Mit Rilke durch den Tag

© Peter E. Rytz 2008

Es ist wahrlich nicht schwer, im Berliner Kunst- und Kulturangebot etwas zu fin­den, das dem Tag eine besondere Note verleiht. Kunstausstellungen, Konzerte, Opern- und Theateraufführungen werben um Aufmerksamkeit und erhoffen die Gunst des Publikums.

Als ein außergewöhnlicher Kunstangebotstag erweist sich der 1. Adventssonn­tag. Aus­gehend von der kleinen, aber instruktiven Ausstellung Rodin – Rilke – Hofmannsthal: Der Mensch und sein Genius in der Alten Nationalgalerie (noch bis 13. März 2018),  wird diese durch ein musikalisches und auch ein literari­sches Programm des Pierre Boulez Saales eingerahmt.

Zur vorgerückten mittäglichen Stunden stimmt das Streichquartett der Staats­kapelle Berlin mit dem Auftakt eines Schubert-Zyklus den Tag ein (Junge Musik im Pierre Boulez Saal vom 09.12.2017, hier veröffentlicht).

Franziska Walser & Edgar Selge adeln ihn mit einer szenisch minimalistischen, aber interpretatorisch faszinierenden Präsenz der geradezu größenwahnsinnig anmutenden Gedankentiefe der Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke. Wechselweise tragen sie die insgesamt zehn Elegien mit einer beeindruckenden Textsicherheit vor. Während einer von beiden die Elegie vorträgt, verfolgt der andere ihn, in der ersten Reihe sitzend, tief über den Text gebeugt. Den Wech­sel zelebrieren sie, als würden sie sich ihre geistigen Batterien jedes Mal neu aufladen. In der Mitte des Saales wechseln sie Brille und Manuskript, berühren sich mit zarten Gesten, zentrieren ihre Konzentration und tauschen die Plätze.

Diesen Text zu memorieren, ist schon allein staunenswert. Aber es ist noch viel mehr. Von der ersten Textzeile – Jeder Engel ist schrecklich – bis zur letzten – Und wir, die an steigendes Glück denken, empfänden die Rührung,die uns bei­nah bestürzt,wenn ein Glückliches fällt – graben sich Walser und Selge mit suggestiver Überwältigungskraft in Rilkes elegische Welt – Distiche, getragen von Trauer, Melancholie und Sehnsucht – im Widerstreit zwischen engelhaften Hoffnungsträumen und unvollkommenen Menschsein immer tiefer ein. Am Ende erwacht man wie aus einer Meditation.

Engel, die keine himmlischen sind, sondern antik inspirierte, assoziative Figuri­nen. Mit Beginn der 1. Elegie Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? erinnert Rilke an die Distanz der Ordnungen der Engel zu den Menschen. Rilkes Fragen nach dem, was in der Welt Bestand haben könn­te, übersetzen Walser und Selge in einen elaborierten, ingeniösen Sprech-Ges­tus. Während Walser aus einer konzentrierten Mitte heraus artikuliert und erst in den späteren Elegien eher zurückhaltend gestisch unterstreicht, betont Sel­ge mit versammelter Impulsivität das fragmententiert Elegische, als wolle er ihm einen Rahmen geben. Es mutet wie ein Ringen an, sich das mythisch Flüchtige im Moment des Sprechens in der Art zu eigen zu machen, wie es bei Heinrich von Kleist in Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Re­den beschrieben worden ist.

Nicht nur die Engel, sondern auch Tiere werden den Menschen gegenüberge­stellt. Rilke sucht letztlich nach einer Formel, die conditio humana zu manifes­tieren: Wen vermögen wir denn zu brauchen? Denn der Mensch bleibt gefan­gen in der gedeuteten Welt. Die romantische Nacht-Metapher symbolisiert die Zeit, in der sich Erde und Kosmos vereinen: Winde voller Weltraum. Einsamkeit – die Leere – ist für Rilke die wesentliche Erfahrung des Menschen: Denn Blei­ben ist nirgends.

