Bravi per Cecilia & Sol

Foto: Esther Haase

Es knistert voller Hochspannung in der Philharmonie Essen. Das Podium, in sanftes Kerzenlicht getaucht, wird für die nächsten fast drei Stunden zum Schauplatz eines musikalischen Duell-Feuerwerks. Dolce Duello heißt das neueste Projekt der italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli und der argentinische Cellistin Sol Gabetta.  Gemeinsam mit der von Sol Gabettas Bruder Andrés geleiteten Cappella Gabetta wettstreiten Stimme und Cello um den Sieg des schönen Klangs.

Dass Cecilia Bartoli und Sol Gabetta, charismatisch faszinierend wie extravagant präsent zugleich, zu den hoch verehrten Lieblingsfavoriten des Publikums zählen, zeigt sich schon nach der zweiten Arie. Tomaso Albinoni, einer der wichtigsten  Opernkomponisten des beginnnenden 18. Jahrhunderts, hat mit Aure, andante e baciate des Zefiro aus Il nascimento dell‘Auroa  eine Arie komponiert, die der Bartoli wie maßgeschneidert passt. Mit Temperament und Sentiment lässt sie ihre Stimme triumphieren: Oh Winde, fliegt davon und küsst Auroas göttlichen Fuß. Wie von Engelsflügeln getragen, treibt ihr irrisierend girrender Gesang den Wind in Auroras Schoß.

Ein Herr, der ihr als Erster Blumen überreicht, genießt den außergewöhnlichen Vorzug, von Cecilia Bartoli umarmt zu werden. Die im Verlaufe des Abends immer zahlreicher werdenden Blumenverehrer müssen sich dagegen mit herzlichen Gesten des Dankes zufrieden geben.

Begonnen hat das Konzert mit der Ouvertüre der Oper Il ciro riconosciuto von Johann Adolf Hasse, mit der die Capella Gabetta einen Auftakt entbietet, der mit einem verrutschten Ton des Blechs erst einmal skeptisch macht. Wie auch Cecilia Bartoli, die mit ihrer Einstandsarie Fortuna e speranza von Antonio Caldara mit melancholisch zurückhaltender Distanz erst einmal ihre Stimme justiert, um danach fulminant mit Grandezza die Zuhörer in wahre Höhenräusche mitzunehmen, überzeugt die Capella Gabetta sowohl als dynamisch und sensibel reagierende  Liedbegeleiterin wie als Kammerorchester.

Bei Caldara ist das erste Mal zu hören, wie die einzelnen Instrumente mit solistischen Zäsuren und Dialogen dazu beitragen, eine orchestrale Klangfarbigkeit zu malen. Findet hier die Viola (Ernest Braucher) mit Sol Gabettas Cello, das in der Haltung des Instruments eher einer Viola da Gamba ähnelt, eine fein geschliffenen Resonanz, so betont der zart verhaltende  Klang der Theorbe (Eduardo Egüez) den tragisch seufzenden Melos von Domenico Gabriellis  Arie Aure voi, de‘ miei sospieri. In ihm lässt Cecilia Bartoli sie, die Seufzer (sospieri), zum Orchester hingewendet, matt wie aus weiter Ferne klagen.

Teile des Publikums scheinen allerdings weniger Bereitschaft und Muße zu haben, sich auf einen sinfonischen Programmteil einzulassen. Nach der Pause findet die Capella Gabetta für das Konzert Nr. 10 D-Dur für Violincello und Orchester, G 483 von Luigi Boccherini mit der fabelhaften Sol Gabetta eine charmant einschmeichelnde Tonsprache. Sol Gabetta spielt virtuos mit ausdruckstark betonten Bögen melodisch eindringlich und beredt. Ihre Kadenz des 2. Satz Andante lentarello,  die mit spielerischer Luzidität die Tempobe-zeichnung leicht locker schreitend in einen assoziierten Klang übersetzt, endet in einem anhaltenden Jubel. Erst nach einer längeren Atempause kann das Boccherini-Konzert zu Ende gespielt werden. Es mutet an, als ob das Publikum unverzüglich die Bartoli wieder auf die Bühne zurück klatschen wolle.

Mit zwei Bravourarien von Georg Friedrich HändelLascia la spina – und von Hermann Raupach – O placido il mare – vor der Pause überwältigt Cecilia Bartoli das Publikum in überirdischer Klangschönheit. Guttural mit kämpferischer Pose beschwört sie sua colpa non é (seine Schuld ist es nicht) mit ihrem Mezzosopran einen Raupach-Klangraum, der zu schweben scheint. Bei Händel pflückt sie mit ihrem wie den eines verträumten, unschuldigen Kindes anmutenden Gesang die Rosen, negiert die Stacheln der Dornen – Lascia la spina, cogli la rosa – und vertraut mit eindrucksvoll wiederholtem Lascia auf das Herz.

Neben der unvergleichlichen Bartoli versteckt sich Sol Gabetta keinesfalls. Sie führen Duelle mit einer emotionalen Zugeneigtheit, die keine Kampfansagen, sondern Liebesangebote sind. Sie umkreisen und nähern sich in rhythmisch wiegender Anmut in von Generalpausen markierten Linien und finden sich in barocken, farbig schillernden Klangpunkten zusammen.

Dass das Programmheft nach der Pause nur noch eine Arie mit der Bartoli vorsieht, erweist sich umgehend als Makulatur. In Se d’un amor tiranno bilanziert Boccherini die Liebe als einen Balanceakt von Tyrannei und Schmeichelei. Bartoli lässt Boccherinis Hoffnungsschimmer leuchten und gibt gleichzeitig das Signal: Das Ende ist noch nicht das Ende. Schließlich sind es vier Zugaben, bevor Bartoli und Gabetta ihr Dolce Duello in einem Meer von Blumen beenden.

26.11.2017

 

 

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Über Peter E. Rytz Review

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