Schon der Höhepunkt der Konzertsaison 2017/18 ?

© Hamza Saad

Das Konzert der Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev in der Phil­harmonie Essen setzt für die Konzertsaison 2017/18 hohe Maßstäbe. Möglich, dass es, wie sich vielleicht in der Rückschau erst zeigen wird, schon ein Höhe­punkt, wenn nicht sogar der Höhepunkt.

Am Ende des von den Zuhörern mit atemloser und mit zunehmend staunen­der Spannung – von Ludwig van Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 C-Dur, op. 72 über das Konzert Nr. 4 g-Moll für Klavier und Orchester, op. 40 von Sergej Rachmaninow bis zu Beethovens sogenannter Schicksalssinfonie – ver­folgten Konzerts entlädt sich ein stürmischer Jubel, als würde eine Champag­nerflasche mit lautem Aplomb geöffnet.

Der Konzertabend eröffnet mit Beethovens Leonoren-Ouvertüre in der 3. Fas­sung einer von vier  Ouvertüren-Variante seiner Oper Fidelio. Op. 72 ist dabei weniger Opern affin; sie hat eher die sinfonische Struktur eines Sonatensatzes. Gergiev verbindet melodische Zitate different unabhängig von der Opernkom­position zu einem schon hier prototypischen Münchner-Philharmoniker-Klang. So wie das befreiende Trompetensignal weltentrückt aus dem oberen Wandel­gang ertönt, legt Gergiev Wert auf einen nobel durchscheinenden, kontrastie­renden Klang. Wenn er seine linke Hand unter das Kinn stützt, um orchestralen Largo-Phrasen nachzulauschen, verwandelt er sich für Momente in einen nach­denkenden Dirigenten in der Pose von August Rodins Skulptur Der Denker.

Das folgende Klavierkonzert mit Denis Matsuev endet mit einer Überraschung. Als Zugabe spielt er ein zart flirrendes, filigranes Adagio. Danach ringsum fra­gende Gesichter vor der Pause. Die Nachfrage bei den Bassisten, die die Ersten und die Letzten auf dem Podium sind, was Matsuev gespielt hat, lässt sie auch nur ratlos vermuten: Irgendetwas für Sopran; wahrscheinlich ein unbekannter Komponist; spielt er häufig als Zugabe.

Ganz und gar nicht ratlos oder gar zaghaft interpretiert Matsuev das Rachma­ninow-Klavierkonzert. Er forciert in kongenialer Abstimmung mit Dirigent und Orchester mit rhetorischer Emphase. Schmetternde Tutti des Orchesters versus melancholischer Soli ergeben wechselweise himmelwärts aufbrausende Kraft­akkorde sowie klangschön badende Pianissimi. In der Haltung eines Kla­vier-Hohepriesters lässt Matsuev die Hände auf die Tasten sinken. Sie scheinen dar­über zu schweben und rollen in den höchsten Lagen anmutig mit der nach oben geöffneten rechten Hand.

Vereinigt in kraftvoller Vehemenz stürmen Matsuev und die Münchner Philhar­moniker das finale Allegro vivace, bevor der Staccato-Applaus Matsuev zu je­ner rätselhaften Zugabe bittet.

Die von einem Mythos durchdrungene Beethoven-Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67, mit Schicksalssinfonie apostrophiert, ist nicht nur Teil des Klassik-Kanons der Musikgeschichte, sondern auch außerhalb der Konzertsäle im Alltag präsent.  Eine programmatische Linie – Durch Nacht zum Licht -, ein Ringen mit schick­salhaften Mächten durchzieht die Sinfonie untergründig. So pocht das Schick­sal an die Pforte, wird Beethoven gern zitiert.

Gergiev reduziert die Akzente auf die wesentlichen kompositorischen Elemente. Beginnend mit dem monothematischen Allegro con brio entwickelt er mit den Münchner Philharmonikern einen Klang von fast plakativer Strahlkraft. Eine ly­risch verträumte Oboe behauptet solistisch das Motiv. Fagott und das exzellen­te Münchner Blech, unterstützt von zweimaliger Wiederholung durch das Horn, übersetzten Gergievs Akzentuierungen, das expressive Presto mit einem dezi­dierten Pianissimo zu kontrastieren, in einen stellenweise meditativ inspirieren­den Klang.

Das pochenden Motiv steigert und perlt in Kaskaden. Gergiev dirigiert in tänze­rischer Anmutung con moto. Seiner dirigentischen Auffassung kommt das sehr entgegen. Die rechte Hand mit einem auffällig verkürzten Taktstock betont nicht nur die Einsätze der Instrumentengruppen. Er bewegt seine Finger auf ihm, als ob er jede einzelne Note nachdrücklich betonend akzentuieren würde. Seine linke Hand  durchzucken die Takt-Tempi in grazilen, gleichwohl energisch behauptenden Wellenbewegungen. Wenn das Hauptthema in Achteln figuriert und sich in Zweiunddreißigstel steigert, hat das Auge Mühe, ihm zu folgen.

Das Orchester folgt dagegen den anspruchsvollen Tempi-Steigerungen in har­monischen Verständnis mit Gergiev umstandslos mit tief empfundener Sinn­lichkeit und Ausdruckskraft. Er fordert die Münchner Philharmoniker über­gangslos vom Scherzo ins grenzenlos strahlende C-Dur-Finale.

Das bürgerliche Bildungscredo von Fordern und Fördern findet mit dem Konzert der Münchner Philharmoniker  unter ihrem charismatischen, dabei entspannt uneitelen Chefdirigenten Valery Gergiev in der Philharmonie Essen seine hörbar umfassendste Entsprechung.

24.20.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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