Junge Musik im Pierre Boulez Saal

Streichquartett der Staatskapelle Berlin © Peter Adamik

Auftakt eines Schubert-Zyklus durch das Streichquartett der Staatskapelle Berlin

Der erste Adventssonntag in Berlins Mitte.  Morgens vor 11 Uhr, vorbei  am Nostal­gie-Weihnachtsmarkt,  ist mehrheitlich die Ü 60-Generation unterwegs, die offensichtlich einem anderen Ziel zustreben als den fröhlichen bunten Büdchen im Adventsschmuck.

Wo geht es den hier zum Pierre Boulez Saal? Ich bin zum ersten Mal hier, ich bin ge­spannt! Die Dame in ihrer frohen Erwartung taucht in die drangvolle Enge des Foyers der Barenboim-Said Akademie ein, in ihrer Tasche ein Ticket für das Konzert des Streichquartetts der Staatskapelle  Berlin.

Franz Schuberts Streichquartette als Zyklus stehen für die kommenden Monate auf dem Programm der vier Musiker. Als Streichquartett der Staatskapelle Berlin haben sie sich vor etwa 10 Jahren zusammengefunden. Es sind die Stimmführer ihrer jeweiligen Instrumentengruppe, die hier im Auftaktkonzert dieses Zyklus den Kosmos der Schu­bertschen Kammermusik im wunderbaren neuen Pierre Boulez Saal zu Gehör bringen werden.

Die Musik Franz Schuberts ist die Musik eines jungen Menschen. Hier wird sie inter­pretiert von ebenfalls jungen Menschen, und dieses jugendliche Flair erfüllt den Raum. Wolfram Brandl und Krzysztof Specjal an der ersten und zweiten Violine, Yulia Deyne­ka an der Viola und Claudius Popp mit seinem Violoncello – sie alle beeindrucken und überzeugen sowohl durch ihr ausdrucksvolles Spiel an ihrem Instrument als auch durch die heitere Kontaktpflege untereinander während des Vortrages. Ihre Professio­nalität gepaart mit hoher Sensibilität für die Besonderheit jedes einzelnen Streich­quartetts lässt die Musik leuchten und das Publikum in großer, fast andächtiger Stille jedes Stück begleiten. Wenn in einer solchen Jahreszeit die Zuhörer das Husten und Räuspern mitunter vergessen, zeigt das, wie fasziniert sie dem Geschehen folgen.

Die Programmfolge bringt zunächst das Streichquartett Nr. 12 c-moll zur Aufführung. Eilig, fast überstürzt wirkend, bringen die Streicher den Quartettsatz zu Gehör. Bereits 1820 niedergeschrieben, ist diese Komposition erst 1867, dank der Initiative Johannes Brahms‘, zur Aufführung gekommen. Irgendwie fremd und verstörend wirkend lässt sie den Zuhörer zunächst zurück.

Das Quartett Nr. 5 in C-Dur ist 1813 entstanden, im Jahr des erfolgreichen Widerstan­des  gegen Napoleon und somit an der Schwelle zu einer neuen Epoche der Weltge­schichte. Lebhaft, fast ein wenig wild kommt hier Schuberts Leidenschaft zum Tragen. Er hat dieses Werk innerhalb von 4 Tagen geschaffen,  der Wurf eines jugendlichen Genies.

Der erste Satz des Quartetts Nr. 11 in E-Dur– Allegro con fuoco – beginnt sehr lebhaft und spielfreudig, um im anschließenden Andante wunderschön aufzugehen. Die Musi­ker scheinen immer mehr bei sich selbst zu sein und nehmen die eng um sie herum versammelten Zuhörer mit. Menuetto. Allegro vivace und Rondo. Allegro vivace : Tän­zerisch endet das Stück aus dem Jahr 1816.

War das doch nicht alles? fragen sich einige Konzertbesucher, die etwas vorschnell an der Garderobe ihre Mäntel abgeholt haben. Sie tun gut daran, diese noch einmal an ihrem angestammten Haken etwas verweilen zu lassen, denn nach der Pause werden sie mit wunderbar melodischem Vortrag in den sonnigen Adventssonntag entlassen werden.

Das Streichquartett Nr. 13 a-moll trägt den Namen Rosamunde, der jedoch nicht von Franz Schubert selbst gewählt wurde. Es ist das Quartett, das den Liedkomponisten auf ganz besondere Weise hörbar macht. Er konnte es bereits im März 1824 zur Auf­führung bringen; wurde jedoch von der zeitgenössischen Kritik eher wenig beachtet. Nach dem beschwingten ersten Satz Allegro ma non troppo entfaltet die erste Violine Brandls im zweiten Satz  Andante einen besonderen Glanz.

Menuetto. Allegretto wird vom Cello  Popps eingeleitet und erzeugt eine bis zum Schluss Allegro moderato anhaltende Konzentration, die bei größtem Wohlklang die Konzertbesucher in ihren Bann schlägt. Deyneka und Specjial zeigen mit ihrem Augen­kontakt große gemeinsame  Freude am Spiel und tanzen fast durch dieses wunderba­re Streichquartett. Ein begeistertes Publikum dankt den Künstlern mit anhaltendem Applaus.

Bis der Mantel aus der Garderobe wieder beim letzten Besucher angekommen ist, dauert es eine gute halbe Stunde. Die Logistik in diesem Bereich ist wohl noch ent­wicklungsbedürftig. Aber dann tritt man hinaus in den wunderbar sonnigen Sonntag und geht mit viel innerer Wärme und Musik im Ohr – am Weihnachtsmarkt vorbei schnell in die U-Bahn, um noch etwas von diesem schönen Konzert im Ohr behalten zu können.

09.12.2017

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.