Die Früchte der Liebe und der Kunst im Superkunstjahr 2017

Heike Kramer © F.A.Z. Kunstkonferenz 2017

Traditionell lädt das Frankfurter Allgemeine Forum im Herbst zu einer Kunst­konferenz nach Berlin ein. Documenta 14 in Kassel, die Skulptur Projekte Münster und die  Biennnale in Venedig dominieren die Ausstellungsprojekte 2017. Schnell ist das Wort vom Superkunstjahr zur Hand.

Superlativen sollte man grundsätzlich mit einer gesunden Portion Skepsis be­gegnen. Der Markt der öffentlichen Wahrnehmung ist hart umkämpft. Der Un­tertitel der Kunstkonferenz Trends und Treiber fokussiert dieses Spannungsfeld. Der Spagat zwischen Kunstproduktion und Kunstmarkt ist in der Bilanz des Kunstjahres 2017 nicht nur besonders augenfällig. Überfällig sind Veränderun­gen in der Kommunikation von Kunst und Gesellschaft.

Keynotes und Statements sowie ihre Reflexionen in Panels und Gesprächsforen bestimmen entsprechend und folgerichtig die auf zwei Tage erweiterte Kunst­konferenz. Dass die zentralen, gewichtigen Themeschwerpunkte durch spiele­risch leichte – nicht als, vielleicht missverständlich, leichtgewichtige – Präsen­tationsformen eingerahmt werden, zeichnet die Konzeption der Veranstaltung von Ulrike Berendson wohltuend aus.

Der mit dem 1. Oktober neu berufene Generaldirektor des Museums Kunstpa­last Düsseldorf, Felix Krämer, stimmt am Vorabend einen musikalisch inspirier­ten Introitus an: Ein Kanon ist zum Singen da! Wortgewandt einehmend spricht er als bisheriger Leiter der Sammlung Moderne Kunst am Städel Museum Frankfurt mit schalkhaftem Understatement, die imperativistische Zuspitzung nicht scheuend, über seine Sicht auf den Kunst-Kanon. Kunstkritische Urteile sind kein ehernes Gesetz.

Wie sich der Zeitgeist verändert, verändert sich mitunter auch die kanonisierte Wertschätzung von Künstlern. Auch Caravaggio war mal vergessen, so Krämer, während Correggio lange als vielleicht der wichtigste Künstler zu Beginn des 16. Jahrhunderts galt. Ähnlich veränderte sich die Wertschätzung sowie der Glanz von Hans Thomas viele Wohnzimmer schmückende Bilder um 1900, wie immer Caspar David Friedrichs Malerei nachhaltiger bis heute geschätzt wird.

Dass es Ulrich Noethen mit einer pointierten Lesung Das unbekannte Meister­werk von Honoré Balzac in Schloß Neuhardenberg vorbehalten ist, die Kunst­konferenz nach den produktiv kontrovers verhandelten Themen mit einer lite­rarisch reflektierten Perspektive abzuschließen, ist ein seltener Glücksfall. Bil­dende Kunst und Literatur verbinden sich mit der Architektur des Ortes für den Moment zu grenzüberchreitenden  Inhalten und Formen. Danach scheint es als eine Möglichkeit, dass die beobachteten Trends im Zusammenwirken von Werk und Markt mitunter von dem Phantom, Das unbekannte Meisterwerk zu ver­passen, getrieben werden.

Ulrich Noethen © Peter E. Rytz 2017

Wer sind im Kunstbetrieb die Macher, die den Nimbus des Superkunstjahres gepusht haben? Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich fragt nach den Um­ständen und Maßgaben eines apostrophierten Rollenwechsels im Kunstmarkt. Er glaubt, ein Schisma ausmachen zu können.

Eine pauschale, wohlfeile Verachtung eines angeblich ausschließlich von ökono­mischen Interessen geleiteten, moralisch als obszön zu verachtenden Kunst­marktes, sei eindimensional. Ob er dessen eigentlicher Funktion, Künstler mit ihren Werken in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, immer gerecht wird, ist eine andere Frage. Wenn akzeptiert wird, dass Kunst per se Grenzen mit kreativer Phantasie in Frage stellt, muss ihre Freiheit in einer demokratisch verfassten Gesellschaft auch geschützt werden.

Shit-Storms, die sich in jüngster Zeit in den sozialen Medien beispielsweise über die Arbeiten von Cindy Sherman oder Jimmie Durham ergießen, können als Hinweis dafür gelten, dass neo-liberale Distinktionen im Blick auf das, was danach Kunst zu haben sei, sich lautstark und mitunter gewaltätig (gegen die Arbeiten) in den Vordergrund drängen. 

Wenn Georgina Adams, The Art Newspaper, Financial Times darauf hinweist, dass neben dem 450 Millionen-Dollar-Spektakel, dem Leonardo da Vinci zuge­schriebenen  Salvator mundi auf der gleichen Auktion bei Sotheby’s für 7,5 Mil­lionen Dollar Michael Schumachers Ferrari versteigert worden ist, werden damit Standards des Kunstmarktes in Frage gestellt. Der Kunstmarkt mutiert zu ei­nem High-End-Luxusmarkt.

