedrich Nietzsches Wort – Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum – bestätigt.

Konsequent und eloquent zugleich wirbt Kluge für ein Graben, ein Umgraben der Wörter und Bilder, um zu sehen, was sich darunter verbirgt.  Jeder in seinem künstlerischen Metier, Wand an Wand ergäben die extrahierten Töne, Texte und Bilder ein entscheidendes Mehr an Welterkenntnis, ist Kluge überzeugt: Worte sind Lebewesen. Baselitz erzählte, dass ihm erst vor kurzen aufgegangen sei, dass alles, womit er sich beschäftigt, Vergangenheit ist. Sie reiche bis in die Gegenwart; aber niemals in die Zukunft.

Alexander Kluge und Georg Baselitz © Peter E. Rytz 2017

Wenn Kluge über Liebestod-Motive bei Richard Wagner und Giacomo Meyerbeer räsonierte und Baselitz ergänzte, wie eine Abessinierin, die der Fürst von Pückler aus Afrika mitgebracht hatte und wie sie nach kurzer Zeit in Muskau an Lungenentzündung gestorben ist, breitete sich atemlose Spannung im Saal aus. So schön klingt das Gift der Hybris in Die Hugenotten von Meyerbeer. Davon, das die erzählten Geschichten einer Oper anregen, sie sich über den Schluss hinaus weiter zu erzählen, sind Kluge und Baselitz überzeugt, liegt der unschätzbare Wert einer Oper an sich. Das gelte letztlich für jedes künstlerische Werk.

Am letzten Tag der lit.RUHR kamen vor allem die auf ihre Kosten, die sich eine Lesung pur, ohne Kommentare und Moderation, wünschten. Corinna Harfouch und Robert Gwisdek lasen in der weitläufigen Halle 5 der Zeche Zollverein Texte von Franz Kafka. Gutachten und Fallbeschreibungen, die Kafka in seiner Tätigkeit für die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag verfertigte versus seinen literarischen Texte in Auszügen aus Erzählungen und Romanen. Der riesige Haken eines ehemaligen Kranes, der mit dem Hinweis 10.000 kg Tragfähigkeit hoch an der Hallendecke fest verankert ist, baumelte über dem Lesepodium wie ein  metaphorisch umgemünzter Kommentar zu Kafkas aufreibendem Spagat zwischen Brot-Text-Arbeit tagsüber und seinem literarisch ambitionierten Schreiben in der Nacht.

Harfouch und Gwisdek trugen die so unterschiedlichen Texte wechselweise vor. Dadurch wurde deutlich, wie Kafka die Qualen und Gefährdungen insbesondere der Arbeiter, die auf seinem Versicherungstisch landeten, durch literarische Reflexionen letztlich für sich in literarischer Form aufarbeitete. Damit enthob er sie ihres individudellen Kontextes. Aus Versicherungsfällen, so wird nach dieser dialogischen Lesung deutlich, gewann Kafka den Rohstoff für seinen gesellschaftskritischen Literatur-Ton

orinna Harfouch © Peter E. Rytz 2017

Anhand notierter Tagebucheintragungen, die es eigentlich nur deshalb überhaupt noch gibt, weil Max Brod dem Verbennungsedikt von Kafka nicht nachkam und sie für die Nachwelt rettete, kann man heute Kafkas wie von dunklen Mächten getriebenes, unbedingtes Schreiben nachvollziehen. Die Verschollene blieb nach  vier Monaten ununterbrochenem nächtlichen Schreiben trotzdem unvollendet. Schon vom Tode gezeichnet, schrieb er ebenso manisch am Roman Das Schloss weiter, bis der Tod ihn während seines Kuraufenthaltes in Spindlermühle ereilte.

Dass und wie Kafka auch ein exzessiver, zum Teil täglich Antwort von seinen Geliebten auf Zeit  Felice und Milena einfordernder, mahnender Briefschreiber war, brachten Harfouch und Gwisdek nicht duchgängig überzeugend zum Ausdruck. Nicht nur, dass Harfouch ihren Blick nur selten vom Text löste und die Texte gestisch nachdrücklich interpretierte, wirkte sie am Anfang mitunter merkwürdig unkonzentriert.

Robert Gwisdek © Peter E. Rytz 2017

Auch Gwisdek brauchte eine gewisse Zeit, um sich mit Auszügen aus der Erzählung In der Strafkolonie in einen kafkaesken Vorlese-Flow zu bringen. Am Ende sind  Mutter, Corinna Harfouch und Sohn, Robert Gwisdek sichtlich entspannt und nehmen den zustimmenden Applaus mit deutlicher Genugtuung für ihr dialogisch angelegtes Vorlese-Projekt en familie entgegen.

Im Nachhinein kann man die lit.RUHR als Vorprogramm der Buchmesse in Frankfurt am Main ansehen. Frankreich, das  behauptet, dass 91% nach wie vor im Buch lesen, das Partnerland der diesjährigen Buchmesse, schien sich wie ein heimlicher roter Faden durch die lit.RUHR zu ziehen. Et c’était elle, le lit.RUHR.

10.10.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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