Schwergewichtiges Jazzfest Berlin

Tyshawn Sorey & Gebhard Ullmann © Peter E. Rytz 2017

Als Richard Williams vor drei Jahren zum künstlerischem Leiter des Jazzfestes Berlin berufen wurde, gab es viele Fragezeichen. Bekannt als exzellenter Ken­ner und Kritiker des Jazz, hatte er bis dato noch nie ein Jazzfestival geleitet. Mit dem Jazzfest Berlin 2017 endete seine Intendanz mit viel Lob und Anerken­nung der Experten. Mit jedem Jahr stieg auch die Zustimmung des zahlenden Publikums.

Viele Musiker fühlten sich bei ihm gut aufgehoben. Sein Geschick, Musiker, die bisher kaum oder überhaupt nicht zusammen gespielt hatten, zusammen zu bringen, sie zu motivieren, neue Klangräume zu erkunden, zahlte sich aus. Williams geht es dabei um mehr als nur um Musik. Sein konzeptioneller Fokus, Jazz als Chance zu begreifen, um Gemeinschaft zu stiften, ist gesellschaftlich ambitioniert. In einer Welt, in der tagtäglich Mauern errichtet und Grenzen be­festigt werden, ruft uns der Jazz eine ganz simple Tatsache in Erinnerung: Of­fenheit und Inklusion sind die beste Basis für ein Zusammenleben von Men­schen und für Gesellschaften insgesamt.

Mit einem Artist-in-Residence-Programm hat sich Williams  2017 im 54. Jahr innovativ in die Geschichte des Jazzfestes Berlin eingeschrieben. Mit dem New Yorker Schlagzeuger, Pianisten, Bandleader und Komponisten Tyshawn Sorey prägte ein Schwergewicht das Festival-Programm. Soreys unübersehbare kör­perliche Präsenz korrelierte mit einer beeindruckenden improvisatorischen Do­minanz im Zusammenspiel mit ganz unterschiedlichen Musikern. An nicht we­niger als vier Konzertabenden trat Sorey auf. Jedes Mal in sehr unterschiedli­chen Kontexten gaben sie einen stupend nachhaltigen Eindruck einer sich in selbstdynamischer Verve entwickelnden Gestaltungskraft des artist of resi­dence.   

Im Programmheft wird das Wall Street Journal bemüht, das Sorey als einen Komponisten der radikalen und scheinbar unerschöpflichen Ideen bezeichnet. Im Trio-Konzert mit Cory Smythe (p) und Chris Tordini (b) öffnet er seine mu­sikalisches Ideen-Reservoir. Zeitgenössische Kompositionen sind ihm Dispositio­nen, die er facettenreich dekliniert, sie gleichsam als Sound-Vorrat für seine eigenen Expositionen nutzt.

Sorey und Tordini sind anderntags im Preisträgerkonzert mit Angelika Niescier, der Preisträgerin des Albert-Mangelsdorff-Preises (Deutscher Jazzpreis) mehr als nur stilsichere Sidemen. Niesciers extemporiert phrasierendes, tonal kraft­volles Saxophonspiel, mit dem sie seit Jahren die Jazzszene mit immer wieder aufmischt und Breschen in bekannte Lines schlägt, erweitern sie mit musikali­schen Ausritten auf Nebenwegen zu einem Niescier-Original der besonderen Art.

Das mitternächtliche Konzert auf der intimen Seitenbühne des Festspielhauses von Sorey zusammen mit Gebhard Ullmann (sax,bcl) unterstrich in überzeu­gend improvisatorischer Furor Williams‘ konstruktive Zusammenführungsstra­tegie. Noch nie vorher zusammen auf einer Bühne, modulierten sie feinziselier­te Klangräume. Das Konzert schlug indirekt auch noch eine interessante Brü­cke zum frühabendlichen Preisträgerkonzert. Ullmann, als Musiker selbst Preis­träger des 1. Jazzpreis Berlin 2017, steht beispielhaft für eine Jazz-Überzeu­gung, die nicht selbstverständlich ist.  Als Jurymitglied des Deutschen Jazzprei­ses an Angelika Nescier übernimmt er auch in Verbandsstrukturen Verantwortung. Eine Engagement, dass nicht hoch genug zu bewerten ist.