So wie Rilke in den folgenden neun Elegien die Ur-Kraft des Leidens dekliniert, bangt man um Walser und Selge, ihnen mögen für den Moment die Leiden ei­ner Leere ihrers Rilke-Speichers erspart bleiben. Als wären sie, metaphorisch gesprochen, von der Ril­keschen Sehnsucht nach Vollendung erfüllt, tauchen  sie mit sicherem Gespür für die Tragfähigkeit der Hoffnung in dessen Untiefen-Kosmos ein und aus diesem immer wie­der auf. Auch wenn sich die Sehnsucht in Erinnerung an die Vergangenheit verzehrt – Einst waren wir reich –, nähern sich Walser und Selge Rilkes Berge des Ur-Leids ohne Resignation an. Die Wege der Duineser Elegien führen in eine Tiefe, die zur Quelle der Freude wird.

Im Kontext zu Schuberts Quartett und Rilkes Elegien apostrophiert und reflek­tiert die Rodin-Rilke-Hofmannsthal–Ausstellung das genialische Moment, das ihnen allen ge­mein ist. Schuberts frühromantischer Ton hallt als Resonanz 100 Jahre später bei Ril­ke wider, in seinen Duineser Elegien wie auch in der Kon­stellation zu Auguste Rodin und Hugo von Hofmannsthal.

Mittelpunkt der Ausstellung in der Alten Nationalgalerie als Teil des offiziellen Veranstaltungsjahres zum 100. Todestag von Auguste Rodin steht Rodins Kleinplastik Der Held oder Der Mensch und sein Genius. Sie verweist mit der Geste des Entschwindens auf das künstlerische Moment der Inspiration. Zielt sie hier auf den Eigensinn des Betrachters, so verstört und irritiert Schuberts Musik den Zuhörer mitunter bewußt und macht ihm mit ihrem Klang ein empa­thisches Angebot, wie Rilke einlädt, sich auf das Leid als Quelle des Lebens ein­zulassen.

Das Fragmentarische in Rodins Skulptur, wo sich ein weiblicher Genius mit Schwingen einem Mann entzieht, findet sich in seiner Typik auch bei Rilke wie­der. Dieses Moment von Unvollendung, das ewig Suchende korrespondiert mit Rilkes literarischem und lyrischem Ringen um Selbstvergewisserung zwischen Schein und Sein.

Mit seinem Gedicht Nike – zu einer antiken Figur (kleine Nike an der Schulter des Helden) – zu Der Mensch und sein Genius sucht Rilke mit Worten auszu­drücken, was in Rodins Skulptur ins Offene schwingt: Der Sieger trug sie. War sie schwer? Sie schwingt wie Vor-Gefühl an seinem Schulterbuge.

Mit Nike ruft Rilke die Siegesgöttin der griechischen Mythologie auf den Plan. Als Verkörperung des Sieges und als Personifikation des irdischen Ruhmes ist sie stets mit Flügeln abgebildet. In ihrer griechischen Archaik scheint das Bild auf, das für die Inspirationskraft steht, die künstlerisch konstitutiv ist.

Rodins Der Mensch und sein Genius stand 20 Jahre als Symbol künstlerischer Schaffenskraft auf Hofmannsthals Schreibtisch. Als sich er aufgrund finanzieller Nöte gezwungen sah, sie zu verkaufen, setzte sich Rilke dafür ein, dass die Bronze an den Schweizer Sammler Werner Reinhart vermittelt wurde, von wo sie später in die Sammlung der Nationalgalerie gelangte.

Liest man die letzte Nike-Textzeile – Kleingläubige, so lobet doch die Ferne:
nur weil sie fern sind, drücken sie uns aus
– mit dem Duineser-Elegien-Ton im Ohr, verbinden sie sich zu einem Rilke-Kosmos, der, von Schubert unterstützt, diesen Tag geprägt hat.

11.12.2017

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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