Wie eine Legende entsteht

© Monika Rittershaus 2017

Wer das Theater Duisburg verlässt und sich noch einmal umwendet, liest auf dem Giebel des Hauses: Mit allen seinen Tiefen, seinen Höhen roll ich das Le­ben ab vor deinem Blick. Wenn Du das grosse Spiel der Welt gesehen, so kehrst Du reicher in Dich selbst zurück. An diesem Premierenabend von Maria Stuarda scheint dieser Text ganz besonders zu zutreffen.

Wenige Schritte weiter ragt auf der Königsstraße die mit 24 Karat vergoldete Stahlleiter von Johannes Brunner seit 2008 weit in den Himmel. Steht auf ihr ganz oben, kurz vor dem Himmelstor nicht Maria Stuart? Eben noch auf einem Biertisch, angetan mit einem roten Kleid der Siegerin, mit himmelwärts wei­sender Pose stehend, schon auf direktem Weg zu ihrem alle Lebenszeiten über­dauernden Legendenort?

In my end is my beginning, in energischer Handschrift mit Kreide auf eine Wand geschrieben, als Video auf den Vorhang projiziert, ist diese Satz der pro­grammatische Platzhalter der Inszenierung von Guy Joosten. Er ist aber auch ihr Problem. Die Historie erzählt und interpretiert, dass Maria Stuart im Ge­fängnis diese Worte in ein Tuch absichtsvoll symbolisch gestickt habe. Der Glaube an die Ewigkeit des Lebens nach dem Tod ist auch ihr eine unbedingte, christliche Orientierung.

Das Libretto von Giuseppe Bardari rückt gegenüber dem edelmütigen, christli­chen Selbstverständnis, wie auch schon Friedrich Schiller in seinem Drama Ma­ria Stuart, den Malus des unvollkommenen Menschen in den Vordergrund. Die historische Quellenlage zeichnet von Maria Stuart ein Charakterbild von intri­ganter Verstellung und strategisch ausgeprägtem Machtbewusstsein. Ihr Wi­derpart, Elisabeth I., seit 1558 Königin von England, hält die Fäden über Jahr­zehnte bis zu ihrem Tod 1603 mit brutaler Härte fest in ihren Händen. 

Maria Stuarts eherner Anspruch auf die Krone lässt Elisabeth I., seit sie diese gefangen hält, keine Ruhe. Abwägend zwischen familiärer Bande als Schwester oder Cousine sowie drohendem Machtverlust, entscheidet erst die Entdeckung, dass Roberto Conte di Leicester nicht sie, sondern Maria Stuart liebt, das To­desurteil für Maria Stuart.

Joostens Inszenierung übersetzt In my end is ma beginning allein als Drama­turgie einer von Maria Stuart strategisch entwickelten Legendenbildung. Ihre eigentlich schwache Position als Gefangene verwandelt sie in eine Stärke, die Zeit und Raum übersteigt – nicht als Beweis göttlicher Wiedererweckungskraft, son­dern als Mythos von Recht und Gerechtigkeit, der nur für diese (Lebens)Zeit gegen die Macht nicht an kommt.

Mit den ersten Tutti-Takten der Ouvertüre unterstreicht Lukas Beikircher am Pult der Duisburger Philharmoniker Maria Stuarts Beginning. Von Stefan Bolli­ger vom Beginn bis zum triumphal in Rot getauchten Abschlussbild mit zentra­len Spots ins Licht gesetzt, liegt der Fokus der italienischsprachigen In­szenierung auf Maria Stuarda. Sie geht letztlich als symbolische Siegerin vom Platz.

Der Platz, ein Halbrund über zwei Etagen, wird von Roel Van Berckelaer als Einheitsbühnenbild minimal variiert. Zuerst ist ein dezent angedeuteter Gefäng­nisraum mit mobiler Vergitterung in der ersten Balkonetage zu sehen, in den eine bequeme Sitz- und Lese-Lounge als Raum im Raum eingefügt ist. Nach der Pause ist er mit fest verschraubten Tischen und Stühlen sowie einem Ge­tränke-Snack-Automaten-Schrank möbiliert.

