Rattles Kunst des Dirigierens

© Pascal Amos Rest. 2017

Es erstaunt in Sinfoniekonzerten immer wieder, wie anders ein und dieselbe Komposi­tion klingen kann, wird sie von unterschiedlichen Klangkörpern interpretiert. Sir Simon Rattle demonstriert dies mit dem London Symphony Orchestra im Konzerthaus Dortmund exzel­lent. Gleichzeitig bietet er ein instruktives Beispiel für die Kunst des Dirigierens in un­terschiedlichen Orchesterbesetzungen.

Die Metamorphosen, Studie für 23 Solostreicher von Richard Strauss, dirigiert Rattle auf Augenhöhe mit den Musikern. Für Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde WWV 90 von Richard Wagner agiert er nach einer kammermusikalischen Mitten­drin-Position vom Dirigentenpodium aus. Dieser erhöhte Standpunkt gibt den Blick auf das Große Orchester von nahezu 100 Musikern frei.

Mit der Sinfonie Nr. 2, The Age of Anxiety für Klavier und Orchester von Leonard Bernstein ist das Podium weiter in die Orchestermitte gerückt, um Platz für den Flügel von Krystian Zimermann zu schaffen.

Nur selten sind drei so unterschiedliche Dirigierhaltungen in einem Konzert vereinigt. Rattles Dirigate sind Studien, wie aus der Komposition Musik entsteht.

Rattle hebt seine Hände für den Einsatz der Metamorphosen sanft in die Höhe, tief at­met er ein und dezent wieder aus. Es ist, als hauche er den Celli ein extremes Pianissimo ein. Indem das thematische Material sukzessiv von Baß, Viola und Violine umgebildet wird, entsteht unter Rattles Händen ein melodischer Fluss.

Kunstreich paraphrasieren die Celli Beethovens Marcia funebre aus der Eroica. Es ent­faltet sich ein ungeteilter, vielstimmig aufgegliederter Streichersatz von nuancierter Ein­dringlichkeit. Vom Adagio aufsteigend bis zum Allegro malt Rattle das Düstere in Strauss‘ Komposition aus – ursprünglich nach den verheerenden Zerstörungen der Dresd­ner, Münchner und Wiener Opernhäuser in den letzten Kriegsmonaten als Trauer um München bezeichnet –, ohne in Pessimismus zu verharren.

Noch den samtenen, durchsichtigen Klang der Streicher in den Metamorphosen im Ohr, erscheinen sie wie ein kammermusikalisches Vorspiel zu Wagners  heroisch mythischen Tristan- Isolde-Klang. Die Celli setzten, wie zuvor bei Strauss, mit den ersten zwei Takten, die den Tristan-Akkord einführen, auch bei Wagner die Auf­taktakzente. Das motivische Schweigen und Verschweigen, Unsagbares an der Grenze zwischen Liebe und Tod in Wagners Komposition zu bezeichnen, lässt Rattle – jetzt mit dem Taktstock dirigierend – mit suggestiver Kraft ahnungsvoll aufleuchten.

Er dirigiert mit der Mimik seines Gesichts ebenso nachdrücklich wie mit dem Takt­stock. Rattle und das London Symphony Orchestra verschmelzen zu einer klangräum­lichen Einheit, die sie wie Satelliten durch den Wagner-Kosmos fliegen lassen. Präzis abgestimmte Violinen, lyrisch singende Celli, akzentuierte Basslinien malen mit der in­spirierenden Klangfülle des Holzes und des Blechs differenzierte, staunenswerte Klangfarben in das Konzerthaus.

Mit Krystian Zimermann hat Rattle einen Pianisten an seiner Seite, der wie kaum ein anderer Bernsteins Sinfonie Nr. 2 versteht. Einer der ersten Aufführungen der revidier­ten Fassung hat Zimermann mit Bernstein selbst am Pult einst aufgeführt. Diese Glaubwürdigkeit prägt auch das Zusammenspiel mit Rattle. Konnte man schon bei Strauss und Wagner seine besondere gestalterische Affinität zu Adagio- und Pianissimo-Stellen bewundern, vollendet er mit Zimermann das Dortmunder Konzert als eines, das man mit Fug und Recht als eine dirigentische Studie bezeichnen kann.

Inspiriert von dem Gedicht The Age of Anxiety von W.H. Auden setzt Bernstein dort fort, wo Strauss aufgehört hat. In Das Zeitalter der Angst spürt Bernstein einem Gefühl der Orientierungslosigkeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs nach. Dem Anfangsvers – Faces along the bar cling to their average day: The lights must never go out, the music must always play – kann man eine gewisse Programmatik zuschreiben. Musizierend trübe Düsternisse überwindend – Who have never been happy or good – setzt Zimermann, obwohl gesundheitlich leicht in­disponiert, wirksame Zäsuren. Als hätte Bernstein mehr Pausen komponiert als Tonfolgen und Akkorde, packt Zimermann in diese scheinbaren Leerräume Inhalte nach­haltigen Klangs.

Den anspruchsvollen Klaviersolopart, der auch als klassisch formatiertes Kla­vierkonzert reüssieren könnte, gestaltet Zimermann in kongenialer Zusammen­arbei mit Rattle und einem bestens aufgelegten London Symphony Orchestra.

Nach diesem Konzert wünscht man sich, Rattle mit seinem neuen Londoner Or­chester oder als demnächst dann neuer Gastdirigent seines alten Orchesters, den Berliner Philharmonikern, 2018 bald wieder im Konzerthaus Dortmund begegnen zu können.

22.12.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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