Die Augen der Käthe Augenstein

Käthe Augenstein Der Maler Max Liebermann sitzend, um 1930 © Stadtarchiv Bonn

Im Garten der Liebermann-Villa Berlin  lädt der Herbst zum Träumen ein. Wie ein Zauber mischen sich Liebermanns Bilder und die Gartenwirklichkeit 100 Jahre später zu einem Wechselspiel von Licht und Farben. Eine seltene Gele­genheit an diesem außergewöhnlichen Ort am Wannsee, wo es an warmen und sonnigen Tagen viele Menschen hierher zieht, um dem Geist von Liebermanns Malerei nahe zu kommen.

Im Foyer des Hauses erinnert eine Dokumentation an seine wechselvolle Ge­schichte. Dabei schlägt sie auf überraschende Weise mit der Rekonstruktion Bildern aus Liebermanns Sammlung eine Brücke zu der Manet-Ausstellung im Von der Heydt-Museum Wuppertal. Möglicherweise handelt es sich bei einer Strandszene mit Reiter dabei um Amazone, ein Aquarell mit Bleistift auf Papier,  1875/76 von Manet

Beglückend in jedem Fall für den Ausstellungsbesucher, solche Verbindungslini­en der Kunst zu entdecken. Auch gerade dann, wenn sie, wie in der aktuellen Ausstellung in der Liebermann-Villa  mit Käthe Augenstein – Fotografien, un­terschiedliche künstlerische Ausdrucksformen auf überraschende Weise verbin­det. Mit Augenstein sind Arbeiten einer der wenigen Pressefotografinnen der 1920/30ger Jahre zu sehen, die erst vor wenigen Jahren Sabine Krell wieder­entdeckt hat. Seit 1998 liegt Augensteins umfangreiche fotografische Samm­lung im Stadtarchiv Bonn und schien nur darauf zu warten, wieder ans Tages­licht gebracht zu werden. Jetzt sind sie noch bis zum 12.02.2018 am Wannsee zu sehen.

Augensteins Fotografien liest sich vor allem mit ihren Portraits wie ein Bildatlas der deutschen Geschichte vor und nach dem 2. Weltkrieg. Geboren 1899 in Bonn, absolviert sie dort eine erste eine fotografische Grundausbildung, die sie mit dem Umzug nach Berlin in der Photographischen Lehranstalt des Lette-Ver­eins professionell vollendet. Im Berlin jener Jahre findet sie Zugang zu den künstlerischen Zirkeln, die späterhin als die Avantgarde in die Kunstgeschichte eingegangen sind.

Viele von ihnen haben sich von ihr ablichten lassen. Neben Aufnahmen der neuen, selbstbewussten Frau in androgyner Anmutung haben sich auch Be­rühmtheit wie der Schriftsteller Thomas Mann (1932) oder der Maler Otto Dix (1930) von ihr ablichten lassen. Zusammen mit den Portraitstudien des hoch­betagten Max Liebermann wenige Jahre vor seinem Tod legen sie Zeugnis von Augensteins empathischer Sensibilität, den Charakter, die innere Welt der por­traitierten Person zu zeigen. Ihren Name kann man in diesem Zusammenhang pro­grammatisch übersetzen. Voraussetzung für eine gelungene, ausdrucksstarke Fotografie scheint ein Auge zu sein, das den entscheidenden Moment vorab schon an­tizipiert, bevor der Auslöser gedrückt wird.

Für Augenstein wurde die pulsierende, exzessiv Lebensfreude atmende Metro­pole Berlin zu dem Ort, der ihre Kreativität beflügelte, wie sie sie nach 1945 mit ihrer Rückkehr nach Bonn nicht mehr entzünden konnte. Neuanfang und Aufbruch finden nur noch vereinzelt, wie beispielsweise mit dem Portrait von Maximilian Schell (1955) oder dem der Argentinierin um 1957, einen künstleri­schen Ausdruck, mit dem die bildenden Künste der Maler und Literaten ihre Wege in die Zukunft suchten. In Damenportrait, Berlin, um 1930 im Vergleich mit Damenportrait, Bonn um 1958 zeigt sich noch am deutlichsten, wie ihre innovative, fotografische Gestaltungskraft den Bildatlas der Zeitgeschichte mit geprägt hat.

Ein realtiv kleiner Ausstellungsraum versteht sich konzeptionell als Ausstel­lungsauftakt und lädt mit einem Stuhl zum Verweilen ein. Umrahmt von Lie­bermanns Leinwand, Käthe und Maria Ritzler (1900), von einer Schwarz-Weiß-Kopie von Matha Liebermann (1930) sowie von fünf Foto-Abzügen einer Por­traitserie von Augenstein (die  Negative sind verlorenen gegangen) mit den schaffenden Händen (Liebermann zeichnend, um 1932), scheint die Zeit für ei­nen Moment wie in einem Film vorbei zu ziehen.

Der abschließenden Spaziergang durch den Garten belichtet die vergangene Zeit so, als würde sie mit Käthe Augensteins Fotografien für einen Moment wie­dergekehrt sein.

21.11.2017  

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Über Peter E. Rytz Review

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