Peter E. Rytz Review

Jazz-Plakatgeheimnisse

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© Niklaus Troxler, 2017

Jazz ist mehr, als nur die Musik zu hören. Sie live zu erleben, ist immer auch ein Seh-Erlebnis. Assoziative Bilder sind dem Jazz insbesondere immanent. So direkt Jazzmusik emotional wirkt, so unmittelbar ihre Konzertankündigung. Un­prätentiös, hemdsärmelig, mit scheinbar schrankenloser Selbstverständlichkeit überall im öffentlichen Raum. Plakate auf Hauswänden, Litfaßsäulen oder Bret­terwänden – legal oder illegal, egal – gepinnt oder gekleistert, sind spätestens seit den 1950er Jahren ihre wegweisenden Begleiter.

Egal ob handgemachtes Unikat oder gedruckte Vielfalt wohnt dem Jazz-Plakat etwas Geheimnisvolles, Verschwörerisches, vielleicht sogar Verstörendes inne. Es verbindet seriöse Informationen mit verschlüsselten Jazz-Botschaften. Sie offenbaren sich häufig nicht auf dem direkten Kommunikationsweg von Lesen, Verstehen und Einordnen. Dass sie mitunter wie Geheimbotschaften anmuten, die mehr oder weniger bewusst den Insider ansprechen, anderen erst einmal ein Rätsel aufgeben, scheint durchaus gewollt.  

Jazz-Plakate sind von Codes einer Szene geprägt, die, vom Grundsatz her ei­gentlich offen für alle, gleichzeitig aber auch milieuspezifische (Verstehens)Grenzen ziehen. Die Namen von Konzertorten und Jazz-Musikern imaginieren spezielle Erwartungshorizonte unterschiedlicher Jazz-Stile, die ih­rerseits einen bestimmten Musik-Liebhaber-Typus ansprechen. Sie begründen ihren eigenen Mythos.

Wie das Jazz-Plakat untrennbarer und gleichermaßen wirksamer Teil der sie ankündigenden Musik ist, davon erzählt die derzeit im Museum Folkwang Es­sen noch bis 14. Januar 2018 zu sehende Ausstellung Nikolaus Troxler. Jaz­z`n`morePlakate. Dass der Ausstellungstitel Jazz’n’more mehr oder weniger absichtsvoll die gleichnamige schweizerische Monatszeitschrift zitiert, verweist auf ein komplettes Jazz-Engagement von musikalischem Selbstverständnis, von Informationsdesign, von Konzertorganisation sowie von kritischer Beglei­tung, wie es von Troxler exemplarisch für Design und Organisation seit den 1960er Jahren entwickelt worden ist.

Während viele Designer in der neuen Welt ihr berufliches Glück suchen, bleibt Troxler in seiner Innerschweizer Heimat Willisau und gründet dort Anfang der 1970er Jahre ein Grafikstudio. Das Besondere an Troxler ist, dass seine Jazz-Begeisterung zum Ausgangspunkt für seinen Erfolg als Grafikdesigner wird. Er organisiert erste Konzerte in zwei Willisauer Gasthöfen und entwirft die Plakate dazu. Die Plakate sind von seiner Handschrift geprägt – und funktionieren gleichzeitig als sein eigener Werbeträger, lange bevor er damit Geld verdienen konnte.

Die Plakate an den Ausstellungswänden erzählen das Geheimnis dieser Erfolgs­geschichte. Troxler verantwortet die musikalischen Inhalte, die ihn weiterhin zu den Plakatgestaltungen nach Inhalt und Form inspirieren. Diese außergewöhn­liche Zweiheit von Organisation und Kreation über mehr als vier Jahrzehnten, die das Jazzfest Willisau als eines der bis heute interessantesten Festivals welt­weit auszeichnet, macht den Reiz der Ausstellung aus. Sie weist nicht nur des­halb, weil sie auch druckgrafische Ergebnisse zeigt, die sich für gesellschafts­politische, kulturelle oder sportliche Themen engagieren,  weit über das enge Raster Plakatausstellung insgesamt hinaus.

Troxlers Plakate sind Narrative im besten Sinne. 1973 zeichnet er Keith Jarrets Wege über grüne Wiesen bis ins himmlische Blau seines Karrierewegs, wie er im selben Jahr die John Warren Big Band in einem Londoner Doppeldeckerbus über einen grünen Bergbogen nach Willisau tranportiert. Ein Jahr später visua­lisiert er das Saxophon von Marion Brown blütenumkränzt. Ihrem Horn schei­nen zarte Klänge zu entweichen, die eine Blumenwiese beleben, wie das hoff­nungsvolle Blümchen in der geballten Widerstandsfaust von Archie Shepp 1976 Lebenswille trotz allem symbolisiert.

Immer auf der Suche nach einem einprägsamen Design, das die Musiker cha­rakterisierend umschreibt, gelingen ihm eindrucksvolle Ergebnisse. Spielt Trox­lers Bildlösung des Duos David Murray – Sunny Murray 1986 mit Momenten ei­ner irritierenden Wahrnehmungstäuschung, umreißt er das Porträt von Thelo­nious Monk mit einer Linie, die aus der Aneinanderreihung der Musikernamen von A Tribute to the Music of Thelonious Monk besteht.

Mit Beginn der 1990er Jahre wird das narrative Design zugunsten einer assozia­tiven Farbflächengestaltung zurück gedrängt. Miniature von 1990 entzif­fert sich wie Echos of Techno (2000) nur noch assoziativ. Am Ende schließt sich der Kreis. Troxlers Plakate haben ihre Botschaften als Geheimnis hinter den Formaten für die kurze Zeit des Ausstellungsrundgangs offengelegt. Mit einem zufriedenen Lächeln taucht man mit der Gewissheit, dass das Jazzfest Willisau auch 2018 wieder stattfinden wird, wieder in den Alltag ein.

29.12.2017

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