Andererseits versteht sich der Galerist Thaddaeus Ropac mit Galerien in Salz­burg, Paris und London mit der Infrastruktur seiner Galerien als ein Dienstleis­ter für die Künstler und Bewahrer der Kunst; insonderheit als Robert-Rau­schenberg-Nachlassverwalter. Die Aufgabe von Museen sei es, neue Kunst zu identifizieren, Bestände zu bewahren und zu pflegen, Mäzene zu finden und Kunst auszustellen. Da die Sammlungen in öffentlich geförderten Museen im wesentlichen schon immer aus Schenkungen und Nachlässen bestünden, hät­ten sich die Aufgaben des Museums trotz sinkender Mittel nicht wirklich verän­dert.

Welche Konsequenzen hat es, wenn Dirk Boll von Christie’s konstatiert, dass die Superreichen nicht mehr ohne Kunst sein können? Die Kunst zur Trophäe wird? Dass sich dabei das Museum in seiner öffentlichen Wahrnehmung und als sozialer Ort von Begegnung und Kommunikation verändert, scheint unabweis­bar. Von Kolja Reichert, F.A.Z gefragt, welche Folgen für die Sozialgemeinschaft damit verbunden sein werden, bekennt Boll, dass ihn ökonomische Disproporti­onsprobleme nicht interessieren. Christie’s wird sich jedenfalls dem Markt der Luxusgüter anpassen und transaktional unterwegs sein.

Der markt-fokussierte Tag im Berliner Café Moskau verschiebt am zweiten Tag mit dem Bustransfer nach Neuhardenberg die Perspektive. Wie haben die Großausstellungen ihr künstlerisches Qualitätsversprechen eingelöst? Stefanie Heraeus, Goethe-Universität Frankfurt am Main macht narrative, post-koloninal und post-medial konnotierte Verschiebungen aus. Westlich geprägte Kuratoren­prinzipien beanspruchten trotz globaler Dezentralisierungen künstlerischer Per­spektiven nach wie vor die Diskurshoheit.

Angesichts der nach Umfang und Konzeption kaum vergleichbaren documenta 14, Skulpturen Projekte und Biennale fragt Thomas Köhler, Direktor der Berli­nischen Galerie: Wie kommt man eigentlich damit klar, das, was man gesehen hat, sowohl mit dem Kanon abzugleichen, als auch Unbekanntes mit offener Neugierde abzuwägen?

Zu beobachten sind jedenfalls neue Wahrnehmungen von Raum und Zeit in ei­ner digital dominant geprägten Zeit. Ob sich darin unterkomplexe Auffassun­gen von Kunst mit misanthropischen Attitüden ausdrücken oder inwieweit die documenta 14 von Adam Szymczyk mit einer zu kurz gegriffenen Kritik des Finanzkapitalimus biografistische Ritualisierungen in den Vordergrund tritt, wird von Annette Kulenkampff (documeta; Museum Fridericianum), Britta Peters (Skulptur Projekte Münster), Susanne Pfeffer (Kuratorin Deutscher Pavillon Biennale Venedig) und Kolja Reichert (F.A.Z.) auf dem abschließenden, von Ewa Hess (Tages-Anzeiger/SonntagsZeitung) mit schweizerisch klarsichtiger Direktheit moderierten Panel kontrovers artikuliert.

Kolja Reichert (F.A.Z.), Annette Kulenkampff (documenta), Britta Peters (Skulptur Projekte), Susanne Pfeffer (Kuratorin Deutscher Pavillon Biennale Venedig), Ewa Hess (Tages-Anzeiger/SonntagsZeitung) © Peter E. Rytz 2017

Dass Annette Kulenkampff, von den Medien in ihrer Funktion der Geschäftsfüh­rerin als verantwortliche Gallionsfigur für den documenta-Millionenverlust aus­gemacht, in Neuhardenberg auf besonderes Interesse stößt,  ist kaum zu ver­wundern. Erstaunlich allerdings, wie offenbar die Mehrheit der Kunstkonferenz-Teilnehmer von ihrer tadelsfreien Arbeit überzeugt ist. Kaspar König stellt sich vehement auf ihre Seite: Man sollte ihr als Mutter Theresa der Kunst einen Ordnen anheften.

Das Superkunstjahr 2017 macht wieder einmal deutlich, dass Künstler und Kunstmarkt keine perfekte Paarbeziehung sein können. Es bleibt ein unermüd­liches Ringen, so wie es Ulrich Noethen mit Balzacs Das unbekannte Meister­werk allen Beteiligten ins Stammbuch schreibt: Die Früchte der Liebe vergehen schnell, die der Kunst sind unsterblich.

15.12.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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