Der Chor der Deutschen Oper am Rhein, der bis dahin nur als Claquer seiner selbst aufgefallen ist, räumt in der Verurteilungsszene mit kleinbürgerlicher Ve­hemenz den Schrank aus und wirft sich die Bierdosen zu. Wenn klar ist, wo das Schwert hängt, schwenkt die Mehrheit in Feierlaune bereitwillig um, so über­zeichnet Joosten nicht nur in dieser Szene mit pathetischer Bedeutsamkeit. Zum Glück besinnt sich der Chor auch noch darauf, wozu er vor allem auf der Bühne steht. Er wirkt an diesem Abend etwas verloren. Selbst bei seinem Ein­satz zu Beginn des letzten Bilds fehlt die gestalterische Überzeugungskraft. Al­lerdings werden der Chor, wie über weite Strecken auch die Solisten, von ei­nem die Tonfärbungen zu wenig differenziert spielenden Orchester klanglich zugedeckt.

Während in den ersten Szenen, der Cavatine der Elisabetta im ersten Akt: Ah! quando all’ara sorgemi – Ah dal ciel discenda un raggio, Mary Elizabeth Willi­ams als Elisabetta I. liebeshoffnungsvoll zwischen Leicester und einem Heirats­antrag des französischen Königs in einer verhakten Selbstbewustsein-Klemme steckt und das von Gaetano Donizetti komponierte, koloraturistisch pulsierende Anfangs-Arioso nicht  unmittelbar findet, ist Maria Stuada tief im Bücherstudi­um versunken. Eine bedrückend gelebte Gefangenschaft sieht anders aus.

Nachdem der erste Akt das Königinnen-Duell vorbereitet hat, Gianluca Terra­nova als Leicester, Laimonas Pautienius als Cecil – schmieriger Strippenzieher mit gegelter Casino-Verschnitt­frisur mit geschmeidigem Bariton – und Giovanni Furlanetto mit sonor artiku­lierendem Bass als Talbot, Maria Stuardas oberlehrhafter, Brille und Weste tra­gender Gewährsmann, als Platzhalter des tödlichen Spiels eingeführt sind, setzt Olesya Golovneva als Maria Stuarda mit Beginn des zweiten Aktes un­übersehbar und unüberhörbar die Akzente des Abends.

Die Sängerin beherrscht mit romantisch inspirierter Überzeugung – Guarda, là nei prati, profumato e delizioso – das Bild, nachdem sie bis dahin als passive Beobachterin aus der Lounge-Komfortzone von Anfang an präsent gewesen ist. Ihr Sopran ist hell und schlank, im Timbre wohl­tuend entspannt. Ihre weit gespannten Legato-Kantilenen bezaubern durch fri­sche Natürlichkeit.

Diese jugendliche Sopranistin besitzt ein starkes, in der dramatischen Gestal­tung ausgewogenes Ausdrucksvermögen. Sie überzeugt insbesondere da, wo sie sich in der eskalierenden Konfrontation mit Elisabetta von einer sich zu­erst demütig zeigenden zu einer aggressiven Gegnerin wandelt: Morta al mondo, morta al trono. Das Gefängnis, selbst die Androhung ihres Todes bricht ihren Stolz nicht. Sie triumphiert noch im Untergang.

Golovneva dominiert sängerisch wie darstellerisch gegenüber einer zwar über­aus Bühnen präsenten Williams, die aber stimmlich vor allem in den lyrischen Passagen zu wenig Mitte hat.

Mary Elizabeth Williams forciert ihren dramatischen Sopran mitunter übermäs­sig kraftvoll. In den deklamatorisch bewegten Passagen flackert er unruhig. Manche  Höhen hätte man sich klarer und präziser gewünscht. Auffällig ist, wie Terranova im Duett mit Golovneva harmonischer, weniger angestrengt in den hohen Tonlagen singt, als mit Williams.

Im Unterschied zur hemdsärmeligen, in Fortsetzung ähnlicher Theater-Re­gie-Einfälle, die in ihrer Beliebigkeit nur noch langweilenden Bierdosen-Szene findet Joosten mit dem Spiel junger Mädchen, angetan mit dem selben Kleid wie Ma­ria Stuarda als ihr verfünffachter Schatten, der Elisabetta verfolgt und sie quält, eine überzeugendes Bild für die Umkehrung der Verhältnisse. Die Legen­de nimmt ihren Lauf. Dem Rot von Maria Stuardas Kleid, Leidenschaft, Kraft und Entschlossenheit symbolisierend, sieht Elisabetta aus einem vergitterten Fens­ter mutlos gebrochen nach.

Folgte der allfällige Szenenapplaus eher einer Pflichtübung, ist auch der Beifall am Ende überschaubar. Seine Frequenz erhöht sich bei Olesya Golovneva kaum merklich, zu Unrecht angesichts ihrer durchgängig überzeugenden Maria Stuarda.

 19.12.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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