Am Schlußtag des Festivals zeigte Sorey noch eine weitere Seite seiner inspi­rierenden Improvisationskunst. Sein Dirigat einer Gruppe von jungen Berliner Musikern konnte man als nonkonforme Praxis  erleben. Die Methode, die Danie­la Veronesi als Mitherausgeberin des Lehrwerks The Art of Conduction, des legendären Lawrence D. Butch Morris in einer dem Konzert voran vorstellten Buchpräsentation erläuterte, übernahm Sorey strukturell auf sehr eigenwillige  Art und Weise. Er gab mit in die Höhe gehaltenen, weißen (beschrifteten?) Zetteln den einzelnen Musikern, respektive Instrumentalgruppen Einsatzzeichen. Tempi und Ausdruck vermittelte er mit zwei Taktstöcke, die sich in unkonventio­neller Anmutung wie eine Kommunikation mit Geheimzeichen aus­nahmen.

Neben dem omnipräsenten Sorey setzte Williams mit Bigband-Konzerten auf einen kollektiven Klang. Die Ergebnisse waren qualitativ allerdings sehr unter­schiedlich. Die NDR Bigband malte als Geir Lysne’s Abstracts of Norway musika­lische Landschaft Skandinaviens mit lyrischer Lauterkeit. Solveig Slettahjells Mezzo grundierten Gesang verwandelte Lysne mit der dezenten Wucht des Big­band-Klangvolumens zu raunendem Melos. Christof Lauer (sax) und Claus Stötter (tp) markierten mit ihren Soli enervierende Einwürfe. Mit ihren Zäsu­ren, die wie Generalpausen funktionierten, leiteten sie den Sound in sich stetig weiter verzweigende Fahrwasser zu neuen Klanginseln.

Weniger überzeugend dagegen der Auftritt von John Baisley’s MONK’estra zum Abschluss des Festivals. Die programmatisch apostrophierte Hommage á Thelonius Monk versprach mehr als sie musikalisch letztlich hielt. Von Baisley, professionell wettergehärtet zwischen Jazz, Pop- und Filmusik, arran­giert und von der Bigband straight ahead musiziert, fehlte dem Ganze irgend­wie der besondere Glanz.

Beim Konzert von Nels Cline Lovers traute man seinen Ohren nicht. Als Liebes-Projekt angekündigt, mit dem sich Nels Cline angeblich seit Jahrzehnten be­schäftigte, erschreckte durch einen nervenden, seelenlosen Sound-Blast. Was sich Williams bei dieser Programmbesetzung gedacht hat, muss unverständlich bleiben.

Unverzichtbar für jedes Musikfestival – und da macht auch das Jazzfest Berlin 2017 keine Ausnahme – sind die Zugpferde, die mit ihrem Namen garantierte Publikumsmagnete sind. Michael Wollny (p), Ambrose Akinmusire (tp) sowie die Schwestern Ingrid (tp) und Christine Jensen (sax), so unterschiedlich nach Temperament und Alter sie auch sind, stehen für eine Musik, die, mit Jazz bezeichnet, für eine Lebenshaltung steht, die über die Musik hinaus reicht.

Nathaniel Facey (sax), Lewis Wright (vib), Tom Farmer (b) und Shaney Forbes (dr) sind mit ihrer Band Emprical dafür ein symbolisches Beispiel. Mit jugendlichem Überschwang, gepaart mit Mut zum Experiment, haben sie in Berlin nicht nur an drei Tagen die Öffentlichkeit jenseits der Konzertbühne gesucht, sondern haben mit ihrem erfrischend lebendigen Konzert ein jazziges Zukunftszeichen gesetzt.

13.11.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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