Wenn Zuneigung im Spiel ist

© Peter E. Rytz 2017

Kunstsammlungen erzählen viel über die Sammler selbst. Oft versteckt hinter einem gönnerisch hochmögenden Anspruch von gesellschaftlicher Verantwor­tung. Auch wenn die Sammler Alison und Peter W. Klein  diese Rhetorik bemü­hen, um öffentlich zu erklären, wie und warum sie zum Sammeln gekommen sind, scheint noch etwas anderes im Spiel zu sein.

Die Ausstellung Sammlung Klein im Kunstmuseum Stuttgart (noch bis zum 5.November 2017) deutet es mit ihrem Untertitel an: Über den Umgang mit Menschen, wenn Zuneigung im Spiel ist. Ähnlich Sammlern wie Maria Lucia und Ingo Klöcker aus Bad Homburg (Frauen-Liebe und Leben – Die Sammlung Klöcker im LehmbruckMuseum Duisburg vom 18.04.2013, hier veröffentlicht) oder Hubert Looser aus Zürich im Museum Folkwang (Sammlung Looser. Dia­loge – Mehr als nur ein Versprechen für die Zukunft vom 31.05.2016, hier ver­öffentlicht) stehen sie in der Folge einer dezidierten Selbstverpflichtung von er­folgreichen Unternehmern. Nach dem Ende wirtschaftlicher Tätigkeiten sowie mit dem Verkauf ihrer Unternehmen eignen sie sich neue Tätigkeits- und Enga­gementfelder an.  

Peter Klein bekennt freimütig: Erst durch die Kunst bin ich wieder Mensch ge­worden. Geprägt von wirtschaftlichen Effektivitätsdenken, verstärkt durch eine pietistische Grundhaltung – beten und arbeiten -, gelingt es im besten der Fälle bisherige unternehmerische Kreativität in eine sammlerische neu zu entwi­ckeln.

Dass sich private Kunstsammlungen bei allem Wohlwollen, Bilder in öffentli­chen Ausstellungsräumen zu sehen, die ein interessiertes Publikum sonst kaum zu Gesicht bekommt, gleichzeitig auch mit kritischen Fragen konfrontiert se­hen, hat ernsthafte Argumente. Der Vorwurf ist ein doppelter. Durch die Prä­sentation von privaten Sammlungen in mit öffentlichen Mitteln geförderten Kunstmuseen würden sie ihren Wert auf dem Kunstmarkt steigern. Gewisser­maßen zum Nulltarif. Die Museen ihrerseits schmückten sich mit Werke und Sammlungen, die sie selbst gern hätten. Ein häufig kaum vorhandener An­kaufsetat macht das allerdings so gut wie unmöglich, den Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Wie mit einem solchen Dilemma umgehen?

Jede neue Ausstellung muss deshalb diese Frage immer wieder neu stellen. Sie  beantwortet sich letztlich durch die Persönlichkeit des Sammlers sowie sein Bekenntnis zur Kunst. Hilmar Hoffmanns Forderung Kunst für Alle aus den 1980ger Jahren, verstanden als Ausdruck von Demokratie, hat seine Gültigkeit bis heute nicht verloren. Wer so fokussiert durch die Sammlung Klein in Stutt­gart geht, wird etwas von der kreativen Energie in den ausgestellten Werken spüren, aus der eine demokratische Gesellschaft ihre gestalterische Kraft zieht.

Malerische Struktur, emotionale Aufladung und sozial-politische Botschaft sind Klein, wie er zu Video-Protokoll gibt, wesentliche Gesichtspunkte, die seiner Sammlungsneigung zugrunde liegen. Es fällt dabei auf, dass in der Ausstellung neben Anselm Kiefer, Sean Scully oder Gotthard Graubner, die mit ihren Arbei­ten inzwischen Teil des Kanons der Kunstgeschichte sind, Arbeiten zu sehen sind, wie beispielsweise von Gottfried Helnwein, Annette Kelm oder Thomas Müller, die weniger in Ausstellungen zu sehen sind. Sie stellen sich den Besuchern in den Weg, verlangen von ihm eine reflektierte Aufmerksamkeit, sie sich nicht unbedingt auf eine (ab)geklärte Kritik berufen kann.

Eine Herausforderung, sich als viel zitierter mündiger Bürger eine eigenen Mei­nung zu bilden. Sehen, wahrnehmen, reflektieren sind leichter geschrieben als getan. Arbeiten, die zudem mit ohne Titel/untitled  bezeichnet sind – Karin Kneffels geometrisch fragmentierte Urbanität (2008); Michael Wutzs apokalyp­tisch anmutendes Landschaftsaquarell (2013); Jürgen Klaukes schablonierte Gouachen (1990) – kann man wie Auforderungen ansehen, sich mit Phantasie auf assoziationsreiche Expeditionen in die eigenen Lebenswirklichkeit zu begeben.

Angesichts von Kohei Yoshiyukis Fotografien von nächtlichen Liebesspielen in einem Tokioter Park, in den 1970ger Jahren enstanden, verbinden sich unwill­kürlich mit der Optik des Filmklassiker Blow Up von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1966.

Die Arbeiten von Markus Oehlen geben ein instruktives Beispiel dafür, wie sich Gestus und Motivation künstlerischer Ausdrucksformen im Laufe der Jahre auf dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Strukturen selbst verändern. Panta rhei: Aufbrausend aktiv rebelliert er in den 1980ger Jahren als neuer Wilder gegen konservativ erstarrte Konventionen, um sich mehr als 30 jahre später mit den künstlerischen Dimensionen einer alle Lebensbereiche umfas­senden Digitalisierung auseinanderzusetzen (Positive Paining – Dark Vision #1, 2014).  

Am Ende des Rundgangs verlässt man die Sammlung Klein mit dem Gefühl, als wäre man ein Stück durch die eigene Geschichte gegangen. Schade, dass exit (2006) von Brigitte Kowanz, die auf der 57. Biennale in Venedig Österreich vertreten hat, im Katalog keine Erwähnung gefunden hat.

28.10.2017
photo streaming Sammlung Klein

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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