Bachs Weihnachtsoratorium – immer wieder neu

 

Marc Minkowsli © Marco Borggreve

Es dauert lange, bis das  Weihnachtsoratorium mit Marc Minkowski und Les Musiciens du Louvre im Konzerthaus Dortmund einen stringenten Johann- Se­bastian-Bach-Klang atmet. Erst als Helena Rasker mit ihrem dunklen Alt-Tim­bre die Aria Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh kultiviert ausleuchtet, wir­ken Orchester und Solisten fortan wie befreit.

Hatte bis dahin allein Fabio Trümpy als Evangelist mit verständlicher Artikulati­on und mit sängerischer Präsenz von Anfang an nachhaltig überzeugt, bleibt das vielversprechende Bass-Potenial James Platts in den erste zwei Kantaten ein Versprechen. Einerseits überfordert das episch geprägte Libretto nach Mar­tin Luthers deutscher Übersetzung des Alten Testaments hörbar seine sprachli­chen Ausdrucksmöglichkeiten, andererseits bleibt sein Gesang mitunter in ei­nem Tonfindungsmodus stecken.

Minkowskis Interpretation des Weihnachtsoratoriums – auf dem Programm ste­hen die Kantaten 1, 2, 4 und 6 – ist der historisch informierten Aufführungspra­xis verpflichtet. Anders als mit der bis vor wenigen Jahren weit verbreiteten ba­rocken Opulenz großsinfonischer Stimmigkeit und großen Chören in der Traditi­on des Dresdner Kreuzchores oder der Leipziger Thomaner sucht Minkowski mit kammermusikalischer Reduzierung nach einem spezifischen Klangbild der Bachzeit.

Um der stupenden, stereotypen Folge von Rezitativ, Arie, Chor oder Choral zu entgehen, setzt Minkowski zu Beginn auf forcierte Tempi. Das hat zur Folge, dass beim festlichen Auftaktchor Jauchzet, frohlocket! die ihm eigene poetische Lebendigkeit sich nicht einstellen will. Es hört sich an, als wolle er der Legende von der Geburt Christi mit volkstümlicher Archaik gerecht werden.

Einen nachhaltigen Ausdruck von Fröhlichkeit, Zuversicht und Innigkeit, der sich in Bachs Musik mit überwältigendem Reichtum widerspiegelt, vermisst man bis zum Ende der 1. Kantate. Versöhnen Les Musiciens du Louvre schon mit der Sinfonia, der sogenannten Hirtenmusik zu Beginn der 2. Kantate, so verstetigen die Solisten sowohl mit ariosem Gesang als auch als Chor der So­listen den orchestralen Klang. Wie befreit, als würden sich Schleusentore öff­nen, flutet Bachs Weihnachtsoratorium melodisch charaktervoll das Konzert­haus Dortmund.

Minkowskis Weihnachtsoratorium erkundet von Kantate zu Kantate dezidiert programmatisch die Klanglandschaften des Oratoriums. Die Basso-conti­nuo-Gruppe färbt wechselweise mit Oboe da caccia, Bach-Trompeten und Zinken, respektive Horn den Klang.

Die Flöte von Annie Laflamme intoniert mit sanftem Schmelz Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh mit einer kontemplativen Anmutung, die den Zuhö­rer unversehens zum Liebsten machen und ihn tatsächlich in den Schlaf wiegen könnte.

Die Arie Flößt, mein Heiland mit Lenneke Ruiten zusammen mit dem von Min­kowski in den Rang  arrangierten Sopran-Echo von Hélène Walter Nein, du sagst ja selber nein! erobert mit zauberhafter Leichtigkeit das Konzerthaus. Mit klangmalerischer Suggestionskraft übersetzt Minkowski die Libretto-Szenen mit einer ähnlich lebendigen Naivität, wie sie Bachs Musik von Grund auf eigen ist, in eine engelsgleiche, fröhliche Musikalität.  

Das Publikum entlässt Les Musiciens du Louvre erst mit dem temperamentvoll intonierten Chor Ehre sei Dir Gott, gesungen aus der 5. Kantate als umjubelte Zugabe. Am Ende sind die anfänglichen Fragezeichen fast vergessen. Mit dem Verve der Zugabe hätte man das Konzert gern noch einmal gehört.

09.12.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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