Bitterböser Domestiken-Zoff

Samuel Finzi – Claire
Wolfram Koch – Solange
Fotograf: Arno Declair

Vor 70 Jahren uraufgeführt, über Jahrzehnte begleitet von Pornografie-Vorwür­fen, gehören Die Zofen von Jean Genet inzwischen zum festen Repertoire des Theaters. Am Deutschen Theater Berlin zuletzt 2004 aufgeführt, unternimmt  jetzt (Premiere: 02.12.2017) Ivan Panteleev auf der von Johannes Schütz mi­nimalistisch möblierten Bühne einen erneuten Versuch, dem Phänomen Genet beizukommen.

Jean Genet, 1910 geboren, hat die ersten 30 Jahre wechselweise auf der Stra­sse, im Gefängnis sowie in der Fremdenlegion zugebracht. Schon als Kind unbe­aufsichtigt sich selbst überlassen, frühzeitig in den Dschungel, in das kriminelle Milieu von Paris geworfen, begann seine Odyssee durch mehrere Länder. Am Ende standen Ausweisungen aus fünf Ländern zu Buche.

Rettung wurde ihm das Schreiben. Dort, wo es am Unwahrscheinlichsten schien, fand er im Schreiben Rettung. Schreibend zu sich selbst kommen, hat er es in seinem Tagebuch eines Diebes formuliert: Durch Schreiben habe ich erlangt, was ich suchte.

In Die Zofen – sowie in seinen Dramen generell – ist das Thema, was er selbst erfahren hat. Erfahrungen des Ausgestoßen-Seins, des an den Rand der Ge­sellschaft Gedrängten und Gedemütigten.

Die Zofen, Claire und Solange im Dienst der gnädigen Frau, über Jahre von ihr als dienstbare Domestiken behandelt, wollen sich von dieser Herrschaft be­freien. Sie beschließen, sie umbringen. Durch eine anonyme Anzeige haben sie den gnädigen Herrn ins Gefängnis gebracht. Aus dem er aber letztlich wieder entlassen und durch die voraussehbare Aufdeckung des Schwestern-Komplotts zur Gefahr für sie selbst wird.

In Abwesenheit der gnädigen Frau proben Claire und Solange die Tat. Das Vorhaben scheitert, weil ihre Motivationen und Strategien im Mord-Vor-Spiel durch Eifersucht aufeinander, Angst voreinander und Machtstreben übereinan­der praktisch implodieren. Am Ende bleibt von ihrem Aufbegehren gegen eine brutale Herrschaft, nur ein kleinmütiger Versuch,  ihr schwesterliches Verhält­nis zu klären. Claire zwingt Solange den vergifteten Tee anstatt der und stell­vertretend für die Herrin zu trinken. Claire forumliert im Rollenspiel als gnädige Frau den status quo, den sie nicht überwinden können: Durch mich, nur durch mich existiert das Dienstmädchen. Durch mein Geschrei und meine Gesten.

Panteleev seziert in seiner Inszenierung mit einem Spiel im Spiel das Verhältnis von Idee und Wirklichkeit. Er transformiert die dialektisch angelegte Zeremonie der Dramaturgie von Herr und Knecht, von Gewalt und Unterdrückung in ein eher komödiantisches Spiel und nicht in eine, wie  von Genet so bezeichnete Tragödie. Genets Faszination des japanischen Nō Theaters, wo Frauenrollen von Männern gespielt werden, legitimiert Panteleevs Inszenierung mit komödi­antischen Over drive.

Ein mobil zentrierter, fast über die gesamte Bühnenbreite reichender Spiegel, funktioniert dabei als temporäre Bilderrahmen von Zuschauern im Parkett bis in den ersten Rang. Die Distanz zu dem auf der Bühne stattfinden Selbstfin­dungsscheitern der Schwestern und dem Publikum hebt sich dadurch teilweise auf. Die Zuschauer werden zu mittelbaren Mitspielern. Die Inszenierung kon­frontiert sie mit den Schwierigkeiten, sich besonders dann personal zu identifizieren, wenn es darauf ankommt.

Wolfram Koch und Samuel Finzi, von vielen als das schauspielerische Män­ner-Duo des Gegenwartstheaters gerühmt, finden offensichtlich außerordentliches Gefallen am bitterbösen Komödiantischen von Die Zofen. Sie sind auch in die­ser Aufführung wieder in ihrem schauspielerischen Element. Ihr Schalk knallt und blitzt mit jedem Schritt. Mitunter mutet es allerdings ein wenig zu selbst­verliebt, auch selbstreferentiell im Spiel per se an.

Für manche vielleicht überraschend, ist Bernd Stempel der überzeu­gendste Komödiant des Abends. Als gnädige Frau findet er facettenreiche Aus­drucksformen einer machtbewußten Zeremonien-Meisterin. Claire und Solan­ge sind ihr willige Spielfiguren, die problemlos dienstleisten, wie sie es will.

Spätens mit Kochs slapstickhaften, laut  scheppernden und rasselnden King Arthur in Herbert Fritschs Inszenierung von Henry Purcells gleichnahmiger Oper in Zürich (King Arthur – Very British, very Fritsch vom 29.02.2016, hier veröffentlicht) hat er eine schauspielerische Folie geschaffen, die es jedes Mal neu gilt, von ihm selbst übermalt zu werden. 

Konträr, aber gleichzeitig ergänzend zu dem in der Rolle der Claire sich sprach­lich und gestisch nach innen modellierenden, nach außen die Machtposition beanspruchenden Finzi, wechselt Koch in distinguierten Posen vom kriecheri­schen Domestiken zum scheinsouveränen Strategen.

Die Inszenierung hat trotz der tragisch resignativen Konnotation von Genets Dramas einen lustvollen, gleichermaßen anspruchsvollen Unterhaltungswert. Dafür gibt es bei der Premiere uneingeschränkten Beifall sowohl für die Schau­spieler als auch für das Panteleev-Team. In Berlin nicht unbedingt üblich.

06.12.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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