Die Normandie und ihr impressionistischer Horizont

Claude Monet, Vue générale de Rouen, 1892, Öl auf Leinwand, Musée des Beaux Arts, Rouen (c)Métropole Rouen Normandie, Foto Catherine Lancien, Carole Loisel

Großer Andrang Sonntag, 16:30 im Kunstmuseum Picasso Münster. Zwei Füh­rungen parallel versammeln jeweils etwa ein Dutzend Besucher. Es bleiben nur noch zwei Wochen, um die außergewöhnliche Ausstellung Die Impressionisten in der Normandie nicht zu verpassen (noch bis 21. Januar 2018). Es sind selte­ne Ausleihen von Werken vor allem aus der Collection Peindre en Norman­die, Caen sowie dem Musée Eugéne Boudin, Honfleur und dem Musée des Beaux-Arts, Rouen zu sehen.

In den Umgebungen von Caen, Honfleur und Rouen sind die allermeisten Wer­ke entstanden. Dass sie dort bis heute auch ihren öffentlich vertretenen Sammlungsschwerpunkt haben, steht für einen bis heute relevanten, authentis­chen Moment von Bild und Abbild der Normandie. Für die Zeit der Ausstell­lung bringen die ausgeliehenen Arbeiten jetzt den Duft und das Licht der Normandie nach Münster. Dass die Ausstellung einen Bogen von der ro­mantischen Landschafts­malerei zur post-impressionistischen Malerei schlägt, ist vor den Werken direkt zu erleben, wie sie gleichzeitig eine ei­gene Grand Tour de Norman­die anzuregen vermag.

Die Normandie, von England aus betrachtet, war schon seit Jahrhunderten ein dezidiertes Eingangstor nach Westeuropa. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wird die Landschaft mit ihrer originären Schönheit vom pitturesque traveller wahrgenommen und als Grand Tour entdeckt.

Wie das Zusammenspiel von Licht, Luft und Wasser in dieser Landschaft fran­zösische Maler in dieser Zeit verstärkt anzieht und sie zu ihrer Malweise inspi­riert hat – von der Kunstgeschichte als Impressionisten benannt -, davon er­zählt die Ausstellung. Mit der sogenannten hellen Malerei (peinture claire), von William Turner als Freiluftmalerei sur le motif vorgemacht, finden Maler wie Eugéne Boudin, CharlesFrançois Daubigny, Johan Barthold Jongkind oder Eugéne Le Poittevín in der normannischen Landschaft Inspiration und Motivati­on sowie damit ihre künstlerische Verwirklichung.

Auch wenn sie in der Kunstgeschichte im Vergleich zu Claude Monet und Jean-Baptiste Camille Corot  häufig nur als Randnotiz erscheinen – als Kleinmeister (Boudin), als Wegbegleiter von Corot (Daubigny), als Marinemaler (Jongkind), von dem es allerdings sogar heißt, Monet habe ihm viel zu verdanken -, sind sie mit ihrer spontanen, skizzenhaften Malweise, inklusive der impressionistischen Horizont­linie richtungsweisend für den Impressionismus überhaupt. Eine nicht näher bezeichnete Fotografie im Eingangsbereich zeigt den Typus des Freiluftmalers. Strohhut und Sonnenschirm dosieren das Licht vor der Staffelei, während der Bart als eine der Natur zugewandte Mode gelten kann: Glücklich wer ein Land­schaftsmaler.

Wie sich der Eigenwert der Landschaft, malerisch fixiert in einem bestimmten Zeitmoment, von einem eher romantischen Blick von Paul Huet in Ansicht des Chateau d’Arques-la-Bataille (1857) oder dem Narrativ Baden bei Étretat (1858) von Eugéne Le Poittevín bis zu Albert Lebourgs Impressionen Die Seine bei Rouen (um 1886) und weiter zu denen von Claude Monets mit Blick über Rouen (1892) verändert, erschließt sich beim Rundgang durch die Ausstellung nach­haltig.

Immer wieder ist zu beobachten, wie sich Ausstellungsbesucher ge­genseitig auf die Wirkung des Lichts aufmerksam machen: Du musst das Bild mit Abstand betrachten. Erst dann siehst Du den Lichteffekt des Felsen­durchbruchs bei Étretat von Monet wie durch ein Schlüsselloch.  

Die Landschaft bei Étretat, wo sich Künstler und Bourgeois frei und ungezwun­gen, wie sonst bis dahin selten, begegnen, scheint eine besondere Faszination zu haben. Die Postkarten­motive Cotes de Normandie, Les Falaises oder Étretat  – Le Bains de Mer haben nicht nur Le Poittevín und Monet inspiriertsondern strahlen bis in das 20. Jahr­hundert (Maurice  Louvrier, Das Manneporte bei Étretat, um 1938).

Die Ausstellung im Kunstmuseum Picasso Münster macht eine Empfehlung für 2018 geltend: Nach der Ausstellung ist vor dem nächsten Normandie-Urlaub.

08.01.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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