Lieder des Tages – Blumen der Nacht: Ein Liederabend zum 200. Geburtstag von Theodor Storm

Marius Felix Lange und Christian Demandt (Theodor-Storm-Gesellschaft, Husum) © Peter E. Rytz 2017

Das Jahr 2017 ist das Jahr großer Jubiläen. Vor 500 Jahren schlug Martin Luther seine reformistischen Thesen an die Wittenberger Schlosskirche. Sie lösten eine Zeitenwende aus, die über den unmittelbaren religiösen Kontext hinaus auch bisherige gesellschaftliche Zuverlässigkeiten infrage stellte, wie sie von der russischen Oktoberrevolution vor 100 Jahren mit der, wie sich zeigte, unerfüllt bleibenden Verheißung einer gerechteren Welt gewaltsam fortgeschrieben wurde.

Dass wiederum vor 200 Jahren der Dichter Theodor Storm in Husum geboren wurde, der ein Werk in einer  gleichfalls – wenn auch sanfteren – von romantischen Idealen geprägten Zeit revolutionärer Umbrüche schuf, findet angesichts des heroisch dimensionierten Gedenkmarathons in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Aufmerksamkeit.

Aus Husum musste Storm aufgrund der dänischen Besetzung Schleswigs und Holsteins um 1860 nach Potsdam und Bad Heiligenstadt fliehen. Fern seiner geliebten Grauen Stadt am Meer zeugen insbesondere seine Gedichte von der Liebe zur Husumer Landschaft. Storms Lyrik ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Leben, als wäre sie in Musik geschrieben.

Den Brüdern Lange, dem Komponisten Marius Felix und dem Pianisten Manuel, ist zu verdanken, dass sie mit einem Liederabend zum 200. Geburtstag von Theodor Storm in der Landesvertretung Schleswig-Holstein in Berlin einen angemessenen Raum und einen aufgeschlossenen Gastgeber für dieses Storm-Gedenken gefunden haben. Mit dem ausdrucksvoll interpretierenden und gestisch engagiert singenden Bariton Sebastian Noack haben sie zudem einen Partner verpflichtet, der den vertonten Storm-Gedichten sowohl in ihrem melancholischen als auch programmatischen Ausdruck sensibel nachspürt.

Sebastian Noack © Peter E. Rytz 2017

Storms Gedichte besitzen eine Rhythmik in Form und Ausdruck, die verschiedene Komponisten inspiriert hat, sie zu vertonen. Es fällt dabei auf, dass es mit Ausnahme von Johannes Brahms vor allem Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts sind, die das Programm des Liederabends bestimmen. Neben weniger bekannten wie Gustav Jenner, Franz Schreker und Hermann Reutter finden sich unter ihnen mit Othmar Schoeck, Max Reger, Alexander von Zemlinsky und Alban Berg Komponisten, die kanonisierte Vertreter der Avantgarde einer neuen Musik sind.

Als Kunstlied in seiner neoromantischen, expressiven Grundierung ist dieses Genre den Storm-Gedichten auf wunderbare Weise adäquat. Nur noch einmal rückwärts seh’n, stimmt Schoeck eine melancholische Leidenschaft an, die Jenner mit dem  Auftakt von Noch einmal fällt in meinen Schoß mit Aplomb unterstreicht. Während bei von Zemlinskys Lieder-Opus Geflüster der Nacht das Klavier von Manuel Lange mit Noacks Gesang gleichsam flüstert und sprudelt, verlebendigt Reutters Werk Die Stadt als Hommage eine dezidierte Husum-Ode.

Diesem 20. Jahrhundert-Kunstlied-Klang fühlt sich Marius Felix Lange zuerst in Respekt verpflichtet. Seine Kompositionen nach Storms Gedichten Abseits und Oktoberlied folgen mit impressionistischem Furor den ersten Versen Es ist so still; die Heide liegt/Im warmen Mittagssonnenstrahle sowie Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! mit feinfühliger Empathie für Storms lyrische Leidenschaft. Das Klavier skizziert mit unprätenziös gesetzten Akkorden einen Bild-Klang-Raum, bevor Noacks Bariton ihn wie mit einem ausgreifenden Wanderschritt ausmisst.

Friedrich Nietzsches Gedicht Vereinsamt – vielfach als aphoristische Replik zwischen optimistischem Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat! und dem dunkel Dräuenden Weh dem, der keine Heimat hat! gebraucht und missbraucht – gewinnt Marius Felix Lange eine eigene musikalische Großartigkeit ab. Seine Komposition spürt Nietzsches Über-Ich in seiner Übermenschen-Apotheose nach, ohne ihn zu verklären.

Dass Marius Felix Lange ein Komponist des 21. Jahrhunderts ist, der das Instrument Klavier in seiner Klangfülle über die Klaviatur hinaus erkundet und es kompositorisch in Wert setzt, wird in Gottfried Kellers Gedichtvertonung Die öffentlichen Verleumder eindrücklich hörbar. Manuel Lange greift mit den Händen in den Konzertflügel und reißt einzelne Klaviersaiten dezent an. Der so entstandene  Tonraum wird vom Klavierspiel zu einem Klang extemporiert, der Kellers öffentlichen Verleumder demaskiert: Ein Ungeziefer ruht/In Staub und trocknem Schlamme/Verborgen, wie die Flamme/In leichter Asche tut. 

Der Liederabend bestätigt, wovon Marius Felix Lange überzeugt ist: Storms Gedichte zeigen, wie modern seine Lyrik ist. Das Publikum dankt mit anhaltendem Beifall – die Lange-Brüder haben dafür gesorgt, dass Theodor Storms auch in Berlin gebührend mit musikalischer Überzeugungskraft gedacht wird.

05.12.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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