Kluges kluges Pluriversum

Alexander Kluge © Peter E. Rytz 2017

Alexander Kluge  ist zur Zeit auf allen medialen Kanälen präsent. Im Museum Folkwang Essen entfaltet der Grandseigneur der Kunst als Literat, als Geschichtener­zähler und als Filmer sein Pluriversum (noch bis 07.01.2018) mit der Vorgabe: Die Vernunft ist ein Balance-Tier. Im Württembergischen Kunstverein Stuttgart entführt er die Besucher in seine Gärten der Kooperation (noch bis 14.01.2018).

Begleitet werden die Ausstellungen in Essen durch Vorträge und Gespräche; das Stuttgarter Eröffnungswochenende ist von einem Workshop mit ihm prägt. Die erzählende Gesellschaft, ist Kluge überzeugt, findet Lösungen. So würden sich beispielsweise Ressentiments gegenüber und Ausgrenzung von anderen, schaute man genauer hin, als Mittelstandslaster mit Selbstmitleidspotential offenbaren.

Während der lit.Ruhr in Essen wenige Tage früher führen Kluge und der Maler Georg Baselitz ein facettenreich mäandrierendes Gespräch über die inspirative Kraft des charismatischen japanischen Malers Hokusai (um 1800). Indem sie gegenseitig auf ihre Arbeiten verweisen, setzen sie veschiedenene Perspektiven ihres künstlerischen Arbeitsverständnisses in Bezug. Sie sensibilisieren mit assoziationsreichen Instinkt  letztlich für den von Kluge ausgelegten Pluriversum-Faden: Im Rausch der Arbeit (Voilà, Lit.Ruhr vom 10.10.2017, hier veröffentlicht).

Mit seinen in den 1960ger Jahren kreierten Ton-Film-Collagen markiert er anschaulich mit einem archäologisch inspiriertem Arbeitsverständnis des Grabens immer wieder Bifurkationen, Scheidewege, Wegkreuze der Geschichte. Er befragt die historische Vergangenheit, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn sie an der Weggabelung eine andere Richtung eingeschlagen hättte.

Kluge umkreist und leuchtet politische, kulturelle, künstlerische und soziale Kontexte wie in einem Gesamtkunstwerk, genannt das Leben, aus. Im Vertrauen auf die Orientierungskraft der Sterne am Himmel navigiert er mit der Klugheit eines antiken Sehers die Leser seiner Schriften seit fast sechs Jahrzehnten und jetzt die Ausstellungsbesucher in Essen und Stuttgart durch sein Pluriversum.

Sich in Kluges bibliografischen Kosmos, in seinem Garten poetischer, philosophischer sowie kultureller Assoziationen zu begeben, ist ein kognitivies wie emotionales Abenteuer zugleich. Man wird von seinen reflexiv kreisenden Betrachtungen zu dem, was die Welt im Innersten und Äußersten, im Kleinen wie im Großen zusammenhält, mit einer geradezu magischen Kraft sanft aber fast zwangsläufig überwältigt.

Wer sich auf Kluge einlässt, sollte wissen, was er tut. Demjenigen, der sich auf Kluges Erkundungen jenseits marktökonomischer Maßzahlen einlässt, stellen sich unweigerlich Fragen nach der eigenen Sozialität und Kultur. Sie zu beantworten, kann einerseits angesichts der eigenen Kleinheit von Gedanken, Ideen und Lebenspraxis sowohl resignativ ernüchtern, andererseits aber auch optimistisch ermuntern, andere, neue, vielleicht ungewöhnliche, bisher ungewohnte Optionen eines gelingendes Lebens zu erwägen und zu zulassen.

Kluge be- und verhandelt gesellschaftliche Tatbestände sowie ihre politischen Konsequenzen frei von ideologischer Indoktrination. Mit einer logischen Stringenz, die konsequent und messerscharf analysiert, zieht er Linien von antiken Staatsformen, ihren Kulturen, ihren Künsten bis ins Hier und Heute.  Bezugnehmend auf eine ontologische Praxis, die auf der Schönheit des Lebens trotz allen Grausamkeiten, die sich Menschen angetan haben und immer noch antun, beharrt, eröffnen die von ihm gepflegten Gärten der Kooperation neue Perspektiven. Sein Pluriversum ist eine anschaulicher Konstruktionsentwurf von Erzählungen von der Lebenskunst, sich zu dem Grundgedanken des Humanen zu versichern, lernen, sich zu beherrschen und nicht andere mit seiner Meinung zu beherrschen wollen.

Der Friedrich Nietzsche zugeschriebene Aphorismus – Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum – kann für Kluges Werk insofern als essenziell gelten, da er auf der poetischen Kraft der Kunst vertraut. An jedem Punkt der Ausstellungen in Essen und Stuttgart ist das unmittelbar zu spüren.

Auf welchem Weg sich Kluges Beobachtungen, Betrachtungen und Reflexionen letztlich in seinen Ton-Film-Collagen zu einen manifesten Ausdruck gestalten, kann an einem in der FAZ veröffentlichten Gespräch zwischen Kluge und einem der einflussreichsten Theoretikern am Schnittpunkt von Kunstgeschichte, Philosophie und Kulturwissenschaft Georges Didi-Hubermann demonstriert werden. Es zeigt exemplarisch Kluges kreisend reflektierende Arbeitsweise.

Immanuel Kants Credo – Sapere aude, Wage es zu wissen; wage es, dich deines Verstandes zu bedienen –, das sich Kluge zu eigen macht, kontrastiert Didi-Hubermann mit Georges Batailles Gegensatz – Wagen, es nicht zu wissen. Widersprüchlichkeiten in ihre Facetten aufzusplittern, sie delektierend im nächsten Schritt zu dialektisieren, es aber nicht bei der vergleichenden Feststellung einer gewissen Naivität in Friedlich Höldernlins Gedichten zu belassen, sondern naiv als semantisches Zeichen mit nativ weiterzudenken, folgt einem philosophischen Denken, von dem Carl-Friedrich von Weiszäcker einmal gesagt hat, dass Philosophie ihrem Grunde nach vor allem ein Weiterdenken sei.

Kluges Kosmos des Denken und Konstruierens von Zusammenhängen, die unser So-Sein in der Gesellschaft im Hier und Heute bestimmen, ist universell und reicht gleichzeitig weit darüber hinaus. Der Essener Ausstellungstitel Pluriversum ist deshalb keine kosmologische Allmachtsphantasie-Attitüde , sondern das Aufblättern einer Vielzahl von Anwortmöglichkeiten auf die Frage, was uns in der Sozialgemeinschaft zusammenhält: Die Utopie wird immer besser, während wir auf sie warten.

Wer Kluge dabei folgt, wird wenigstens klüger. Fast ist man geneigt zu sagen, wer Kluge  heißt, spürte wohl von Anfang eine unausgesprochene Verpflichtung, seinem Namen alle Ehre zu machen. Dass der Name einen klugen Kopf per se impliziere, mag man für eine überstrapazierte Metapher halten. Allerdings spricht nichts dagegen und sollte niemand davon abhalten, in und mit Kluges Puriversum klüger zu werden. Dazu bieten die Ausstellungen und der vielfache journalistische Widerhall in den Medien derzeit eine große Chance.

28.11.2017
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Über Peter E. Rytz Review

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